Short Story - # 17

Vorgabe: "Aufgeben?! No way! Aufgegeben wird nur ein Liebesbrief."
von: Daniela
Genre: Urban Fantasy

 

Titel: geheilter Schmerz

„Bitte Mann!“ Jack sah ihn aus verbitterten Augen an. „Kannst du nicht ausnahmsweise ein Auge zudrücken?“ Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und ballte diese zu Fäusten. So stark, dass das Blut aus den Knöcheln verschwand. „Verpiss dich, Alter!“ Jack zuckte kurz zusammen und eine Schweißperle bahnte sich ihren Weg über seine Stirn hinab in Richtung Nasenwurzel. „Du weißt, dass ich es brauche!“ „Dann sieh zu, dass du die gesamte Summe auftreibst. Erst dann brauchst du wiederzukommen.“ Gefährliche Augen blitzten Jack an. Nach einer kurzen Sprechpause begann der Mann ihn anzugrinsen und fügte hinzu: „Und dann bekommst du, was du willst. Ganz einfach.“ Jack zog seine linke Hand aus der Hosentasche und begann nervös auf einem Fingernagel zu kauen. Er versuchte in seinem Kopf eine Lösung zu finden. So schnell wie nur möglich. Doch sein Gehirn verwehrte ihm sämtliche logische Gedankengänge. Eine verdammte Nebenwirkung und deswegen musst er zusehen, so schnell wie möglich an die nächste Ration zu kommen. Jack versuchte nochmals sein Glück.

Mit zittrigen Händen zog er einen zwanzig Euro Schein aus seiner Jackentasche. „Hier, Mann. Ich gebe dir mein letztes Geld und du gibst mir meine Ration. Und morgen bringe ich dir den Rest. Versprochen.“ „Auf dein Versprechen scheiße ich, Alter. Ich sag es dir zum letzten Mal. Zieh Leine! Jack bemerkte im Augenwinkel, dass sich den beiden zwei Gestalten näherten. „Gibt es Probleme, Dee?“ „Scheiße, ja. Der kleine Dreckskerl denkt doch tatsächlich, dass ich die Wohlfahrt wäre.“ Die beiden Männer fingen an zu lachen. „Denkt er etwa, dass es bei dir etwas gratis gibt, Dee?“ „Offensichtlich“, antwortete er höhnisch und stieg in das Gelächter mit ein. In Jacks Kopf begann sich alles zu drehen. Immer wieder versuchte er, einen klaren Gedanken zu erfassen. Leider gelang ihm das nicht. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. „Verdammt noch mal ...“, dachte er sich. Wie kann ich nur an dieses scheiß Heroin ran kommen? Er presste seine Augen fest zusammen, in der Hoffnung sich dadurch besser konzentrieren zu können. Ich muss nur schnell genug sein. Ihm eine reinhauen, in seine Hosentasche, in der er die kleinen Päckchen Heroin aufbewahrt, zu greifen und danach loszulaufen. Soweit und so schnell wie mich meine Beine nur tragen können. Doch wie sollte das nur gehen? Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Die beiden Männer hatten sich in der Zwischenzeit so hinter ihm positioniert, dass er sich wie ein verwundetes Tier in einer ausweglosen Falle fühlte. Er wischte sich den Schweiß von seiner Stirn und von seinen Augenlidern.

