Short Story - # 13

Vorgabe: "Ohne zu wissen was sie erwartet,
steckte sie voller Mut ihren Arm in die riesige schwarze Holzkiste.
"
von: Michaela
Genre: Mythologische Erzählung

 

Titel: Mitgift


Abwechselnd musterte er seine neuen Geschenke, wenn man sie denn so nennen wollte. Doch wie sagte man sonst zu einer Gabe von ihm? Er selbst gab ihm nach all den Vorfällen eine seiner Töchter und ein spezielles Geschenk. Wie konnte er bei der Vielzahl an Frauen in seiner Umgebung so sicher sein, dass es sich um eine seiner Töchter handelte? Nun, irgendwo waren sie alle seine Töchter. Nur war sie anders als die anderen. Schöner, aufgeweckter, liebreizender und klüger. Alle ihre Eigenschaften wurden nur noch von ihrer Neugierde übertroffen.

Es war seltsam für ihn. Schließlich kannten sie sich nur wenige Tage und nun hatte er sie sogar zu seiner Frau genommen. Mit ihrem fruchtbaren Schoß würde er ein neues Geschlecht gründen. Kaum fiel sein Blick auf sie, konnte er sich nur noch mit Mühe losreißen. Diese vollen Lippen, ihr goldenes Haar und diese unergründlichen Augen. Ihre Farbe mochte er nicht zu ergründen. Es war ihm, als funkelten ihn tausende Sterne an. Ihr Körper war stattlich, mit den Rundungen einer perfekten Frau. Nach all diesen Kämpfen und Kriegen sollte nun auf jene Art der Frieden eingeläutet werden? Natürlich war er misstrauisch, das Geschenk zur Hochzeit war hierfür ein guter Grund. Während seine neue Frau ihm bisher treu ergeben war, so wurde er aus der Kiste nicht schlau. Sein Bruder lag ihm schon seit dem Tag der Heirat in den Ohren, mit all seinen Warnungen und Ratschlägen. Er solle diese Kiste verbrennen und am besten seine Frau gleich dazu.

Als ob er diese Göttin jemals hätte opfern können. Die Kiste aber fesselte seine Neugierde, die ähnlich stark war wie die seiner Frau. Sie hatte eine Länge von zwei Ellen und eine Breite von einer Elle. Mit der Höhe von etwa einem Fuß wirkte sie wie eine durchschnittliche Kiste. Aus welchem Material sie gefertigt war, dieses Geheimnis kannte wohl nur er, aber es musste ein uraltes Holz sein. Sein Geruch und auch das Aussehen erinnerten ihn an vieles und doch an nichts. Sie war von einer nicht gekannten Glätte, selbst bei genauer Betrachtung blieben ihm Schnittstellen verborgen. Sein kritischer Bruder konnte ebenfalls keine Öffnung finden. Bis auf ein kleines, rundes Loch an der Stirnseite. Die Farbe der Kiste erinnerte an Ebenholz, doch das Loch musste eigenen Gesetzen gehorchen. Es schluckte das Licht einer Fackel in sich. So ein Schwarz hatten sie noch nie gesehen. Der Sinn des Loches stellte sie vor das nächste Rätsel. Es war zu klein für seine mächtigen Arme. In einem Anflug von Zorn hatte er mit seiner Axt auf diese rätselhafte Kiste eingeschlagen. Mit dem Ergebnis einer zerbrochenen Waffe und einer schmerzhaft geprellten Schulter. Das Hochzeitsgeschenk hatte nicht mal einen Kratzer davongetragen.

»Ich sage Dir, wirf dieses verfluchte Ding in das tiefste Meer. Nichts von ihm bringt uns Friede und Glück. Er will unseren Untergang. Versteh es doch endlich mein Bruder.«, tönte sein jüngerer Bruder mit wachsender Angst. Sein feuerrotes Haar war von Schweiß verklebt, seine Haut hatte mittlerweile eine ungesunde Blässe angenommen. Die Angst schien ihn um den Verstand zu bringen. Noch war sein muskulöser Körper ehrfurchtgebietend. Spielend hätte er ein Dutzend Männer mit einem Streich töten zu können. In Gegenwart der Kiste und seiner wunderschönen Schwägerin aber schien er seine Bärenkräfte zu verlieren.
»Siehst Du wirklich nicht die Gefahr? Spürst du sie nicht? Auch deine Frau wurde nur für den Zweck unseres Untergangs geschaffen. Lass ab, mein Bruder. Bist Du nicht stark genug, so will ich sie mit meinem Schwert erschlagen!«, beschwor er ihn.
»Du redest wirres Zeug. Wage es nicht dich an ihr zu vergreifen. Diese Kiste, Truhe oder was es auch sein mag, sie hat einen Zweck und ich werde ihn ergründen. Sie wird uns Friede und Wohlstand bringen. Herrschen werden wir an seiner Seite. Diesen Zweck hatte die Ehe!«, wischte er die Bedenken des rothaarigen Mannes weg.

