Short Story - # 11

Vorgabe: "Da verschluckte ich mich fast beim Cupcake, ich traute meinen Ohren nicht."
von: Melanie
Genre: Urban Fantasy

 

Titel: Schnee im Juli


Das Glück ist das einzige das sich verdoppelt, wenn man es teilt. «Na toll! Danke Albert Schweitzer!», stöhnte Tina genervt vor sich hin und verdrehte dabei ihre Augen. «Ich kann diese doofen Besserwissersprüche nicht mehr sehen!» Sie riss den Spruchkalender wütend von der beige gestrichenen Wand in ihrer kleinen, neuen Bleibe und schleuderte ihn in die Ecke zu den Umzugskartons. Sie ertrug es derzeit einfach nicht, denn ihr Leben lief gerade so gar nicht nach Plan. Bei ihrem letzten Job wurde sie gekündigt, da die Oberbosse meinten, dass ein Personalabbau notwendig war, um die Firma über Wasser halten zu können. Und leider war Tina eine der davon betroffenen Angestellten, die aufgrund des Personalabbaus gekündigt wurde. «Es tut mir wirklich sehr leid für dich.» Tina hörte die Worte noch immer in ihrem Kopf nachhallen, als ihre Kollegin den Satz zum Abschied vor sich hin säuselte. «Und ich bin mir sicher, dass sie dabei innerlich gelacht hat weil sie selbst nicht davon betroffen ist!» Tina spuckte die Worte förmlich aus. Tränen füllten ihre Augen und ihr am Kopf bereits sehr locker sitzender Dutt drohte sich nun komplett aufzulösen, da das Haargummi dem wilden Kunstwerk offensichtlich nicht mehr Stand halten konnte. Blonde Strähnen hingen ihr bereits ins Gesicht und klebten an ihrer verschwitzten Stirn. Es war einfach viel zu heiß für einen Umzug. Aber sie konnte es nicht ändern, denn ohne einen Job konnte sie es sich nicht leisten eine eigene Wohnung zu besitzen. Nun musste sie eben wieder im Haus ihrer Eltern einziehen. So vieles hatte sich Tina anders vorgestellt in ihrem Leben. Ein großes eigenes Haus, in dem sie mit ihrem wunderbaren Partner eine Familie gründen und viel Geld besitzen würde. Und jetzt saß sie da. Ohne Geld, ohne Job und ohne Partner. Frustriert hob sie den Kalender vom Boden auf und entdeckte einen Zeitungsartikel, der darunter zum Vorschein kam. Wünsche ans Universum stand in großer Überschrift über einem schwarzweiß Foto einer älteren freundlich lächelnden Frau. Unwillkürlich musste sie an ihre verstorbene Großmutter denken und bildete sich sogar ein ihren Geruch in ihrer Nase zu haben. Ihre Großmutter roch immer nach einer Mischung von Kräutern und Rosen. Tina überlegte kurz wo dieser Zeitungsartikel so plötzlich herkam, vergaß den Gedanken aber kurz darauf wieder und begann ihn durchzulesen. Es handelte sich um ein kurzes Interview, in dem erklärt wurde, wie man Wünsche in die Welt hinausschicken konnte und diese dann auch erfüllt wurden. Man benötigte nur einen Stift, ein Stück Papier, einen Briefumschlag und einen Briefkasten. Man solle bloß den Wunsch aufschreiben, ihn in das Kuvert stecken und ohne Empfänger in den nächsten Briefkasten werfen. Und kurz darauf würde der Wunsch in Erfüllung gehen. Tina fand diese Idee irgendwie seltsam und doch auch interessant. «Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!» Hochmotiviert kramte sie in ihren Umzugskartons, bis sie die kleine Holzbox mit Briefumschlägen und Briefpapier fand. Da sie gerne alles bis ins kleinste Detail geordnet hatte, fand sie diese ziemlich rasch. Sie fischte aus ihrer Handtasche einen Stift und begann zu schreiben. Ich wünsche mir einen tollen Job mit super Arbeitszeiten und bei dem ich sehr viel Geld verdiene! Tina sah sich die geschriebene Zeile nochmals an, steckte danach ihren Wunsch in ein Kuvert und machte sich auf den Weg zum nächsten Briefkasten. Am Ziel angekommen zog sie aus ihrer Hosentasche ein kleines Taschentuch, bedeckte damit ihre Handfläche und öffnete den Briefschlitz, um ihren Wunsch einwerfen zu können. Tina hatte die leidige Angewohnheit nichts öffentliches mit bloßen Händen anzugreifen, damit sie so wenig wie nur möglich mit den Milliarden von Keimen in Berührung kam. Auf dem Weg zurück nach Hause beschloss sie, sich im dem kleinen Café einen Cappuccino und einen Cupcake zu gönnen. «Hallo Tina! Bist du zu Besuch bei deinen Eltern?» Verwundert drehte sie sich um und erblickte Andreas. «Oh. Hallo!» Andreas lächelte sie mit einem breiten Grinsen an. «Nein, ich werde für kurze Zeit wieder zuhause einziehen.», meinte sie ungeduldig, da sie eigentlich nicht mit ihm reden wollte. Andreas und sie gingen als Kinder in die gleiche Schule und er war eine Schulstufe über ihr. «Das ist ja super!», rief er erfreut aus. «Da können wir ja einmal gemeinsam einen Kaffee trinken gehen?» Die Frage war ihm sichtlich peinlich, da sein Gesicht tomatenrot anlief. Tina musterte ihn verstohlen von oben bis unten und entschloss kurzerhand, dass sie keine Lust darauf hatte. «Ja gerne, aber ich muss jetzt los! Bis dann!» Rasch drehte sie sich um, ging schnellen Schrittes in Richtung Café und ließ Andreas ohne weitere Beachtung stehen. «Freut mich!», schrie er und winkte ihr unsicher nach, da er nun nicht wusste ob sie es ernst gemeint hatte. Mit hängenden Schultern ging er in Richtung Briefkasten und schlichtete die Briefe in seine große Posttasche.