Wie lange war es bereits her, dass er sich den letzten Schuss gesetzt hatte? Fünf Stunden? Zehn? Zwei Tage? Er wusste es nicht mehr. Der Rausch ließ Jack immer jegliches Zeitgefühl verlieren. Er kann sich nur daran erinnern wie er sich in einer Seitengasse den Schuss gesetzt hatte und dass es verdammt guter Stoff war. Innerhalb kürzester Zeit fühlte er sich so wohl und seine Angstzustände verschwanden restlos. Jedes Mal, nachdem er sich Heroin gespritzt hatte, fühlte er sich entspannt und angenehm gleichgültig. Er vergaß für Stunden seine Vergangenheit und seine Probleme. Immer wieder, wenn er von seinem Trip runter kam, stellte er sich die Frage, ob es nicht einfacher für ihn wäre, sein Leben einfach zu beenden. Und immer wieder kam er zu dem Entschluss, dass es tatsächlich einfacher wäre. Einfacher für seine versnobten Eltern, die nach wie vor der Meinung waren, mit Geld alles kaufen zu können. Und andererseits wäre es auch für ihn einfacher. Er müsste nicht mehr darüber nachdenken, wie er an das nächste Geld kommen würde, damit er sich wieder sein so heiß ersehntes Heroin besorgen konnte. Doch er war zu feige. Er war nicht stark genug. Er hatte schon oft den Entschluss gefasst, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Wie oft hatte er sich eine Rasierklinge an seine Pulsadern gesetzt? Oft. Und genauso oft war er einfach nicht dazu fähig, denn seine Angstzustände hatten ihn fest im Griff. Er presste wieder seine Augen fest zusammen und in diesem Moment setzte sein Gehirn aus. Wie mechanisch ballte er seine rechte Hand zu einer Faust und rammte sie dem Dealer in sein Gesicht. Dee ging mit einem Aufschrei zu Boden und hielt sich dabei seine offenbar gebrochene Nase.

Innerhalb von Sekunden griff Jack in die Hosentasche seines Opfers und bekam ein Päckchen zu fassen. Blitzschnell zog er seine Hand wieder heraus und begann zu laufen. Doch er kam nicht sehr weit. Einer der beiden Männer bekam ihn zu fassen und hielt ihn fest, der zweite schlug Jack mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Jack ging zu Boden und verlor die Orientierung. Großer Schmerz durchdrang jedes Mal seinen gesamten Körper, wenn ihn die Fußtritte mitten in seinem Magen trafen. Das andere Paar Füße trat ihm gegen den Kopf. Immer wieder durchfuhr ihn eine unerträgliche Welle von Schmerz. „Aufhören!“, befahl Dee von Weitem. Die beiden Männer ließen sofort von ihm ab. Sie mussten ihn noch nicht einmal festhalten, denn sie waren sich sicher, dass er bereits zu schwach war, um flüchten zu können. Dee erhob sich mit blutender Nase vom Boden und klopfte sich den Straßenstaub von seinen Hosenbeinen. Langsamen Schrittes näherte er sich Jack, der sich vor Schmerzen am Boden krümmte. „Dreht ihn auf den Rücken.“ befahl der Dealer und seine beiden Freunde folgten ihm aufs Wort. „Der Dreckskerl gehört mir. Ich erledige den Rest.“ Er kniete sich neben Jack und nahm ihm das Päckchen Heroin aus seiner vor Schmerz verkrampften Faust. Mit einem abartig sanften Lächeln im Gesicht steckte er das Diebsgut ein und stand wieder auf. „Haltet ihn an den Armen fest“, befahl er weiter und die beiden taten wie geheißen. Dee drückte Jack sein linkes Knie tief in seine Magengrube, verlagerte sein gesamtes Körpergewicht auf den einen Punkt und Jack schrie vor Schmerzen auf. Als er vor Schwäche verstummte, begann Dee zu flüstern. „Niemand bestiehlt mich ohne Konsequenzen. Hast du verstanden?“ Jacks Herz raste und sein Atem wurde immer schneller. „Nicke, wenn du mich verstanden hast!“, brüllte er ihn nun an. „Hast du mich gehört, Arschloch? Niemand! Bestiehlt! Dee!“ Noch bevor Jack aus letzter Kraft nicken konnte, raste Dee‘s Faust mit hoher Geschwindigkeit auf den Kopf seines Opfers herab und zerschmetterte ihm ebenfalls seine Nase. Der zweite Schlag traf Jacks rechte Schläfe und der dritte mit voller Wucht sein rechtes Auge. Die nachfolgend auf ihn niederprasselnden Schläge bekam Jack nicht mehr mit, da die Schmerzen so unerträglich wurden und sein Körper und Geist beschlossen, nichts mehr fühlen zu wollen. Er verlor sein Bewusstsein.

