Short Story - # 10

Vorgabe: "Da trat der Zwölfender aus seiner Deckung.
Erhobenen Hauptes blickte er sich um als würde ihm die Welt gehören"
von: Ina
Genre: Humor (Fabel)

 

Titel: Bis ans Ende der Welt


Jakob bewegte sich keinen Millimeter während er auf einer Anhöhe hinter einem Felsen hockte. Sein Atem floss ruhig und leise und er beobachtete den Fremden in aller Seelenruhe. Eine halbe Stunde saß er nun schon da und fragte sich was dieser ziemlich schlecht gekleidete Mensch dort unten inmitten des Unterholzes eigentlich vorhatte. «Sollte ich mich doch ein Stück an ihn anpirschen?», flüsterte er leise und entschied aber kurz darauf, dass dieser Mensch die Mühe bestimmt nicht wert war. Er fühlte sich einfach zu müde, um jetzt unnötige Meter zu gehen, denn er musste seine Kräfte einteilen wenn er es tatsächlich bis ans Ende der Welt schaffen wollte. Stattdessen begann er sein geflecktes Fell zu säubern, auf das er mehr als stolz war. Ab und zu spitzte er seine Ohren, um die Schritte des ziemlich unbeholfenen Menschen nachverfolgen zu können. Plötzlich hörte er ein leises Knacken und sofort erhob er seinen Kopf und schärfte seine Augen. Und was er sah erheiterte ihn. «Hihihi!», kicherte er leise vor sich hin. «Da ist doch dieser Depp über einen Ast gestolpert und frontal auf seinem Gesicht gelandet!» Vor Schadenfreude legte er sich auf den Rücken und sein ganzer Körper bewegte sich vor Lachen auf und ab. Jakob war immer schon von der lustigen Sorte gewesen. Es war ihm zuwider immer alles ernst und grau zu sehen, auch wenn das letzte halbe Jahr für ihn kein Zuckerschlecken war. Und gerade weil er vermutete, dass es sich bei diesem tollpatschigen Mann um einen Wilderer handelte, fand er es um so lustiger, dass dieser gerade mit seinem Gesicht inmitten eines Brombeergestrüpps gelandet war. Amüsiert beobachtete Jakob ihn weiter, doch plötzlich überkam ihn ein seltsames Gefühl. Hatte er keine hundert Meter von dem Wilderer entfernt eine Rehmutter mit ihrem Kitz gesehen? Oder war es doch nur ein Schattengebilde, welches die Bäume neben dem kleinen Bach auf den Waldboden malten?

Er sah wieder zu dem Wilderer und stellte verwundert fest, dass dieser begann unbeholfen sein Gewehr von seinem Rücken zu zerren. Jakob blickte suchend zu der kleinen Lichtung am Bach und spannte mit einem Mal seine Muskeln an. Er hatte sich nicht getäuscht! Tatsächlich befand sich am Bach ein Reh mit ihrem kleinen Kitz, um ihren Durst zu stillen. «Der wird doch wohl nicht?» Entsetzt sah er zwischen dem Wilderer und der kleinen Rehfamilie hin und her. Gedanklich wog er alle Alternativen ab, die es zu geben schien. Die erste Möglichkeit die ihm einfiel, war sich im Hintergrund zu halten und sich nicht einzumischen. Vorteil dieser Vorgehensweise war es, dass er selbst nicht als Opfer des Wilderers in Frage kommen könnte. Die zweite Alternative war schon etwas riskanter. Er könnte laut schreien und dadurch die Aufmerksamkeit des Wilderers auf sich ziehen. Jakob war zwar überzeugt davon, dass er bestimmt um einiges schneller laufen konnte als der Mann, aber ob er es mit einer Gewehrkugel aufnehmen konnte wusste er nicht einzuschätzen. Die dritte Möglichkeit war, sich schnell und lautlos an ihn anzupirschen und mit einem kurzen Satz zu Fall zu bringen. Während sein Verstand noch versuchte eine Entscheidung zu treffen, hatte sein Körper sich bereits selbstständig in Bewegung gesetzt und sprintete lautlos auf den Wilderer zu. Gerade in der Sekunde, als der Mann seinen Finger langsam auf den Abzug legte, sprang ihm Jakob mit einem Satz von hinten an und brachte ihn so zu Fall.