Um kurz nach zwanzig Uhr klingelte Tinas Telefon. Sie hatte es sich gerade im Wohnzimmer ihrer Eltern bequem gemacht. «Hy Sabi! Was gibt‘s?» Sabine war ihre beste Freundin und sie quatschten gerne stundenlang miteinander. «Hy Tina! Ich habe unglaubliche Neuigkeiten!» «Was ist los? Erzähl!» Tina wurde sofort neugierig. «Ich habe vor zwei Stunden eine Zusage für einen wahnsinnig tollen Job bekommen! Frei einteilbare Arbeitszeit und ein super Anfangsgehalt!» Tina wurde stutzig. «Du hast was? Ich wusste gar nicht, dass du einen neuen Job suchst!» «Habe ich auch nicht getan. Die Firma ist auf mich zugekommen. Du weißt schon. Man kennt jemanden der jemanden kennt, der jemanden kennt.» Sabine lachte laut auf. «Verrückt, oder?!» «Das ist es tatsächlich.», antwortete Tina in leicht frustriertem Ton. «Ich kann schon nächste Woche anfangen. Mein jetziger Arbeitgeber hat kein Problem damit. War alles ganz einfach. Ich muss jetzt aber Schluss machen, ich hab noch einiges zu erledigen. Wir hören uns, okay?» «Okay. Bis dann.» Und schon hatte Sabine aufgelegt. Tina wurde wieder wütend. Warum konnte so etwas nicht ihr passieren?

Kurz vor dem Schlafen gehen beschloss sie, noch zwei Wünsche aufzugeben. «Wer braucht schon einen tollen Job, wenn er einen vermögenden, einfühlsamen Partner und einen Lottogewinn haben kann.» sprach sie laut aus und klebte dabei beide Briefumschläge zu. Am nächsten Morgen stand sie zeitig auf und machte sich auf den Weg zum Briefkasten, um ihre Wünsche in die Welt hinauszuschicken. Den restlichen Tag verbrachte sie damit, ihre wenigen Habseligkeiten auszupacken und an ihren Platz zu stellen. Sie wollte ihr vorübergehendes Zuhause so schnell wie nur möglich geordnet haben, da morgen ihre Schwester übers Wochenende zu Besuch kam. Sie freute sich schon sehr auf sie. Die Beiden sahen sich ziemlich ähnlich. Sie hatten blondes, glattes Haar, waren beide klein und zierlich. Nur ihre Augen unterschieden sich. Tina hatte zwei verschiedene Augenfarben. Ein blaues und ein blaugrünes Auge, was momentan nicht sehr stark auffiel. Doch wenn man genauer hinsah, konnte man den Unterschied unschwer erkennen. Sie und ihre Großmutter waren die einzigen in ihrer Familie, die dieses Merkmal hatten. Da ihr altes Kinderzimmer nicht sehr groß war, packte Tina einige Bücher, die sie bereits gelesen hatte, wieder in eine Umzugskiste und beschloss diese in der Zwischenzeit auf dem Dachboden zu verstauen. Am Dachboden angekommen suchte sie einen geeigneten Platz, um den Karton abzustellen. Dafür musste sie einiges an altem Kram auf die Seite schieben und aufeinanderstapeln, wodurch eine dunkelbraune, große Holzkiste mit einem lauten Knall zu Boden stürzte und sich der Inhalt weiträumig verteilte. Leise fluchend räumte sie die Sachen wieder in die Kiste und entdeckte dabei ein kleines Büchlein. Als sie die Seiten überflog bemerkte sie, dass es sich dabei offensichtlich um ein Tagebuch handelte. Sie blätterte auf die erste Seite und stellte erfreut fest, dass dieses Tagebuch ihrer verstorbenen Großmutter gehörte. Sie nahm es mit nach unten, schlüpfte in ihr Bett und las darin. Verwundert stellte sie fest, dass in dem Tagebuch nicht nur ganz normale Einträge über das Leben ihrer Großmutter standen, sondern auch diverse Rezepte und Sprüche. Wobei die Rezepte keine Kochrezepte waren und es sich bei den Sprüchen auch nicht um normale Poesiesprüche handelte. Sie wirkten eher wie Rezepte für Zaubertränke und Zaubersprüche. Tina musste dabei lächeln und fand den Gedanken daran, dass ihre Großmutter sich an Zauberei versucht hatte, sehr erheiternd.

