Short Story - # 16

Vorgabe: "Der letzte laue Sommerabend geht zu Ende ..."
von: Marita
Genre: Urban Fantasy

 

Titel: Verschleierte Sicht


Er sah ihr tiefer in die Augen, als es je ein Mann zuvor geschafft hatte. Ein kalter Schauer lief der jungen Frau über den Rücken und breitete sich bis in ihre Lendengegend aus. Wie noch nie in ihrem Leben erlebte sie dieses Gefühl so intensiv und ihre Knie drohten aufgrund der aufkommenden Schwäche nachzugeben. Er erkannte sofort ihre Lage, legte seine kräftigen Arme um ihre Taille und zog ihren Körper ganz nah an seinen.

Hektisch drehte Anne an dem Lautstärkeregler an ihrem Autoradio, damit die angenehme Frauenstimme nicht mehr so deutlich zu verstehen war. Die junge Frau liebte Hörbücher. Ganz besonders die Geschichten, die von der einzigen, wahren Liebe handelten. Doch gerade in diesem Moment konnte sie es nicht ertragen. Anne dachte voller Sehnsucht an Frank und bei dem Gedanken an ihn drohte ihr Herz fast zu zerbrechen. Angsterfüllt versuchte sie, die aufkommenden Erinnerungsfetzen wieder zu unterdrücken, sie für immer in den hintersten Winkel ihrer verletzten Seele zu verbannen. Sie schlug wütend auf das Lenkrad ein, während ein verzweifelter Schrei in ihrer Kehle brannte und sich seinen Weg durch ihren Mund in die Freiheit bahnte. »Was habe ich nur getan!«, schrie sie voller Verzweiflung und salzige Tränen brannten in ihren dunklen, braunen Augen. 

Hektisch suchte ihr Blick die Anzeige der Uhrzeit, ohne zu wissen warum. 23:36 Uhr. Nur noch zehn Minuten, dann würde sie sich auf Zehenspitzen in die Wohnung schleichen, damit sie Frank nicht aufweckte. Hastig und still würde sie sich in das Badezimmer verziehen, die Tür leise hinter sich zu ziehen und den gesamten Schmutz des heutigen Abends von ihrem geschundenen Körper waschen. In ihrem Kopf schwirrten die Gedanken wild durcheinander und während der gesamten Autofahrt war sie zu keinem befriedigenden Entschluss gekommen. Sollte sie Frank sofort alles beichten oder sollte sie noch die kommende Woche abwarten? Dann wären sie bereits verheiratet, doch die Gefahr war groß, dass Frank die Ehe annullieren ließ. Oder wäre es das Beste ihm kein Sterbenswort über die heutige Nacht zu erzählen? Das Geheimnis sicher verwahrt in ihrer Seele zu hüten und es mit ins Grab zu nehmen? Anne wusste weder ein noch aus. Sie kniff ihre Augen fest zusammen, damit sich der durch die Tränen verschleierte Blick klären und sie den Straßenverlauf vor ihr besser erkennen konnte. Seltsamerweise klärte sich ihre Sicht kein bisschen.