Und wieder landete das bereits zerkratze Gesicht in einer Brombeerstaude. Untermalt wurde die Szene mit einem Aufschrei des Menschen und einem lauten «Kruzifix!». Während der Wilderer wild rudernd am Boden lag und verzweifelt versuchte sich von den meterlangen dornigen Ranken zu befreien, blickte Jakob zu Frau Reh und deutete ihr mit seiner Vorderpfote, sofort von hier zu verschwinden und sich in Sicherheit zu bringen. Doch scheinbar verstand sie ihn nicht wirklich. Im Gegenteil. Sie und ihr Kind winkten freundlich zurück. Jakob sah die beiden fassungslos an und verstand die Welt nicht mehr. Deswegen bemerkt er auch nicht, dass der Mann seinen Kampf gegen das Brombeergestrüpp gewonnen und bereits den Lauf seines Gewehrs auf ihn gerichtet hatte. «Des gibts jo ned! A so a schöner Luchs! Sag Tschüss zum Leben, du Gfrast!» Gedanklich malte sich der Wilderer bereits aus wie er die hübsche Susi aus dem Nachbarort auf dem Luchsfell vor seinem Kamin endlich vernaschen durfte und verlor dadurch für ihn so kostbare Zeit zum Abschuss des stattlichen Tiers.

Jakob war wie erstarrt, denn zum ersten Mal in seinem Leben blickte er in einen Gewehrlauf. Er war zwar schlau und schnell, trotzdem war er momentan wie gelähmt und konnte keine klaren Gedanken fassen. In der Sekunde als er dachte nun sei sein Leben vorbei, entdeckte er im Augenwinkel einen braunroten Schatten, der sich dem Wilderer näherte. Es war eine wunderschöne Fuchsdame, die sich langsam und elegant von hinten an den Menschen anschlich und ohne Vorwarnung so gar nicht ladylike den Wilderer kräftig in seinen Hintern biss. Die Schmerzensschreie hallten durch den Wald, sodass wahrscheinlich jeder im Umkreis von hundert Kilometern nun Bescheid wusste, dass hier jemand scharfe Fuchszähne in seinem Allerwertesten stecken hatte. Erst nach einigen Minuten ließ der Fuchs von dem Hintern ab und der Mann flüchtete, seine Hände auf seinen Po pressend, wie von der Tarantel gestochen aus der Kampfarena. «Endlich habe ich diesen Arsch mal erwischt!», keuchte Frau Fuchs und grinste dabei: «Und das auch noch im wahrsten Sinne des Wortes.» Sie leckte sich das Blut von ihren Lefzen und ging danach zu der Rehfamilie, die noch immer verdutzt dreinblickend am Bach stand. Jakob war so fasziniert von dem Fuchs und folgte ihr, ohne zu wissen warum und gesellte sich zu ihnen.

«Ich bin übrigens die Vroni. Vroni Roth.» Die Füchsin nickte ihm zu und sprach weiter: «Das ist meine beste Freundin Mimi Scheu und ihre Tochter Chantal. Ich bin dir sehr dankbar, dass du ihnen das Leben gerettet hast. Dieser Mann wildert bereits seit einem Jahr hier und noch keiner konnte ihn fassen. Er hat bereits einige unserer Freunde getötet.», erzählte sie in traurigem Ton. «Und du bist?», frage Vroni und blickte den Luchs neugierig an. «Oh! Entschuldigung, dass ich so unhöflich bin. Mein Name ist Jakob Pinselohr.», antwortete er ein bisschen verlegen. Chantal ging einen Schritt auf Jakob zu und meinte: «Du siehst aber komisch aus für eine Katze! Du bist so groß!» Jakob begann zu lachen. «Ich bin keine Katze, ich bin ein Luchs!» Stolz hob er sein Haupt und scharrte kurz mit der Vorderpfote am Boden. «Noch nie davon gehört.», antwortete Chantal verwirrt: «Und du malst also Bilder?» «Wie kommst du denn darauf?» Jakob war sichtlich verwirrt. «Wegen deinem Namen. Jakob Pinsel.» Chantal verdrehte genervt die Augen. Der Luchs begann wieder zu lachen und korrigierte die Kleine. «Pinselohr heiße ich. Nicht Pinsel! Und nein, ich bin kein Maler.» «Verstehe ich nicht.», gab Chantal gelangweilt zurück. «Ist schon gut, Chantal. Lass den netten Herrn doch in Ruhe. Bedanke dich bei ihm, dass er uns das Leben gerettet hat.», mischte sich Mimi Scheu ein und unterband damit jeglichen weiteren Kommentar ihrer Tochter. Sie sah Chantal auffordernd an, bis Fräulein Scheu sich bei ihm bedankte und sich ohne jedes weitere Wort in den Wald verzog. «Wenn es dunkel wird bist du zuhause! Verstanden?», rief die Mutter ihr nach, doch sie bekam keine Antwort mehr.