Einen Tag später machte sich Tina mit einem guten Buch bewaffnet auf den Weg in das Kaffeehaus, um dort auf ihre Schwester zu warten. Sie setzte sich an einen kleinen Tisch in der hintersten Ecke des Cafés und wartete auf ihre Bestellung, bevor sie zu lesen begann. Währenddessen bekam sie eine Kurznachricht von ihrer besten Freundin. Das musst du dir vorstellen. Ich habe auf meiner neuen Arbeitsstelle einen super sympathischen Mann kennengelernt! Habe heute ein Date mit ihm! xoxo Sabi. Tina war so geschockt und konnte es nicht glauben, dass ihrer besten Freundin die Dinge passierten, die sie sich selbst so sehr wünschte. Doch sie hatte keine Lust weiter darüber nachzudenken und versuchte sich mit ihrem Buch abzulenken. Da sie so in die Geschichte vertieft war, bemerkte sie nicht, als der alleinstehende Nachbar ihrer Eltern das Geschäft betrat. Erst als der Tumult losbrach wurde sie auf ihn aufmerksam und war zum wiederholten Mal sprachlos. Keine zwanzig Minuten später war ihre Schwester angekommen und Tina musste ihr sofort die Neuigkeiten erzählen und warum der Nachbar gerade eine riesige Fete veranstaltete.