„Hey, Schlafmütze. Wie geht es dir? Alles klar?“ Jack versuchte, langsam seine Augen zu öffnen. Als die intensiven Sonnenstrahlen hinter seine Augenlider drangen, musste er heftig blinzeln. „Das darf doch nicht wahr sein. Er verschläft einen wunderbaren Frühlingstag!“ Der junge Mann neben Jack schüttelte ungläubig seinen Kopf und hielt danach seine Nase in die aufkommende Windbrise. „Herrlich, diese frische Brise. Man kann den Frühling förmlich riechen. Riechst du es auch, Jack?“ „Was …? Wer …?“ Jack war verwirrt. Es dauerte einige Minuten bis er halbwegs bei klarem Verstand war. Der junge Mann ließ ihm scheinbar die nötige Zeit, um zu sich zu kommen. Er hielt währenddessen sein Gesicht der Sonne entgegen und schloss dabei die Augen. „Wo bin ich?“, frage Jack nach einiger Zeit. „Und vor allem. Wer bist du?“ „Hi! Mein Name ist Charlie. Ich habe dich hier liegen gesehen und dachte mir, dass du Gesellschaft gebrauchen könntest.“ Verwirrt sah sich Jack um. Was war hier los? Bilder, welche die blutige Faust von Dee zeigten, rasten durch seinen Kopf und automatisch begann sein Herz wieder schneller zu schlagen. Er hob seine Hand und tastete vorsichtig seine Nase ab. Zu seiner Überraschung war sie nicht gebrochen. Nicht ein einziger Schmerz ließ sich erahnen, es war fast so als ob seine Pein nie stattgefunden hatte. Argwöhnisch sah er den jungen Mann neben ihm an. „Charlie. Richtig?“ Charlie nickte. „Richtig.“ „Wo sind wir? Ich kenne diesen Park nicht.“ „Mann! Was ist los mit dir? In diesem Park hast du die letzten zwei Jahre deines jungen Lebens verbracht.“ Charlie schüttelte ungläubig seinen Kopf. Dabei klimperte der kleine Anhänger an seiner Halskette fröhlich umher. Jack nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass es sich um eine kleine Marke mit einer eingravierten Nummer handelte. „Willst du mich auf den Arm nehmen? Das kann nicht sein!“ Entrüstet setzte sich Jack auf. Als er mit seinen Handflächen den grünen, satten Rasen berührte, zuckte er unwillkürlich zusammen. So intensiv hatte er schon lange keine Berührung mehr erlebt. Was wollte ihm dieser fremde Typ weismachen? Jack wurde immer skeptischer. Woher wusste er seinen Namen? Er hatte noch nie zuvor in seinem Leben mit ihm gesprochen, geschweige denn ihn jemals gesehen. Und wie konnte er wissen, dass er die letzten zwei Jahre kein Dach über seinem Kopf hatte und sich nächtelang im Park herumtrieb? „Komm Jack. Heb deinen Hintern hoch. Lass uns eine Runde spazieren gehen.“

