Short Story - # 19

Vorgabe: "Sanft und sehr leidenschaftlich küsste er ihren Hals.
Plötzlich stockte ihr der Atem ..."
von: Melanie
Genre: Thriller

 

Titel: Kraft der Gedanken


Cora nahm einen großen Schluck Wasser und kämpfte mit sich, die Schmerztablette zu schlucken. Erst Mittag und bereits die vierte Tablette. Das Zittern erfasste nun ihren ganzen Körper. Die Matratze gab unter ihrem zierlichen Körper nach und die Mittagssonne erhellte den gesamten Raum. Das Stechen im Nacken meldete sich wieder und sie versuchte den Schmerz weg zu massieren. Währenddessen fischte sie mit der freien Hand ihr Handy vom Nachttisch. Kein verpasster Anruf. Keine neue Nachrichten. Die scharf eingezogene Luft füllte ihre Lungen und Cora schloss ihre Augen. Die Gedanken kreisten wie ein hartnäckiger Geist durch ihren Kopf. Wie soll es nur weitergehen? Hat es sich Andreas doch nochmal überlegt? Warum meldet sich Dr. Held nicht? Ein Piepton riss sie aus ihrem Gedankenkarussell. Das Display zeigte eine neue Nachricht von ihrem Mann an. Hey Cora. Der Flug hat Verspätung. Ich werde erst kurz vor Mitternacht zuhause sein. Eine Welle von Trauer erfasste sie. Kein „Schatz“, kein „Ich freue mich auf dich.“, kein „Ich liebe dich.“. Immerhin hatte er sich gemeldet. Das war mehr, als sie in der derzeitigen Situation verlangen konnte. Die Kopfschmerzen ließen nicht nach. Deshalb entschied sie ein Nickerchen zu halten. Sie verdunkelte das Schlafzimmer, kroch unter die Decke und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee zog die Treppe hinauf, direkt in ihre Nase. Sie streckte ihren Körper durch und öffnete dabei langsam die Augen. Ihr Nacken fühlte sich besser an und die Kopfschmerzen waren deutlich zurückgegangen. Sie erhob sich, warf sich den Morgenmantel über und ging langsam die Treppen hinab. Als sie um die Ecke in die Küche bog, traute Cora ihren Augen nicht. Sie erblickte einen liebevoll gedeckten Frühstückstisch. Eine kleine Vase mit einer Rose stellte den Mittelpunkt des Tisches dar. Der Duft von frischen Brötchen vermischte sich mit dem Kaffeegeruch und bildete eine perfekte Symbiose. Verwirrt und erfreut zugleich blickte sie auf die Küchenuhr. Die Zeiger standen auf kurz vor Acht Uhr morgens. „So lange habe ich geschlafen?“ entkam es Cora entsetzt. „Das waren wohl zu viele Schmerztabletten“ murmelte sie leise vor sich hin. Sie hatte offensichtlich so tief geschlafen, dass sie nicht einmal Andreas Ankunft bemerkt hatte. Aufkeimende Hoffnung kroch in ihr hoch. Hatte er tatsächlich seine Meinung geändert? Ein gedeckter Frühstückstisch samt Rose konnten nur das bedeuten. Ihr knurrender Magen holte sie aus ihren Gedanken und sie griff hungrig nach dem Inhalt des Brotkorbes.