«Kinder.», sagte sie genervt. «Wenn sie klein sind ist es ja noch einfach, doch wenn mal die Pubertät beginnt sind sie nicht mehr zu bändigen.» Sie schüttelte frustriert ihren Kopf. «Und was hat sie hierher verschlagen?» Jakob starrte immer wieder die Füchsin an und dachte darüber nach, ob er schon jemals ein so schönes, mutiges Wesen gesehen hatte. «Herr Pinselohr?» Mimi riss ihn aus seinen Gedanken. «Wie bitte?» «Was sie in den Dunkelsteinerwald verschlagen hat?», fragte Frau Scheu nochmals. «Ich bin nur auf der Durchreise. Naja. Ehrlich gesagt muss ich gestehen, dass ich mich verlaufen habe.» Verlegen blickte er zu Boden. «Lasst uns doch ein Stück gemeinsam gehen, dabei kann uns Jakob erzählen wo er denn eigentlich hin will.», schlug Vroni den beiden vor und Jakob sah sie dankbar an. Während ihres Spaziergangs erzählte er ihnen, dass er ursprünglich aus dem Böhmerwald stammte und er sich nach einem sehr schwierigen Jahr dazu entschlossen hatte, den Jakobsweg zu gehen, bis ans Ende der Welt zum Kap Finisterre in Spanien. Dummerweise ist er scheinbar in Bayern auf den falschen Weg abgebogen und dadurch irgendwie im Dunkelsteinerwald gelandet. Er berichtete, dass er sich einige Zeit hier niederlassen und ausruhen möchte, um danach seine Reise wieder antreten zu können.

Nach einer Stunde kamen die Drei an eine Futterstelle an denen sich eine Menge anderer Tiere tummelten. Mimi erzählte sofort einer Gruppe Rebhühner wie Jakob und Vroni ihnen das Leben gerettet und den Wilderer in die Flucht geschlagen hatten. Und dass Jakob auf Durchreise sei und hier einige Zeit verbringen wird. Aufgeregt plapperten die Rebhühner durcheinander und meinten, dass endlich etwas gegen diesen Wilderer unternommen werden muss. Sie trauten auch dem Luchs nicht über den Weg und meinten, dass er hier nichts zu suchen hatte. «Er muss verschwinden!», meinte ein Rebhuhn. «Er wird uns alle fressen!», schrie ein zweites Rebhuhn und plötzlich gackerten wieder alle Rebhühner wild durcheinander. «Er kann bleiben! Schließlich hat er Mimi und Chantal geholfen!», antwortet Vroni streng und bestimmt. Ein Wiesel kletterte flink auf einen Felsen und schrie: «Du hast hier nichts zu bestimmen! Wir wollen ihn hier nicht haben!» Die restlichen am Boden versammelten Wiesel applaudierten und grölten ihre Zustimmung. Scheinbar war das Wiesel am Felsen der Anführer der Gang.

Jakob fühlte sich sichtlich unwohl. Es war nicht seine Absicht hier für schlechte Stimmung zu sorgen. Er wollte doch einfach nur einige Tage ausruhen, um sich danach gestärkt wieder auf den Weg machen zu können. «Leute, ihr habt da etwas völlig missverstanden!», versuchte er die Tiere zu beruhigen. «Dich hat keiner um deine Meinung gefragt.» Jakob vernahm ein gefährliches Knurren hinter sich. Als er sich umdrehte, erblickte er einen räudigen Fuchs mit stumpfen Fell und einer großen Narbe auf seiner Schnauze. «Verpiss dich, Jonny!», schnauzte Vroni ihn von der Seite an. «Was willst du denn von diesem Typen, Vroni? Der ist doch nicht mal ein echter Fuchs!» Er hat auf jeden Fall Stil und Köpfchen. Was man von dir nicht behaupten kann! Also lass ihn gefälligst in Ruhe!» Genervt drehte sie sich wieder um und trat nah an Jakob heran. Sie blickte ihn liebevoll an, dass Jakob ganz warm ums Herz wurde. Konnte es tatsächlich sein, dass er sich in Vroni verliebt hatte? Er hatte schon von der Liebe auf den ersten Blick gehört, aber nie daran geglaubt, dass es so etwas geben konnte. «Also Leute. Jakob will nur einige Tage hier blieben und dann weiter ziehen. Und ich finde, dagegen sollte niemand etwas haben!» «Wer baut hier einen Graben?» Ein verwirrt dreinblickender alter Dachs meldete sich zu Wort. «Niemand baut hier einen Graben!», schrie ihn ein Feldhase an. «Sie meinte, es kann niemand etwas dagegen haben!» «Gegen was?» «Dass der Luchs ein paar Tage hier bleibt!», erklärte ihm der Hase lauthals. «Wo ist ein Luchs?» Der alte Dachs sah verschreckt durch die Runde. «Dort drüben!» «Super! Es gibt frische Rüben?»