Jack schnaubte abfällig. Spazieren gehen? Meinte er es ernst? Er war seit Jahren schon nicht mehr spazieren gegangen. Was sollte das für einen Sinn haben? „Lass mich in Ruhe, Charlie. Ich kenne dich nicht und werde bestimmt nicht mit dir kommen.“ Er verschränkte seine Arme vor der Brust und stellte erstaunt fest, dass er auch in der Magengrube keinen Schmerz verspürte. Im Gegenteil. Er hatte keine einzige Verletzung an seinem Körper. Da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Er sah Charlie mit großen Augen an. „Bin ich etwa … tot?“ Jack flüsterte die Worte ehrfürchtig. „Waaaas?! Alter! Hast du Wahnvorstellungen?“ Charlie lachte laut auf. „Und was sollte das hier sein? Das Paradies? Glaub mir, Jack. Das Paradies sieht bestimmt anders aus.“ Er klopfte ihm auf seine Schulter und sprach weiter: „Komm jetzt. Es ist wunderbares Wetter. Und vom lustlosen herum sitzen haben wir beide nichts. Also, hopp! Auf geht’s!“ Charlie sprang motiviert auf und stieg ungeduldig von einem Bein auf das andere, während er wartete, dass sich Jack langsam erhob. Die Gedanken rasten wieder durch Jacks Kopf. Wenn ich nicht tot bin, dann bin ich gerade auf einem sehr seltsamen Trip. Eine andere Möglichkeit konnte es nicht geben. Nachdem er aufgestanden war, nahm er die intensive Wärme der Sonnenstrahlen wahr. „Jack! Komm weiter!“ Charlie war bereits einige Meter voraus gegangen und er folgte ihm, ohne weiter darüber nachzudenken. Obwohl er ihn nicht kannte, wirkte dieser Fremde namens Charlie auf ihn seltsam vertraut. Sprachlos gingen die beiden nebeneinander her und Jack genoss die Stille. Er war so sehr damit beschäftigt, die phänomenalen Sinneseindrücke, die er gerade wahr nahm, in sich aufzunehmen. Noch nie hatte er einen solch intensiv schönen Trip erlebt. Er beobachtete das satte Grün des Rasens, lauschte dem melodischen Zwitschern der Vögel in den Bäumen und bestaunte das Glitzern der reflektierenden Wasseroberfläche des großen Sees inmitten des Parks.

Ohne Vorwarnung ergriff Charlie das Wort und holte Jack damit prompt aus seinen Gedanken. „Wie hat es eigentlich angefangen?“ „Womit?“ „Mit deinem Drogenkonsum.“ Jack sah Charlie verblüfft von der Seite an. Dabei bemerkte er, dass auf Charlies linkem Ohr eine Kerbe und am Hals eine große Narbe zu sehen war. Es wirkte so, als ob er in der Vergangenheit mit einer scharfen Klinge verletzt wurde. Eigentlich hatte Jack keine Lust ihm zu antworten, doch ohne es sich erklären zu können, begann er zu erzählen. „Um ehrlich zu sein, ich weiß es eigentlich nicht so genau warum ich damit angefangen habe.“ „Hm.“ Charlie blieb stehen und starrte nachdenklich auf den See. „Und was war deine sogenannte Einstiegsdroge?“ In Jack sträubte sich alles, doch die Worte flossen automatisch aus seinem Mund. „Angefangen hat es mit Amphetaminen. Das, was man halb legal in den Apotheken bekommt. Und am Wochenende habe ich ab und zu diverse Partydrogen wie zum Beispiel Ecstasy ausprobiert. Alles Mögliche eben.“ Charlie setzte sich auf eine Parkbank in Blickrichtung des Wassers und Jack nahm neben ihm Platz, während er weiter redete. Er wusste zwar nicht warum er das tat, aber eines spürte er sofort. Es tat ihm unheimlich gut, einem völlig Fremden zu vertrauen und all seine Gedanken und Probleme, die ihm schon lange auf der Seele brannten, erzählen zu können. Er schilderte ihm von seiner Kindheit. Eigentlich dürfte er sich nicht darüber beschweren. Er hatte immer alles bekommen, was man sich als Kind wünschte. Angefangen vom coolsten und angesagtesten Spielzeug über die neuesten Videospiele, die besten technischen Geräte. Jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Er musste nur kurz äußern was er haben wollte und bereits einige Tage später wurde ihm von einem Hausangestellten das Geschenk überreicht. Nur eines bekam er nie von seinen Eltern geschenkt. Das Gefühl, von ihnen geliebt zu werden. Sie waren kaum zuhause, reisten um die Welt. Zwei Tage in Tokio, eine Woche in Los Angeles, London und New York. Sie waren erfolgreich, in der reichen Gesellschaft hoch angesehen und knallharte Geschäftsleute. Zwischendurch waren sie zwar immer wieder einige Tage zuhause, doch auch an diesen Tagen waren sie zu beschäftigt. Um zum Beispiel einen verdammten Spaziergang mit ihm zu unternehmen. Er wurde seine gesamte Kindheit von den Hausangestellten versorgt. Klar haben sich alle bemüht, dass er sich nicht einsam fühlte, doch es war eben nicht das Gleiche als wenn man Zeit mit seinen Eltern verbrachte. Als er in die Pubertät kam, begann er zu rebellieren, versuchte aus dem Alltag auszubrechen. Er trieb sich nächtelang auf illegalen Partys herum, trank zu viel Alkohol, rauchte Cannabis und begann diverse Medikamente zu schlucken. Am Geld scheiterte es nicht. Davon hatte er immer mehr als genug zur Verfügung.