„Na, Schlafmütze? Gut geschlafen?“ Andreas tauchte in der Küche auf und lächelte sie liebevoll an. Cora fühlte ein Gefühl in ihr hoch steigen, dass sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Sie war wieder glücklich. Auf ihrem Gesicht machte sich ebenfalls ein Lächeln breit und als sie sich umdrehte, blieb ihr schon fast das Stück Brot im Hals stecken. Andreas kam auf sie zu und nahm sie in den Arm. Zärtlich hauchte er ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn. Doch sie konnte sich nicht bewegen. Sie war erstarrt. „Cora, Schatz. Wir müssen reden. Ich hatte nun genug Zeit über uns nachzudenken. Setz dich.“ Er schob seine Frau sanft in Richtung Stuhl und machte ihr mittels einer Handgeste klar, dass sie Platz nehmen soll. Andreas nahm ihr gegenüber Platz, schenkte sich und Cora frischen Kaffee ein und öffnete geschickt das Marmeladenglas. „Also“, begann er weiter zu sprechen. „In Russland war es kalt und einsam. Und ich habe die Möglichkeit genutzt, über uns nachzudenken. Ich weiß, ich weiß. Es wird nicht einfach sein. Wir haben viel zu bereden. Viel zu verzeihen. Aber ich will, dass wir es schaffen. Gemeinsam.“ Erwartungsvoll sah er sie mit seinen strahlend blauen Augen an. Sie starrte zurück. Verwirrt. „Cora?“ „Ja?“ „Was sagst du dazu?“ Sie versuchte etwas zu antworten, doch sie schaffte es nicht. „Was ist los? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Andreas begann zu lachen. Er versuchte die peinliche Stille damit zu überspielen. „Wer bist du?“ Cora erhob sich so energisch, dass der Stuhl hinter ihr mit einem lauten Knall zu Boden fiel. Verwirrt sah er sie an. Ihre Atmung wurde schneller, ihr Herz begann zu rasen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so ein Gefühl erlebt. Fühlte sich so eine Panikattacke an? Ihr Körper begann zu zittern und ihr Magen verkrampfte sich immer wieder. Übelkeit stieg in ihr auf. Eine unermessliche Angst kroch in ihren Gliedern hoch. „Schatz! Beruhige dich. Was ist mit dir?“ Ihr Ehemann stand auf und trat einen Schritt auf sie zu. „Bleib stehen!“, schrie sie. „Komm ja keinen Schritt näher!“ Ihr Hals schnürte sich zu und Cora hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. „Willst du etwa doch die Scheidung? Bitte. Kannst du haben!“ Andreas schlug mit seiner Faust auf den Tisch und verließ wütend die Küche. Cora stand noch immer an der selben Stelle und konnte sich keinen Millimeter bewegen. Sie hörte, wie er sich eine Jacke überzog und das Haus verließ. Ihre Beine gaben unter ihr nach und sie sank schwach zu Boden. Die plötzlich wieder auftretenden Kopfschmerzen vernebelten ihren Kopf und so sehr sie es auch versuchte, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wer war dieser Mann? Er sah zwar aus wie Andreas, aber sie war sich sicher, dass dieser Mensch nicht ihr Ehemann war. „Was passiert hier?“ fragte sie unter Tränen in die Stille. Doch Cora bekam keine Antwort.

Sie stützte sich auf dem am Boden liegenden Stuhl ab und erhob sich schwerfällig. Das Pochen hinter den Schläfen wurde unerträglich. Langsam verließ sie die Küche und musste viel Kraft aufwenden, damit sie die Treppen hoch in das Schlafzimmer nehmen konnte. Nachdem sie zwei Schmerztabletten geschluckt und der Schmerz wieder weniger geworden war konnte sie ihre Gedanken ordnen. Sie dachte an die Telefonate, die sie mit Andreas geführt hatte, während er in Russland war. Seine Stimme klang wie immer und sie war sich sicher, dass sie auch mit Andreas telefoniert hatte. Seltsam war, dass er seine Geschäftsreise um zwei Wochen verlängern hatte müssen. Ein „Zwischenfall“ hatte ihn aufgehalten und deswegen konnte er nicht nachhause kommen. Damals hatte sie den Verdacht, dass sie der Grund wäre. Sie ging gedanklich wieder den großen Streit durch. Als sie auf seinem Handy eine Nachricht gelesen hatte. Von einer gewissen Jenny und dass sie ihn vermissen würde. Nachdem sie ihren Mann zur Rede gestellt hatte, erzählte er ihr alles. Er beichtete ihr seine Affäre mit eben dieser Jenny und dass er Cora nicht mehr lieben würde. „Ich will die Scheidung“, hatte er resigniert erklärt. Cora‘s Leben brach in Sekundenbruchteilen auseinander. Sie hatte es nicht kommen gesehen, denn sie war der Meinung, dass sie eine gute Ehe führen würden. Klar gab es ab und zu Probleme und Streit, doch das kam doch in jeder Ehe vor. Nie im Leben hatte sie sich gedacht, dass sich Andreas mit einer anderen Frau trösten würde. Der Gedanke an ihn in den Armen einer anderen Frau widerte sie an. Das Knallen der Haustür riss sie aus ihren Gedanken und sie spürte wieder diese Angst in ihr hochkriechen. Er war wieder zurück gekommen. Dieser fremde Mann, der aussah wie Andreas. Doch sie war sich sicher, dass er nicht der war, für den er sich ausgab. Als sie ihm in der Küche in sein Gesicht blickte konnte sie das vertraute Gefühl nicht spüren. Sie spürte gar nichts. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen. Sie wusste, dass Andreas etwas zugestoßen war und dieser Mann auch ihr etwas antun würde. Panisch griff sie nach ihrem Handy. Sie wollte die Polizei rufen, damit sie diesen Fremden verhaften. Doch sie griff ins Leere. Ihr Handy lag nicht mehr am Nachttisch. Hatte sie es mit in die Küche genommen? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Seltsam war auch, dass sie so lange durchgeschlafen hatte. So tief und fest, dass sie nicht mitbekam wie sie dieser fremde Mann in ihr Haus schlich. Verzweifelt und ängstlich kroch sie unter die Bettdecke und kauerte sich zusammen. Was sollte sie nur tun? Sie musste Hilfe holen. Wo war ihr verdammtes Telefon?