«Da verschluckte ich mich fast an meinem Cupcake, ich traute meinen Ohren nicht. Hat der doch glatt beim Lotto eine Million Euro gewonnen!», berichtete Tina ihrer Schwester aufgeregt. «Das ist ja unglaublich!» «Wem sagst du das, Schwesterherz! Und stell dir vor. Sabi hat plötzlich ein tolles Jobangebot erhalten und einen neuen Lover frei Haus mitgeliefert bekommen!» Sie konnte ihren neidvollen Unterton nicht verheimlichen. «Scheint so, als ob alle deine Wünsche anderen passieren würden.», antwortete ihre Schwester ohne darüber nachzudenken. Doch Tina dachte über die Sache nach. Sie überlegte, ob es vielleicht zu ihren Briefwünschen einen direkten Zusammenhang geben könnte, verwarf diese Spinnerei aber sofort wieder, als das Handy ihrer Schwester läutete. «Das war Mama. Sie ist fix und fertig, weil mein lieber Sohn, übrigens dein lieber Neffe, eine Vase umgestoßen hat und in tausende Scherben zerbrach. Trink deinen Kaffee noch gemütlich aus, ich geh schon mal nach Hause. Bis dann!» Mit den Worten „Du bist eingeladen!“ legte ihre Schwester einen fünfzig Euro Schein auf den Tisch und verschwand durch die Tür. Tina schnappte sich den Geldschein und bat die Kellnerin, ihre Rechnung begleichen zu dürfen. Nachdem sie bezahlt hatte, fragte sie die Kellnerin noch ob sie nicht vielleicht einen leeren Briefumschlag hätte, den sie ihr schenken könnte. «Da muss ich nachsehen.», antwortete sie und verschwand im Hinterzimmer. Kurze Zeit später kam die Kellnerin angeflogen und legte ihr einen knallroten Umschlag auf den Tisch. «Ich habe nur diesen hier, wenn der für dich okay ist?» «Perfekt. Vielen Dank!» Die Kellnerin lächelte sie an und verschwand wieder hinter den Tresen. Tina holte aus ihrer Handtasche einen Stift und einen kleinen Notizblock, riss ein Blatt Papier ab und schrieb in ihrer schönsten Handschrift folgende Zeile nieder. Ich wünsche mir, dass jetzt große Schneeflocken vom Himmel fallen. Sie steckte das Stück Papier in das rote Kuvert und klebte es zu. Aufgeregt eilte sie zu dem Briefkasten und warf den Brief wieder unter Bedacht der vielen Keime hinein. «Jetzt bin ich mal neugierig ob es tatsächlich funktioniert.» Sie murmelte die Worte leise vor sich hin, da ein altes Ehepaar gerade an ihr vorbei ging. Tina war gerade auf den Weg nachhause, als sie auf der anderen Straßenseite Andreas vorbei marschieren sah. Und in diesem Augenblick wurde ihr erst bewusst, dass Andreas ein Postbote war. Beim letzten Mal hatte sie das völlig übersehen. Sie versteckte sich hinter einem Baum, sodass er sie nicht sehen konnte und als er vorbei ging, folgte sie ihm unauffällig. «Jetzt bin ich gespannt ob er meinen Brief da mit raus fischt. Er ist mit seinem roten Briefumschlag ja nicht schwer zu übersehen. Beim Briefkasten angekommen, öffnete Andreas diesen. «Hallo Andreas!», begrüßte sie ihn freundlich. Er erschrak so sehr, dass ihm der ganze Stapel Briefe aus der Hand auf den Gehsteig fiel. «Oh! Hallo!», stammelte er schüchtern. Tina blickte auf die am Boden zerstreuten Briefumschläge und stellte skeptisch fest, dass ihr Wunschbrief nicht dabei war. Andreas blickte sie mit großen, verliebten Augen an. «Wie geht es dir?», fragte er leise. «Sorry, Andreas. Aber ich muss los!» Verwirrt und doch in ihrer Annahme bestätigt ließ sie den armen Kerl nun zum zweiten Mal perplex stehen. Gerade als sie das Elternhaus betreten wollte, fühlte sie etwas nasses auf der Stirn. Sie blickte in den Himmel und staunte nicht schlecht. Es schneite. Mitten im Juli segelten dicke, große Schneeflocken vom Himmel nur um am Boden angekommen sofort zu schmelzen. «Oh mein Gott! Das darf doch nicht wahr sein!», schrie sie laut aus. Ihre Schwester riss die Haustür auf und traute ebenfalls ihren Augen nicht. «Was ist hier los!?» Tina hakte sich bei ihrer Schwester unter und führte sie ins Haus. «Ich muss dir etwas erzählen.»

Nachdem Tina alles erzählt und erklärt hatte, beschlossen die beiden einen weiteren Versuch zu starten, da ihre Schwester ihr nicht so ganz glauben konnte. «Jetzt schreibe ich einen Wunsch auf. Ich werde mir wünschen, dass die Vase wieder ganz wird, damit unsere Mutter nicht mehr traurig sein muss.» Gesagt, getan. Ihre Schwester schrieb den Wunsch auf und machte sich schnell auf den Weg zum Briefkasten und betrachtete die vom Himmel gleitenden Schneeflocken.

Drei Tage später schneite es nicht mehr und die Vase befand sich noch immer nicht in ihrem Originalzustand. Tina musste damit leben, dass ihre Schwester ihr nun definitiv keinen Glauben schenken würde. Doch sie gab nicht auf. Sie konnte nicht verstehen, warum ihre Wünsche in Erfüllung gingen und der ihrer Schwester nicht. Und warum ihre Wünsche den Anderen widerfuhren und nicht ihr. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Großmutter bestimmt wissen würde was hier geschah und eines Abends fasste sie den Entschluss, dass sie ihre Oma um Rat fragen wollte. Sie schrieb einen weiteren Wunschbrief und als sie vom Briefkasten wieder zurückkehrte, wollte sie sofort in ihr Zimmer. Ihre Eltern waren heute Abend unterwegs und sie hatte endlich Ruhe und Zeit für sich. Als sie die Zimmertür öffnete, traute sie ihre Augen nicht. Auf dem Bett saß ihre Oma und lächelte sie an. Tina begann zu weinen und umarmte sie ganz fest. Erst nach einiger Zeit konnte sie sich beruhigen und sah ihre Großmutter aus verquollenen Augen an. «Ich vermisse dich so sehr!» «Ich dich auch, mein Schatz. Aber du sollst wissen, dass ich immer bei dir bin und auf dich Acht gebe.» Sie strich Tina zärtlich über ihr blondes Haar. In einem langen Gespräch schilderte Tina ihr, wie schlecht es ihr gehen würde. Dass sie nichts in ihrem Leben richtig auf die Reihe bringen würde. Und dann fragte sie ihre Großmutter um Rat, ob sie denn wüsste was es mit den Wünschen auf sich hatte.