Genervt verdrehte der Hase seine Augen und hoppelte auf Jakob zu. «Sie müssen entschuldigen, aber Franz ist bereits fast taub und sieht schon sehr schlecht. Ich bin übrigens Dr. Gunter Hopp.» Der Feldhase verbeugte sich elegant vor dem Luchs. «Ich hab nichts dagegen wenn sie hier bleiben. Luchse sind hier sehr selten. Und wenn sie ein Smartphone besitzen, kann ich ihnen gerne unser WLAN Passwort geben.» «Ein WLAN Passwort?», fragte Jakob erstaunt. «Hier gibt es WLAN Zugang?» «Auf das Projekt ist er ganz stolz, unser Herr Doktor.», kicherte Vroni vor sich hin. «Du wirst schon sehen, Vroni. Bald werdet ihr alle froh sein, dass ich das Projekt ins Leben gerufen habe und wir hier einen besseren Internetzugang als in irgendeinem anderen Wald haben.» Ermahnend hob Dr. Hopp seine Pfote. Jakob fühlte sich nun komplett überfordert von der Situation. Im Hintergrund hörte er noch immer die Rebhühner gackern und die Wieselgang ihre „Jakob raus“ Parole schreien, während der Dachs vergeblich nach frischen Rüben suchte. Etwas abseits stand eine Gruppe von Fasanen, die sich unter vorgehaltenem Flügel nur mit ihresgleichen leise unterhielten und die anderen Waldbewohner abfällig beäugten. Vroni bemerkte, dass Jakob die Gruppe beobachtete und meinte: «Das sind die neureichen Fasane. Sie denken sie wären etwas Besseres mit ihren glänzenden Federkleidern. Immer gestriegelt und herausgeputzt, so als ob sie sich jederzeit auf den Weg zum Wiener Opernball machen würden.» «Sachen gibt´s.», merkte Jakob verwirrt an. Plötzlich schoss ein kleines Eichhörnchen an ihm vorbei. «Das ist Sonja Flink. Sie ist immer im Stress und auf der Suche nach Nüssen.» «Nüsse? Wo sind Nüsse?» Sonja kam leichtfüßig angelaufen und erstarrte als sie den Luchs erblickte. «Hallo.», meinte Jakob verlegen und winkte Sonja zu. Diese bewegte sich aber nicht aus ihrer Schockstarre. «Ich dachte, es gibt Rüben!», schrie Franz, irrte durch die Gegend und stieß dabei einen kleinen Wildschweinfrischling um. «Pass doch auf, Alter!» Wütend kam der Wildschweineber angerannt, um seinem Kind zu helfen. Er schubste den alten Dachs zur Seite, sodass dieser ins Taumeln kam und zwei Wiesel mit sich zu Boden riss. Und dann brach ein lauter Tumult aus. Kleine Wiesel attackierten den alten Dachs, der Frischling heulte sich seine Seele aus dem Leib während sein Vater, Bernie Quieck, in Wildschweinmanier die Anwesenden beschimpfte. Die Rebhühner liefen aufgeregt durcheinander und Susi Flink, das Eichhörnchen, nutzte die Gunst der Stunde, um hinter dem Hasen Schutz zu suchen.