Ein leises Klopfen ließ sie aufwachen. Verwirrt setzte sie sich auf und blickte auf die Uhr. Sechs Uhr abends. Erneut wurde an die Tür geklopft. „Schatz? Kann ich rein kommen?“ Cora wusste nicht, was sie tun sollte. Verzweifelt zog sie die Decke höher und presste sich diese an die Brust. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und Andreas betrat den Raum. „Können wir in Ruhe reden?“ Cora sah in sein Gesicht und erkannte kein bisschen an ihm wieder. „Ich. Ich.“ stotterte sie. „Was ist los mit dir?“ „Ich brauche Kaffee.“ Verwirrt sah er sie an. „Okay. Ich mache dir Kaffee. Wenn wir danach reden können?“ Sie gab ihm keine Antwort, sie starrte ihn nur an. Kopfschüttelnd verließ er das Schlafzimmer und ging in die Küche. Jetzt hatte sie die Gelegenheit, ihr Handy zu suchen. Sie durchwühlte sämtliche Schubladen und Kästen, suchte unter dem Bett, doch sie fand es nicht. Also musste sie es doch heute Morgen mit in die Küche genommen haben. Vorsichtig stieg sie die Treppen hinab und betrat die Küche. Andreas stand bereits mit einem Becher dampfendem Kaffee in der Hand da und hielt ihn ihr entgegen. „Hier.“ Mehr wusste er ebenfalls nicht zu sagen. Zögernd griff sie nach der Tasse und setzte sich an den Küchentisch. Sie musste nun Ruhe bewahren und durfte nicht wieder in Panik geraten. Sie stellte den Becher vor ihr ab, ohne davon einen Schluck zu nehmen. Sie wusste zwar nicht was mit Andreas passiert war, doch ihr war klar, dass dieser Mann das selbe mit ihr vorhatte. Bestimmt war in dem Kaffee ein Schlafmittel. Nur so konnte sie es sich erklären, dass sie wieder so lange und tief geschlafen hatte. Oder vielleicht war sogar Gift in dem Getränk und er hatte vor, sie zu töten. Cora nahm allen Mut zusammen und räusperte sich. „Hast du mein Handy gesehen?“ Überrascht sah er sie an und lächelte danach. „Ja. Ich habe es gestern Nacht vom Nachttisch genommen und ins Wohnzimmer gelegt. Ich wollte nicht, dass du wach wirst, falls dich jemand anruft. Ich weiß doch, dass du Schlaf bitter nötig hattest.“ Cora sah ihn skeptisch an. „Wie kommst du darauf?“ Andreas lachte verwirrt auf. „Weil du erzählt hast, dass dich deine starken Kopfschmerzen vom Schlafen abhalten?“ Warum formulierte er diesen Satz als Frage? Wenn es sich tatsächlich um Andreas handeln würde, müsst er dies als Tatsache aussprechen. Wieder ein Hinweis, dass dieser Mann nicht ihr Ehemann war. Cora nickte zustimmend. „Das stimmt.“ Der Mann setzte sich ihr gegenüber und sah sie liebevoll an. Sein Blick widerte sie an. „Du hast doch noch gar keinen Schluck getrunken. Ich dachte, du willst Kaffee“, stellte er fest. „Ja. Richtig.“ Seine Frau sah die Tasse an. „Würdest du mir bitte meine Telefon holen?“ Andreas seufzte und stand auf. „Irgendwie bist du komisch“, sagte er frustriert und verließ die Küche. Blitzschnell stand sie auf, schüttete den Inhalt ihrer Tasse in den Ausguss, spülte sie kurz mit klarem Wasser ab und schenkte sich neuen Kaffee ein. Sie bemerkte nicht, dass der Mann bereits wieder hinter ihr stand und sie beobachtete.