Charlie saß schweigend neben ihm und hörte ihm zu. Er verurteilte ihn nicht für seine Gedanken oder versuchte auch nicht, ihm irgendwelche klugen Ratschläge zu erteilen. Er nickte nur ab und zu und Jack hatte das Gefühl, dass er ihm wirklich zuhörte und es ihn tatsächlich interessierte. Schon oft war er bei Drogenberatungsstellen gewesen, doch noch nie hatte ihm jemand dieses Gefühl des Angenommenseins vermitteln können. Jack redete und redete. Er erzählte ihm, dass er schon oft versucht hatte sich das Leben zu nehmen, er aber schlussendlich immer zu feige dazu war. Er hatte sich immer wieder dagegen und für die Drogen entschieden. „Was meinst du, Charlie? Sollte ich all meinen Mut zusammen nehmen und aufgeben? Mir die Pulsadern aufschneiden und langsam dabei zusehen, wie das Blut aus meinen Körper sickert?“ Charlie drehte seinen Oberkörper zu Jack und sah ihn eindringlich an. „Alter. Jetzt mal im Ernst. Aufgeben?! No way! Aufgegeben wird nur ein Liebesbrief. Hast du verstanden? Ein verdammter Liebesbrief!“ Jack hob verwundert seine Augenbrauen. „Los, lass uns ein Stück weiter gehen. Ich kann nicht lange auf einer Stelle sitzen bleiben.“, sprach Charlie, erhob sich und ging in Richtung Parkausgang. Jack folgte ihm. „Was hast du damit gemeint? Ich soll nicht aufgeben? Was habe ich denn noch vom Leben zu erwarten?“ Charlie ging wortlos weiter. „Bleib stehen und gib mir eine Antwort. Die bist du mir schuldig. Ich habe dir auch mein Herz ausgeschüttet und dir von meinem scheiß Leben erzählt.“

Charlie blieb kurz vor dem Ausgang stehen und drehte sich zu dem jungen Mann um. „Was du noch vom Leben zu erwarten hast? Alles, Alter! Alles hier. Sieh dich um! Wenn du dich für das Leben und gegen die Drogen entscheidest, dann bekommst du genau das hier. Die Welt, wie sie wirklich ist. Bunt und schmutzig, laut und voller toller Klänge und Gerüche. Das ist das Leben, das du haben kannst. Mit all seinen schönen und hässlichen Seiten. So wie das Leben eben ist. Und glaub mir, es freut sich, wenn du es endlich annimmst und dich nicht mehr als Opfer siehst. Du alleine hast die Gestaltung deines eigenen Lebens in der Hand. Denk an meine Worte.“ Plötzlich nahm Jack ein gleichmäßiges Piepen wahr. Er drehte sich in die Richtung aus der das Geräusch kam und stellte rasch fest, dass es von einem in eine Seitengasse rückwärts schiebenden Lastwagen stammte. Piep. Piep. Piep. Er versuchte das Geräusch auszublenden und drehte sich wieder zu Charlie um. Doch dieser war verschwunden.