Seine bildhübsche Frau umrundete die Kiste immer wieder und begutachtete sie. Natürlich hatte sie die Worte ihres Schwagers vernommen, doch schien sie keinerlei Angst zu verspüren. Ab und an zog er sich nur einen trotzigen Blick zu. Immer wieder kam sie an ihrem Mann vorbei und streifte seine starken Arme mit ihren zarten Fingern. Sein dunkles Haar stellte sich unter ihren Berührungen auf und hüllten ihn in ein warmes Feuer. Jede Angst war verschwunden, kaum dass sie in seiner Nähe war. Das einzig wirklich Rätselhafte war diese Kiste, hier in seinem Schloss. Kaum erblickte er seine Geliebte war all der Hass dahin. Er, der Eine war persönlich mit ihr gekommen und hatte die Vermählung vorgeschlagen. Wie sollte man so ein Angebot ausschlagen? Nur ein Narr hätte dies getan, was er freilich nicht war. In allen Ecken der Welt war sein Name gefürchtet. Wenn es einen großen Krieger gegeben hatte, so war er selbst dieser gewesen. Was sein Bruder mit List und Tücke bewältigte, schaffte er mit seiner Axt, seinem Schwert und zur Not mit seinen Händen. Mit dieser Frau würde er die schönsten und stärksten Söhne zeugen, die es bis zu diesem Zeitpunkt auf der Welt gegeben hatte. Was mochte nur in dieser verdammten Kiste sein? Diese Frage brannte in ihm wie ein Waldbrand an einem heißen Sommertag.

Jede Sekunde stieg seine Begierde nach dem Inhalt der Kiste ins Unermessliche. Ein Geschenk von ihm musste etwas Mächtiges sein. Doch durch dieses schmale Loch passte vielleicht sein Finger. Was wäre aber, wenn etwas darin ihn schwer verwunden sollte. Eine Nadel getränkt in Gift vielleicht? Immer wieder zögerte er, nur um sich einen tadelnden Blick seiner Frau einzufangen. Langsam aber sicher war er dabei sein Gesicht vor ihr zu verlieren. Leider war er sehr listig und bekannt für üble Geschenke. Er hatte es ihm persönlich mit seiner Ehefrau gebracht. Warum sollte er ihn dann nicht auch ermorden. Wahrscheinlich hatte er zu viel Angst vor seiner Stärke. Auch das Wissen, die Menschheit hinter sich zu haben, war ein Trumpf gegen ihn. Es vergingen Tage und Nächte, sein Bruder und seine Frau standen gemeinsam mit ihm um das Geschenk herum und diese Holzkiste schien sie zu verhöhnen. Sie zeigte ihnen ihre Angst und ihre Feigheit auf, die Macht die er über sie immer noch zu haben schien. Zur Buße fasteten sie dreißig Tage und Nächte, tranken nicht und schliefen ebenso wenig. Seine Frau war an seiner Seite, doch nach Ablauf der Bußzeit fühlte er die Verachtung in ihr. Sie wollte schließlich einen Mann, einen Eroberer und Vernichter seiner Feinde. Keinen Feigling, der nicht einmal in der Lage war eine lächerliche Holzkiste zu öffnen. Diese Kiste, sie würde seine Ehe beenden und ihn in den Wahnsinn treiben. Sie lachte über ihn, dies konnte er nun deutlich vernehmen. Sie war sein Fluch. Sie war seine Angst. Sie war seine Rache. Er hatte sie ihm geschickt. Er hatte sich diesen Plan ersonnen.