Als sie sich umdrehte, erstarrte sie. Schnell stotterte sie eine Erklärung. „Ich habe mir nur nachgefüllt.“ Er sah sie an und nickte zustimmend. „Nichts anderes hab ich mir gedacht“ antwortete er und deutete zu dem Küchentisch. „Ich muss wirklich mit dir sprechen. Bitte setz dich doch.“ Langsam umrundete sie den Mann mit eingezogenem Kopf. Sie spürte, wie ihr die Angst im Nacken saß. Sie musste so schnell wie nur möglich aus dem Haus und zur Polizei. Nachdem auch er sich gesetzt hatte begann er nach einer Weile des Schweigens zu sprechen: „Cora. Vor zwei Stunden hat Dr. Held angerufen.“ Während er die Worte sagte, legte er ihr Handy vor sich auf den Tisch. „Er hatte leider keine guten Nachrichten.“ Sie war verwirrt. „Was meinst du damit?“ „Er hat die Vermutung, dass du einen Tumor hast. Einen Hirntumor.“ Er starrte weiter auf das Handy vor sich. „Ich habe was?“ Ihre Gedanken überschlugen sich. Das konnte nicht wahr sein. Was wollte ihr dieser Fremde weismachen? Der Schock saß tief. Sie wusste zwar, dass er log aber ihr Unterbewusstsein war ganz anderer Meinung. Die Nachricht traf sie wie ein harter Schlag. Sie musste sich Klarheit verschaffen. „Ich will selber mit ihm sprechen“, antwortete sie wie ein trotziges Kind. Andreas schnaubte verständnislos. „Glaubst du mir etwa nicht?“ Ihre Augen füllten sich aus Angst mit Tränen. Sie war alleine mit einem fremden Mann, der sie vergiften wollte. Der ihr gerade erklärt hatte, dass sie einen Gehirntumor hatte. Der ihr Handy mit Adleraugen bewachte und ein perfides Spiel mit ihr spielte. Es wäre ein Einfaches, aufzustehen und das Haus zu verlassen. Doch ihre Todesangst lähmte ihren Körper und ihren Geist. Sie wusste weder ein noch aus. „Ich will, dass Dr. Held hierher kommt und es mir selbst sagt.“ Zu mehr war sie nicht im Stande. Eine weitere Welle Müdigkeit übermannte sie und hüllte sie in Dunkelheit.

„Frau Schulz? Können sie mich hören?“ Cora blinzelte und sah sich um. Sie befand sich im Wohnzimmer und neben ihr saß Dr. Held. „Frau Schulz! Aufwachen!“ Geschwächt setzte sich Cora auf und rieb sich die Augen. Andreas und der Doktor sahen sie abwartend an. „Was ist passiert?“ „Sie hatten einen Schwächeanfall. Herr Schulz hat mir erzählt, dass sie schon länger nichts mehr gegessen haben. Die schlechte Nachricht hatte ihnen dann noch den Rest gegeben. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.“ Die mitfühlende Stimme beruhigte Cora. „Doktor. Ich möchte kurz mit ihnen alleine sprechen.“ Sie sah ihn flehend an und hoffte, dass der fremde Mann die beiden kurz alleine ließ. Ihr Plan ging auf. Andreas entschuldigte sich und verließ das Wohnzimmer. Nachdem sie sicher sein konnte, dass er außer Hörweite war, griff sie panisch nach der Hand des Doktors. „Sie müssen mir helfen. Mein Mann ist in Gefahr. Oder bereits tot. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass dieser Mann nicht Andreas ist. Er sieht zwar aus wie er, aber er ist es nicht. Bitte helfen sie mir. Er will mich vergiften. Das ist der Grund, warum ich immer wieder einschlafe. Doktor Held, bitte! Helfen sie mir!“ Cora überrollte wieder eine Welle von panischer Angst. „Frau Schulz. Beruhigen sie sich. Bitte. Hier. Nehmen sie einen Schluck Wasser.“ Er reichte ihr ein Glas und nippte daran. „Atmen sie tief ein, Frau Schulz.“ Cora tat, wie ihr geheißen. Nach einigen tiefen Atemzügen hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff. Mit flehenden Augen sah sie ihn an. „Bitte, helfen sie mir!“