Langsam öffnete er seine Augen und realisierte, dass er sich scheinbar in einem Krankenhaus befand. Er blickte an sich herab, nahm plötzlich die Schmerzen in seiner Magengrube wahr und entdeckte eine kleine Nadel, die in seiner Vene steckte. Daran war eine Infusion angeschlossen. Regungslos lag er da und wünschte sich wieder zurück in diesen wundervollen Park. Ohne Schmerzen, Kummer oder Ängste. Zurück zu Charlie, um weiter mit ihm reden zu können. Doch es war scheinbar leider nur ein verdammter Traum. Nach einem Sekundenbruchteil vernahm er wieder das gleiche Piepen und er blickte auf die Seite. Das Geräusch stammte von dem Vitaldatenmonitor, der den Rhythmus seiner Herzfrequenz aufzeichnete.

Nach zwei Wochen sah sich Jack nervös in dem kleinen Büro um und wartete auf die ihm zugewiesene Beraterin. Die Tür wurde schwungvoll geöffnet und eine junge, hübsche Frau in seinem Alter betrat den Raum. „Hallo! Mein Name ist Jessica.“ Sie streckte ihm zur Begrüßung ihre Hand entgegen. Perplex schüttelte er diese. Danach schwebte sie förmlich um den Schreibtisch herum und nahm ihm gegenüber Platz. Er schätzte sie höchstens auf 24 Jahre, doch sie wirkte viel erwachsener als er. Ohne Atempause erklärte sie ihm in einem freundlichen, sanften Ton die neue Therapieform, die hier gratis angeboten wurde. „Magst du Hunde, Jack?“ „Ähm. Nun ja.“ „Ach. Kein Problem. Du wirst ihn lieben!“ „Wen?“, fragte er verwirrt. „Den Hund, den wir für dich ausgesucht haben. Du wirst für ihn sorgen und für ihn verantwortlich sein. Tiere sind die besten Therapeuten. Glaub mir.“ Jess, so wollte sie genannt werden, plapperte weiter und weiter. Sie erklärte ihm, dass er für ein paar Stunden in der Woche bezahlte Arbeit zugeteilt bekommen würde und sich den Rest des Tages mit dem Hund beschäftigen musste. „Mit allen Pflichten als Hundebesitzer. Tierarztkosten und zwei Drittel des Hundefutters übernehmen wir. Für den Rest musst du selbst aufkommen. Es wird dir eine kleine Wohnung zugewiesen und einmal in der Woche komme ich unangekündigt vorbei, um zu sehen, ob du alles im Griff hast oder etwas benötigst.“ Nach einer Stunde waren alle Details geklärt und Jack musste sich nochmals schriftlich dazu bereit erklären, mit aller Ernsthaftigkeit an diesem Projekt teilzunehmen, damit er sein Ziel erreichte, clean zu werden. „Okay“, sagte Jess: „Dann stelle ich dir mal deinen neuen Mitbewohner vor. Folge mir.“ Die beiden verließen das Büro und gingen hinaus auf den Hinterhof. Dort wartete bereits ein großer, schlanker Hund mit spitzen Ohren. „Dann mache dich mal mit ihm bekannt.“ Jessica schob ihn in Richtung des Hundes. Jack ging langsam auf das Tier zu und auf der Hälfte der Strecke begann der Hund ebenfalls auf ihn zuzulaufen. Voller Freude sprang er an ihm hoch und Jack musste unvorbereitet lachen. Sofort hatte er eine Verbindung zu ihm gespürt. Während er ihn an seinem Hals kraulte, bemerkte er am Halsband einen kleinen Anhänger mit einer eingravierten Nummer. Erinnerungsfetzen stiegen in ihm hoch. Er betrachte das linke Ohr des Hundes und bemerkte eine kleine Kerbe am Rand. Als er ebenfalls die Narbe am Hals des Hundes spürte, drehte er sich zu Jess um. „Wie heißt er?“ Das hübsche Mädchen lächelte über ihr ganzes Gesicht. „Darf ich vorstellen? Das ist ab jetzt dein Schutzengel. Charlie.“