Verängstigt nahm sie den rechten Fuß vom Gaspedal und verringerte dadurch die Geschwindigkeit auf 50 km/h. Erst jetzt bemerkte Anne die dichte Nebelwand, die sich vor ihr aufgetan hatte. »Das hat mir gerade noch gefehlt! Verdammter Nebel«, zischte sie wie eine Schlange wütend vor sich hin. Zumindest brachte die begrenzte Sicht etwas Gutes mit sich. Annes verzweifelte Gedanken begannen sich dadurch zurückzuziehen, um sich besser auf die verlassene Landstraße konzentrieren zu können. Langsam folgte sie dem Straßenverlauf. Die Bäume der offensichtlich bereits lange bestehenden Allee zogen ruhig an beiden Seiten ihres Blickfeldes vorbei. Die Regelmäßigkeit der vorbeiziehenden Bäume beruhigte Anne noch mehr. Genauso wie sich ihr Herzschlag langsam aber sicher verlangsamte. Sie begann daran zu denken, wie sie Frank zum ersten Mal in seine warmen Augen sah. Damals war ihr sofort klar, dass er der Mann war, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Die Begegnung ereignete sich bei einem ihrer monatlichen Treffen mit Gleichgesinnten. Damals, als Teenager, war sie unendlich froh darüber, solch eine Gruppe zu finden und sie fühlte sich immer wohl unter ihren Freunden. Jedes Mal tauschten sie sich über ihre Einstellungen und Gedanken aus. Immer wieder ging sie mit gestärktem Selbstvertrauen aus den Treffen. Doch leider hielt dieses starke Gefühl nie sehr lange bei ihr an. Trotz Annes eisernen Willen und unzähligen Rechtfertigungen bezüglich ihrer Lebenseinstellung wurde sie von ihren Eltern belächelt und von ihren Schulkameraden regelrecht gemobbt. Doch allen Widerständen zum Trotz stand sie eisern zu ihrer Lebenseinstellung. Bei diesem Gedanken musste Anne lächeln, denn das Leben hatte ihr an jenem Tag gezeigt, dass sie damit richtig lag und es auch immer noch tut. Frank war damals mit seinen Eltern neu in die Ortschaft gezogen. Er war eher unscheinbar und ruhig und seine Augen sprachen eine andere Sprache als die ihrer männlichen Schulkollegen. Das erkannte sie sofort. Sie fühlte sich vom ersten Augenblick an zu ihm hingezogen.

Ihre beste Freundin aus der Gruppe motivierte sie, sich ein Herz zu fassen und den schüchternen Jungen anzusprechen. »Los! Mach schon. Wenn du dir sicher bist, dass er der Richtige ist, dann geh zu ihm«, flüsterte ihre Freundin ihr ins Ohr. Anne schüttelte damals vehement den Kopf. »Das traue ich mich nicht. Was ist, wenn er mich hässlich findet?« »Du bist ein hübsches Mädchen mit den richtigen Werten, wieso sollte er dich nicht mögen? Los jetzt!« »Aber …« Doch Anne hatte keine Chance mehr Widerworte zu geben, denn ihre Freundin gab ihr einen kräftigen Schubs in Richtung Frank. Er stand verloren in einer Ecke des Raumes und nippte in regelmäßigen Abständen von seinem Glas Wasser. Gerade in dem Moment, als er das Glas erneut an seine Lippen führte, kam Anne vor ihm zum Stehen. Er erschrak so stark, dass er die Hälfte des Inhalts über sein Sweatshirt verschüttete. »Hi«, sagte sie schüchtern. Mehr fiel ihr in diesem Moment nicht ein. Sie lächelte ihn verlegen an und senkte kurz danach ihren Blick. Frank räusperte sich und die Farbe seines Gesichtes änderte sich schlagartig zuerst von leichtem Rot zu einem dunklen Rotton. »Hi«, erwiderte er leise und versuchte den nassen Fleck auf seinem Shirt mit der freien Hand abzudecken. Sie standen eine Weile so da und sprachen kein weiteres Wort. Ihre Freundin erfasste die peinliche Situation und war rasch vor Ort. »Du bist neu hier. Richtig?« Anne sah sie dankend an. »Wir sind vor Kurzem hierher gezogen.« Frank nickte bei seinen Worten bestätigend. »Wie gefällt es dir hier?«, sprach die Retterin in der Not weiter. »Och, eigentlich ganz gut. Nur ein bisschen langweilig hier. Ich habe noch nicht so richtig herausgefunden, was man hier so am Wochenende unternehmen kann.« »Was würdest du denn gerne tun?« »Nun ja. Ich bin gerne in der Natur unterwegs und erkunde am liebsten verlassene, alte Häuser. Die haben etwas Gruseliges und Geheimnisvolles an sich. Das fasziniert mich.« »Das passt doch perfekt. Anne fotografiert in ihrer Freizeit leidenschaftlich gerne verlassene Orte.« Ihre Freundin drehte sich zu ihr. »Du zeigst ihm bestimmt sehr gerne einige Orte. Ihr könntet euch gleich für dieses Wochenende verabreden.« »Ich … Ja«, stammelte Anne verlegen vor sich hin. »Nicht wahr Anne? Das würdest du sehr gerne für ihn tun«, plapperte ihre Freundin mit Nachdruck weiter. Der junge Mann strahlte Anne aus seinen warmen Augen an. »Ja, klar. Ich kann dir gerne einige Gebäude zeigen.«