Dr. Held nahm neben Cora Platz, legte seinen Arm um sie und begann beruhigend auf sie einzureden. „Frau Schulz. Sie müssen mir jetzt genau zuhören. Okay?“ Sie nickte. Danach erklärte er ihr sämtliche Details. Er hatte bei der letzten Untersuchung bereits den Verdacht auf einen Hirntumor und wollte ihr aber noch nichts davon sagen. Er wollte erst eine Magnetresonanztomographie durchführen lassen, um sicher sein zu können. Er erklärte weiter, dass die stark auftretende Müdigkeit damit zusammenhängt, dass sie wahrscheinlich bereits längere Zeit weder gegessen noch ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen hat. „Das macht jedem Körper zu schaffen“, erklärte er mitfühlend. „Und dann gibt es da noch etwas“, sprach er weiter. „Es gibt eine selten auftretende Krankheit, die mit ihrem wahrscheinlich vorhandenen Hirntumor zusammenhängt. Es wird das Capgras Syndrom genannt. Betroffene sind der Meinung, dass nahe Angehörige durch Doppelgänger ausgetauscht wurden und ihnen etwas Schlimmes antun wollen. Sie können für die nahestehenden Personen nichts mehr empfinden, weil sie sie nicht mehr erkennen. Der Tumor drückt auf die Stelle im Gehirn, die für die Emotionen zuständig ist. Verstehen sie das?“ Cora schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Sie war doch nicht verrückt. Sie wusste, dass Andreas zwar so aussieht wie ihr Mann. Er verhält sich auch nicht anders. Aber sie fühlte, dass dieser Mann nicht die Seele von Andreas besaß. Er war schlichtweg ein Fremder für sie und Dr. Held glaubte ihr nicht. „Frau Schulz? Haben sie verstanden, was ich ihnen gerade gesagt habe? Sie werden nicht verfolgt. Ihr Mann ist nach wie vor ihr Mann. Niemand will sie töten. Ich habe für sie morgen vormittags einen Termin zur Magnetresonanztomographie vereinbart. Danach wissen wir mehr. Sie brauchen keine Angst zu haben.“ sprach Dr. Held auf sie ein. Andreas lehnte am Türrahmen und beobachtete die beiden.

Nachdem Dr. Held Cora ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht hatte, verabschiedete er sich und Andreas begleitete ihn noch zur Tür. Danach kam Andreas zurück, setzte sich neben sie und sah sie an. „Schatz. Ich liebe dich. Und ich werde dir in dieser schweren Zeit beistehen. Ich verspreche dir, dass ich dir nie weh tun werde.“ Cora blickte ihn emotionslos an. „Du bist nicht Andreas. Was hast du mit meinem Mann getan?“, fragte sie ihn kühl. Andreas packte sie an ihren Schultern. „Sieh mich an und hör mir zu. Ich bin Andreas. Ich bin dein Mann. Und ich liebe dich!“ Cora stellte fest, dass das Beruhigungsmittel seine Wirkung entfaltete. Wahrscheinlich bildete sie sich tatsächlich alles ein. Alles, das Dr. Held ihr erzählte, klang plausibel und ehrlich. Sie sah Andreas an und bildete sich ein, ein vertrautes Gefühl ihm gegenüber zu verspüren. Sie nickte. „Ich denke, ich vertraue dir.“ Ein kaum merkbares Lächeln flog über sein Gesicht während er sie näher an sich heranzog. Sanft und sehr leidenschaftlich küsste er ihren Hals. Plötzlich stockte ihr der Atem, als sie die Nadel der Spritze an ihrer anderen Halsseite spürte. Kurz danach glitt sie in eine lange Dunkelheit.