Die Großmutter seufzte. «Das ist leider nach hinten los gegangen. Ich wollte dir eigentlich nur ein bisschen unter die Arme greifen.» «Wie meinst du das?» Tina starrte mit offenen Mund in die ebenso zweifarbigen Augen ihrer Großmutter. Sie lächelte sanft ihre Enkelin an und erzählte weiter: «Du musst wissen, ich bin eine Hexe. Und ich habe dir den Zeitungsartikel zukommen lassen und den Briefkasten verzaubert. Und ich hoffte, dass du den Briefkasten berühren würdest. Nur dann hätte der Zauber auf dich überspringen können. Ich dachte leider nicht daran, dass du wegen den vielen Viren und Bakterien so vorsichtig sein würdest und ihn nicht berührst.» Sie zwinkerte Tina zu. «Aber die Zauber haben doch gewirkt. Nur eben nicht richtig. Alle meine Wünsche sind anderen zugute gekommen. Ich will auch endlich mal glücklich sein!» Wieder wurde Tina wütend und ihr oberflächliches Ego machte sich wieder bemerkbar. «Genau hier liegt das Problem. Du bist immer für alles selbst verantwortlich.» «Oma, wie kannst du nur so etwas sagen!» Schnell stand Tina auf und versuchte einen großen Abstand zwischen ihr und ihrer Großmutter zu schaffen. Doch ihre Oma stand ebenfalls auf und nahm Tinas Hände in die ihren. «Erst wenn du gelernt hast, dass nur Wünsche aus dem Herzen kommend in Erfüllung gehen, dann werden diese wahr. Oberflächliche Wünsche, die nur aus deinem Ego stammen, können nicht in Erfüllung gehen, da sie nicht für dich bestimmt sind.» Tina war sprachlos. Sie konnte die Worte zwar hören, aber ihren Sinn nicht erfassen. «Aber wenn du sagst, dass diese Wünsche nicht in Erfüllung gehen, warum sind sie dann anderen passiert?» «Um dir zu zeigen, dass oberflächliche Dinge langfristig nicht glücklich machen. Frag bei deiner Freundin nach. Sie ist im Endeffekt nicht glücklich. Sie verdient zwar viel Geld, muss aber so viel arbeiten, dass sie nicht mal Zeit hat, um mit dir zu telefonieren.» Erst jetzt wurde Tina bewusst, dass sie seit einer Woche nichts mehr von Sabine gehört hatte. «Und ihr neuer Freund?» «Das Schlitzohr hat mindestens drei Frauen an jedem Finger. Der meinte es von Anfang an nicht ernst mit ihr.» Ihre Enkelin schüttelte den Kopf. «Und was ist mit dem Nachbarn?» «Er hat den Großteil des Geldes in Aktien investiert und diese sind über Nacht in den Keller gerasselt. Nun sind sie nichts mehr wert. Und den Rest des Geldes hat sich seine geschiedene Frau unter den Nagel gerissen.» Das Mädchen dachte lange über die Worte ihrer Großmutter nach und allmählich verstand sie. Doch eines war ihr noch immer nicht klar.

«Du meinst also, ich kann ebenfalls zaubern und deswegen haben sich alle Wünsche erfüllt. Nur eben nicht für mich, weil ich die falschen Beweggründe hatte. Richtig?» Ihre Großmutter nickte zustimmend. «Und was hätte der Zauber am Briefkasten dann bewirken sollen?» Sie sah ihre Oma voller Ehrfurcht an. «Dass du bemerkst wie sehr Andreas in dich verliebt ist und du ihn nur einmal richtig ansiehst.» Tina überlegte lange, bevor sie ihre Oma wieder anblickte. «Eigentlich ist Andreas ein sehr hübscher und netter Mann. Ich muss gestehen, dass ich mich schon immer zu ihm hingezogen fühlte. Nur wollte ich es nie wahrhaben. Denn schließlich ist er kein vermögender, charmanter Mann, so wie ich mir meinen zukünftigen Partner vorgestellt habe. Sondern einfach nur schüchtern und zurückhaltend.» Ihre Großmutter zwinkerte ihr zu und drückte Tina einen Kuss auf ihre Stirn.