Ihr war damals nicht bewusst, dass diese Situation der Anfang ihres restlichen Lebens war, doch bis heute war sie unendlich dankbar dafür. »Ach, Frank. Ich liebe dich so sehr«, flüsterte sie in die Stille. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Frauenstimme des Hörbuches nicht mehr vernehmen konnte. Fragend sah Anne auf den kleinen Bildschirm in der Mitte der Konsole. Das Hörbuch hatte offensichtlich von selbst gestoppt, denn die Zeitangabe zählte nicht weiter. Sie drückte auf ihrem Lenkrad die Taste, um die Lautstärke wieder zu erhöhen, doch sie konnte noch immer nichts hören. Die vorherrschende Stille ließ sie erschaudern. Die Dichte des Nebels trug sein Weiteres zu Annes Unwohlsein bei. Um die Atmosphäre wieder aufzulockern, schaltete sie auf Radioempfang um. Sie wollte ihren liebsten Radiosender hören und sich von der Musik berieseln lassen. Doch aus den Boxen drang nur ein lautes Rauschen. Anne war verwundert. Sie konnte sich nicht erinnern, die Sendereinstellungen vor kurzem verändert zu haben. Die junge Frau wechselte den Sender, doch auch hier waren nur krächzende Geräusche zu hören. »Das kann doch nicht sein«, murmelte sie vor sich hin und entschloss sich, die Suche nach einem Sender manuell durchzuführen. Sie drückte wahllos auf den Knöpfen herum und wurde immer wütender. »Warum macht dieses Ding nicht was ich will?«

In diesem Moment sprang ein Reh hinter einem Baum hervor und überquerte mit drei eleganten Sprüngen die Landstraße. Anne bemerkte das Tier im letzten Augenblick, stieg mit voller Wucht auf das Bremspedal und verriss das Lenkrad. Ihr Wagen kam kurz von der Spur ab, doch sie schaffte es trotz eingeschränkter Sicht, das Fahrzeug wieder auf die Straße lenken zu können. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Wagen quer über die Straße zum Stehen, obwohl es sich bestimmt nur um einige Sekunden gehandelt hatte. Anne stützte ihre Arme am Lenkrad ab und legte ihren Kopf in den Nacken. Ihr Atem war schnell und sie zitterte am ganzen Leib. Sie hatte in diesem Moment keine Kontrolle über ihren Körper, die Zähne schlugen aufeinander und Schweißperlen rannten ihr über die Stirn.

Er sah sie mit einer nie gekannten Sehnsucht an. Sein Gesicht näherte sich langsam dem ihren. Sie nahm seinen schnellen Atem wahr und fühlte sich in diesem Moment wie eine dieser begehrten Frauen in einem Hollywood-Film. Sie spürte, was er vorhatte. Er wollte sie küssen und sie wollte ebenfalls nichts Sehnlicheres, als seine Lippen auf ihren zu spüren. Die junge Frau schloss ihre Augen, wartete auf den erlösenden Kuss. Und einen Augenblick später trafen sich ihre Lippen, sie war im siebenten Himmel angekommen. Er machte sie zur glücklichsten Frau auf der Welt. Sie versank in seiner Umarmung und der letzte laue Sommerabend geht zu Ende … Zu Ende … Zu Ende …