»Ich werde sie nun öffnen, selbst wenn es mich das Leben kostet. So kann es nicht mehr weitergehen!«, schrie der Ehemann.
»Nicht, Bruder, tu es nicht. Es ist eine Falle. Sieh doch nur wie klein das Loch ist. Höchsten der schlanke Arm eines zarten Wesens passt hinein.«
Die Worte trafen ihn wie ein Donnerschlag. Beide großgewachsenen Männer drehten sich zu der atemberaubenden Schönheit um. Ihr hatte die Buße nichts angetan. Dreißig Tage und Nächte des Fastens waren spurlos an ihr vorübergegangen.
Die junge Frau verdrehte verächtlich die Augen und ohne zu wissen was sie erwartete, steckte sie voller Mut ihren Arm in die schwarze Holzkiste. Für sie schien diese Kiste riesig zu sein, doch das Loch selbst passte perfekt zu ihrem Arm. Sie schien der Schlüssel für dieses Loch zu sein. Kaum hatte sie ihren Arm hineingesteckt, wurde die Kiste aufgerissen. Ein dunkler Sturm sprang aus ihrem Inneren heraus und ein schmerzhaft lautes Kreischen erfüllte die Burg und auch die ganze Welt. Mühsam kämpfte er sich zu seiner Frau heran. Der Wind war so stark, er war nun schon dabei sein Heim den Erdboden gleich zu machen. Mit einem letzten Sprung voller Verzweiflung erreichte er sie und riss ihren Arm aus der Kiste.

Der Sturm endete und die schwarze Holzkiste verschloss sich wieder. Hinter ihnen ertönte ein leises Lachen, begleitet von hämischen Beifall.
Er war hier, er war hierher zu ihnen gekommen.
»Du Teufel, was suchst du hier?«, fragte der rothaarige Mann.
»Ich besuche meine Tochter. Wie ich sehe hat sie das Geschenk geöffnet. Mal sehen wie es euren kostbaren Menschen von nun an gehen wird. Mit Krankheit, Tod, Krieg, Hunger und Verderben. Du hättest ihnen nicht das Feuer bringen sollen, Prometheus.«, tadelte der Mann mit weißem Bart unbeeindruckt.
»Sie hatten es verdient, sonst wären…«, begehrte Prometheus auf.
»Schweig! Du, Epimetheus hast meine Tochter Pandora nur aus diesem Grund bekommen. In dieser Kiste waren all diese Dinge eingesperrt und nur sie konnte sie entlassen. Niemand lehnt sich gegen meinen Willen, den Willen des Zeus auf! Niemand!«

Pandora schaute lächelnd auf die Kiste hinab. Sie spürte, es war noch nicht alles entwichen. Sie schritt nochmals zu dem Loch und steckte ihre Hand hinein. Wieder sprang die Kiste auf, doch diesmal entwich nur ein kleiner Funke in die Welt hinaus. Danach war die Kiste leer und schloss sich von selbst wieder.
»Was hast du nur getan, Weib?!«, donnerte ihr Mann Epimetheus.
Sein Bruder Prometheus blickte dem Funken entsetzt nach. Pandora aber erhob sich und blickte ihrem Vater triumphierend in die Augen.
»Es war auch Hoffnung in dieser Kiste. Ich habe sie den Menschen gegeben, denn von nun an können sie diese Gabe in ihren Herzen tragen. Du gewinnst nicht immer, Vater.«, hauchte sie mit einer lieblichen Stimme.

»Denkst du, mein Kind? Die Menschen werden von nun an, bis zum Ende ihrer Tage von Krankheit und Tod, dem Hunger und Krieg, Schmerz und Verlust gepeinigt. Aber sie werden weitermachen, weil sie Hoffnung haben. Unerfüllte Hoffnung versteht sich, denn am Ende wird wieder nur der Tod auf sie warten. Das Leid und der Schmerz im Tartaros. Das schlimmste Unheil hatte ich bewusst zuletzt in die Kiste gepackt. Unerfüllte Hoffnung ist noch viel schlimmer als alle anderen Geißeln, die du der Menschheit beschert hast.«, antwortete der Allvater spöttisch.

Die drei blickten sich entgeistert an, doch der Vater der Götter war schon wieder verschwunden. Zurück blieb nur die Hoffnungslosigkeit.