Short Story - # 09 - Halloween Special

Vorgabe: "Wer um Himmels Willen ist Melissa!"
von: Daniela
Genre: Paranormaler Horror

 

Titel: Wegweiser

Drei Stunden später wurde Sophie wach. Wieder nahmen die Gedanken an ein eigenes Kind überhand und deswegen beschloss sie, sich Tee zuzubereiten und eine Liste der Renovierungsarbeiten zu erstellen. Sie blickte auf die kleine Uhr neben dem Bett. Drei Uhr zweiundvierzig. Sie schlüpfte leise aus dem Bett. Plötzlich fröstelte sie. Sie spürte deutlich einen kalten Luftzug und blickte instinktiv zum Fenster. Doch dieses war geschlossen und auch die Schlafzimmertür stand nicht offen. «Scheinbar müssen wir auch die Fenster tauschen.», dachte sich Sophie und verließ leise das Schlafzimmer. Als sie die Treppen in das Erdgeschoss nahm, knarrten diese leise vor sich hin. «Na toll...», flüsterte sie leise zu sich selbst. Ein weiterer Punkt auf ihrer Liste. Wie konnte sie nur bei der Besichtigung des Hauses dies überhören? Irritiert blieb sie stehen und blickte auf die alten Bilder an der Wand. Sie fragte sich jetzt erst wer hier wohl vor ihnen gelebt hatte, denn die Bilder sprachen nicht sehr für den guten Geschmack des Vorbesitzers. Alte klobige Rahmen umschlossen irgendwie seltsame Portraits mit verängstigt dreinblickenden Kindern. Sie hatte in ihren gesamten dreiundvierzig Lebensjahren noch nie so unheimliche Bilder gesehen. Sie liebte Kinder und diese Tatsache machte sie in ihrem Job als Kinderpsychologin so erfolgreich. Sie hatte immer schon eine Gabe, dass sich ihr die kleinen Patienten öffneten und anvertrauten. Gedankenverloren ging sie in die Küche und kramte aus einer Schublade Schreibblock und Stift, welche sie auf den Küchentisch bereit legte. Danach bereitete sie sich eine große Kanne Kamillentee zu und nahm am Tisch Platz. Sie schenkte sich in ihre Lieblingstasse, die sie von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte, Tee ein und nahm den Stift in ihre Hand. Als sie auf den vor ihr liegenden Block sah traute sie ihren Augen nicht. In wackeliger Schrift stand ein Satz. Melissa zeigt dir den Weg. Wie konnte das sein? Als sie den Block aus der Lade holte war dieser Satz noch nicht da. Sie schüttelte verwirrt ihren Kopf. Konnte sie sich so täuschen und das übersehen haben? Und vor allem, wer um Himmels Willen ist Melissa? Da sie trotz durchforsten ihrer Erinnerung nicht feststellen konnte jemals eine Melissa gekannt zu haben, riss sie genervt das Blatt ab, zerknüllte es und warf es unachtsam auf den Küchenboden.

Am nächsten Morgen stand sie übermüdet auf und wünschte ihrem Mann nach einem gemeinsamen Frühstück einen schönen Arbeitstag. Sie hatte ihre Praxis für eine Woche geschlossen, damit sie im Haus die übrig gebliebenen Dinge des Vorbesitzers entsorgen konnte. Während sie ihrem Ehemann nachwinkte bis er mit dem Wagen um die Ecke bog, bemerkte sie, dass sie scheinbar beobachtet wurde. Sie blickte auf die gegenüberliegenden Häuser und sah, dass plötzlich ein Vorhang zugezogen wurde. «Das kann ja noch heiter werden», sagte sie in einem frustrierten Ton und ging wieder ins Haus zurück. Sophie trank noch einen starken Kaffee um zu Kräften zu kommen und schnappte sich danach die großen Kartons und trug sie in den Keller. Gott sei Dank war hier nicht sehr viel zu entsorgen. Nur ein Regal befand sich an der hintersten Wand des Raumes, welches zwar vollgestopft aber klein war. Während sie begann die Sachen in die Kartons zu schlichten, fragte sie sich wieder, welcher Mensch hier zuvor gelebt haben muss und warum dieser seine Habseligkeiten einfach zurückgelassen hatte. Die mittlere Reihe des Regals war komplett zugestellt mit alten Büchern und als sie eines davon raus ziehen wollte, war sie sehr erstaunt darüber, dass dies nicht funktionierte. Sie zog so kräftig daran, dass sich plötzlich die ganze Reihe auf einmal bewegte und auf den schmutzigen Boden knallte. Sophie schrie erschrocken auf und trat einen großen Schritt zurück. Sie betrachtete die Reihe von Büchern genauer und stellte fest, dass diese einzeln aneinander geklebt wurden. Sie hob die Buchreihe hoch und warf sie in einen leeren Karton. «Seltsam», dachte sie sich, blickte wieder auf das Regal und erschrak, als sie in ein bleiches Kindergesicht sah. Erst nach Sekunden registrierte sie, dass es sich dabei um eine Puppe handelte, die ein täuschend echtes Kindergesicht besaß. Sophie lachte auf. «Wie kann man nur so dumm sein...», schalte sie sich selbst und nahm das Spielzeug in ihre Hände. Die Puppe trug ein hübsches weißes Kleid, darüber eine rosa Weste und dazu schwarze Lackschuhe. «So schick würde ich meine Tochter auch anziehen.», sprach sie wehmütig aus, strich der Puppe über das Haar und legte sie vorsichtig zu den Büchern in den Karton. Nach einer Stunde war bereits ihre Arbeit erledigt und der letzte Karton vor das Haus gestellt.