Da trat der Zwölfender aus seiner Deckung. Erhobenen Hauptes blickte er sich um, als würde ihm die Welt gehören. «Ruhe!», brüllte er und alle verstummten. «Das ist unser Bürgermeister.», flüsterte Vroni Jakob leise ins Ohr. «Was ist hier los?», fragte der Hirsch mit dröhnender Stimme. «Meine Kinder können bei diesem Lärm nicht schlafen!» Feldhase Dr. Hopp näherte sich mit gebeugter Haltung dem Bürgermeister und erklärte ihm, dass der Wilderer wieder sein Unwesen getrieben und Jakob mithilfe von Vroni diesen vertrieben hatte. Er erzählte, dass der Luchs einige Tage im Dunkelsteinerwald Rast machen wolle und die anderen Waldbewohner dies aber nicht billigten. Der Bürgermeister hörte geduldig zu und nickte ab und an. Als Dr. Hopp mit seiner Erzählung fertig war, deutete der Hirsch Jakob, dass er zu ihm kommen soll. Ehrfürchtig trat der Luchs an ihn heran und lauschte. «Du kannst solange bleiben wie du möchtest. Unter einer Bedingung. Wenn du es schaffst, den Wilderer von unserem Wald fernzuhalten.» «Aber...» «Nichts aber. Das ist meine Bedingung. Bis morgen früh hast du Zeit dir einen Plan zu überlegen. Und wenn nicht, dann musst du leider weiter reisen.» Jakob nickte sprachlos. Wie sollte er es schaffen den Mann aus dem Wald fernzuhalten? Er war doch nur ein Luchs. Der Zwölfender verabschiedete sich und ermahnte nochmals alle Anwesenden, sich ruhig zu verhalten. Minuten später waren alle verschwunden. Nur Jakob und Vroni blieben übrig. Sie unterhielten sich noch einige Zeit und überlegten wie sie gegen den Wilderer vorgehen könnten. «Eine Polizei müsste es geben. Die auf uns Acht gibt und alle Wilderer vertreibt.», seufzte Vroni leise. «Aber so etwas ähnliches gibt es doch!», antwortete Jakob verwundert. «Wie meinst du das? Alle Menschen wollen uns doch nur töten.» «Doch nicht alle Menschen! Es gibt Jäger, die ebenso auf das Wohl der Tiere bedacht sind. Die uns im Winter versorgen. Oder woher denkst du kommt im Winter das Futter an den Futterplätzen?» «Darüber habe ich noch nie nachgedacht.,» antwortete Vroni kleinlaut. «Wo soll sich dieser Jäger denn aufhalten? Und wie kann dieser uns helfen?» Und plötzlich hatte Jakob eine Idee. «Bring mich zu Dr. Hopp!»

Am nächsten Morgen saß Jakob an dem Platz, an dem sie den Wilderer vertrieben hatten und wartete geduldig mit gespitzten Ohren. Er war ziemlich müde, da er die halbe Nacht am Smartphone von Dr. Hopp verbrachte, um den Namen und die Adresse des zuständigen Jägers herauszufinden. In den frühen Morgenstunden begab er sich auf den Weg zum Haus von Sepp Forsthof und machte extra großen Krach, um die Aufmerksamkeit des Jägers auf sich zu ziehen. Jakob wusste, dass Luchse nicht geschossen werden dürfen und dass dies jeder korrekte Jäger wusste. Und er hoffte inständig, dass Sepp Forsthof zu dieser Kategorie zählte. Er lockte den Jäger in den Wald und legte sich hier ins Unterholz. Mit dem Wissen, dass sein Verfolger in der Nähe saß und ihn neugierig beobachtete. Jakob war klar, dass ein Mensch einen Luchs nicht zu Gesicht bekommt, wenn der Luchs das nicht wollte. Und dieses Wissen nutzte er aus. Im Gespräch mit Vroni hatte er herausbekommen, dass der Wilderer immer zur Mittagszeit auftauchte und er war sich sicher, dass er auch heute kommen würde. Mit dem Ziel, den seltenen Luchs der ihn gestern zu Fall brachte, wiederzufinden und sich zu rächen. Und Jakobs Plan ging auf. Der Wilderer wurde von Sepp Forsthof gefasst. Online konnten sich die Waldbewohner davon überzeugen, dass der Wilderer verurteilt wurde und aufgrund weiterer Vergehen ins Gefängnis kam.

Er stupste Vroni an und flüsterte ihr ins Ohr: «Jetzt weiß ich, dass es die Liebe auf den ersten Blick gibt und ich mit dir immer wieder bis ans Ende der Welt gehen würde!» Er zwinkerte ihr zu und blickte danach auf das Meer hinaus, während sie und ihre beiden Kinder auf den Klippen des Kap Finisterre saßen.