Anne starrte auf das Display während die Worte immer und immer wieder aus den Boxen hallten. Zu Ende. Zu Ende. Hastig legte sie den ersten Gang ein und fuhr wieder los. Sie war dankbar, dass sie keinen Frontalzusammenstoß mit dem Reh oder einem Baum hatte, dass sie unversehrt war und bald zuhause sein würde. Sie fuhr schneller als es die Sicht erlaubte. Sie wollte nur noch unter die Dusche und diese Nacht vergessen. Wieder stiegen Erinnerungsfetzen in ihr hoch. Die schmierigen, warmen Hände, die sich unter ihre Bluse schoben. Die kalten Hände, die ihre Armgelenke auf den Boden drückten. Anne versuchte, die Bilder loszuwerden, schüttelte kräftig ihren Kopf, so als ob sie dadurch verschwinden würden. »Er wird mich nicht mehr wollen. Das wird er mir nicht verzeihen können. Es tut mir so leid, Frank.« Erneut liefen heiße Tränen über ihre Wangen, während sie noch stärker auf das Gaspedal trat. »Es tut mir so leid!« Sie raste die Straße entlang. Der Nebel war noch dichter geworden und sie konnte praktisch gar nichts mehr sehen.

Die Stille wurde immer präsenter und es war nur das summende Geräusch des Motors zu hören. Und immer wieder unterbrachen die Worte den Motorenklang. Zu Ende. Anne begann hektisch auf sämtlichen Knöpfen ihres Radios zu drücken, doch er ließ sich nicht ausschalten. Sie blickte verzweifelt auf die Uhr. 23:61 Uhr. »Was zum Teufel!« Ihr Atem wurde wieder schneller. »Was geht hier vor sich?« Sie konnte es nicht einordnen. Wieder musste sie an Frank denken, der bestimmt bereits zuhause war und schlief. Sie waren beide nicht so die Partytiger, auch wenn es sich heute um ihren Polterabend gehandelt hatte. Stoisch fuhr sie die Landstraße entlang und sie wunderte sich, denn schon lange hätte sie ihr Heimatdorf erreichen müssen. Immer wieder blickte sie auf die Anzeige der Uhrzeit und immer wieder waren die Zahlen 23:61 zu sehen.

Frank stand in seinem schwarzen Anzug vor dem Altar. Seine Schultern hingen schlaff herab und sein Blick war gesenkt. Er konnte sie einfach nicht ansehen. Er wollte es nicht wahrhaben. Wie konnte sie ihm das antun? Er blickte auf den Blumenschmuck aus roten Rosen und kleinen Schleifen und dachte an jenen Abend zurück, als er Anne in der Gruppe True Love Waits kennengelernt hatte. Wie sie so schüchtern und hilflos vor ihm stand. Er erinnerte sich an daran, dass er sich genauso hilflos fühlte. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick an verzaubert und in ihren Bann gezogen, als sie ihn aus unschuldigen, großen Augen anblickte. Doch nun war der Zauber verflogen. Nichts war mehr übrig. Nur mehr die Erinnerung an eine wunderschöne Zeit. Er schüttelte verzagt seinen Kopf und eine einzige Träne floss über sein Gesicht. Eigentlich hätte heute der schönste Tag in seinem Leben sein müssen, doch nun stand er hier vor ihr. Mit einem gebrochenen Herzen und einer verletzten Seele.

Sie hatten sich von Anfang an ewige Treue geschworen. Sie versprachen sich, mit dem Sex bis nach der Ehe zu warten. So wie es bei der Gemeinschaft True Love Waits üblich ist. Deswegen war es auch so perfekt, dass sie sich bei den Treffen kennengelernt hatten. Es begann wie ein Märchen, doch es endete für beide in einem Albtraum.

Die Polizei meinte, dass Anne absichtlich gegen den Baum gefahren war, denn es gab keine Hinweise auf Fremdeinwirkung. Sie hatte sich selbst das Leben genommen, da sie mit dieser Scham offensichtlich nicht weiterleben konnte. Die Ärzte meinten, alle Anzeichen weisen darauf hin, dass sie kurz vor ihrem Tod vergewaltigt wurde. Wie konnte sie nur so dumm sein und denken, dass sie Schuld an dem Vorfall hatte? Dachte sie tatsächlich, er würde sie deswegen nicht mehr lieben können? Frank hob seinen Kopf und blickte tapfer in Annes hübsches Gesicht. Nichts machte den Anschein, dass sie tot war. Im Gegenteil. Sie wirkte so, als ob sie ein kleines Nickerchen in dem mit roten Rosen geschmückten Sarg hielt.


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