Während Sophie einen tiefen Zug der kalten Herbstluft machte, beschloss sie eine kurze Pause zu machen und die Tageszeitung, die verlässlich jeden Morgen geliefert wurde, zu lesen. Mit der Zeitung bewaffnet ging sie wieder ins Haus und stellte erstaunt fest, dass jedes einzelne Bild neben der Treppe schief hing. Das irritierte sie so sehr, dass sie sofort die Bilder abhing und neben der Haustür an die Wand lehnte, um sie nach ihrer kleinen Pause ebenso zu entsorgen. Sie setzte sich an den Küchentisch, schlug die Zeitung auf und erstarrte. Das Blatt Papier von letzter Nacht lag in der Zeitung, unversehrt, so als ob Sophie es nie zusammengeknüllt hatte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. «Was soll das?», sagte sie laut zu sich selbst. Total überfordert von dieser nicht logisch erklärbaren Situation, beschloss sie einen kleinen Spaziergang zu machen. Sophie war durch und durch ein rational denkender Mensch, weswegen sie von Jürgen oft aufgezogen wurde. Er war das komplette Gegenteil von ihr. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte nämlich unter anderem die Recherche über paranormale Phänomene. Eines seiner Lieblingsthemen, die Sophie so gar nicht nachvollziehen konnte. Denn sie war der Meinung, dass alles rational erklärbar ist. Sie warf sich einen Schal über, zog sich ihre Jacke an und verließ das Haus ohne die Bilder zu beachten. Bei ihrem Spaziergang hatte sie laufend das Gefühl, dass sie beobachtet wurde, versuchte aber den Gedanken immer wieder beiseite zu schieben. Der Wind wehte ihr um die Nase und wirbelte auf der Straße liegendes Laub auf.Immer wieder musste sie dem Drang nachgeben, sich umzudrehen. Kurz glaubte sie ein hübsches kleines Mädchen zu sehen, dass sich lachend hinter einem Baum vor ihr versteckte. Sie fühlte sich so unwohl, dass sie wieder kehrt machte und zügig zum Haus zurückging.

Völlig außer Atem schloss sie die Eingangstür auf und schlüpfte rasch hindurch. Als sie sich ihrer Jacke entledigt hatte und wieder in Richtung Küche ging, beschlich sie plötzlich wieder ein ungutes Gefühl. Im Augenwinkel bemerkte sie, dass am Treppenaufgang etwas anders war. Sie drehte sich langsam in die Richtung und hielt für einen Sekundenbruchteil den Atem an. Die Bilder hingen wieder an der Wand, so als ob sie diese nie abgenommen hatte. Und erst jetzt bemerkte sie die leise Musik, die aus dem Keller kam. Sie fühlte sich immer unwohler und ging langsam zur Kellertür. Sie öffnete mit zitternder Hand die angelehnte Tür, nahm vier Stufen, blieb stehen und lauschte. Das Lied das sie hörte, ließ sie erschaudern. Eine leise Kinderstimme sang ein fröhliches Kinderlied. «Was zur Hölle ist hier los?», schimpfe Sophie wütend. Sie eilte in den Keller, um die Quelle der Musik herausfinden zu können. Dort angekommen erblickte sie ein altes Radio am Regal stehend, hob es hoch und schmetterte es aufgrund der aufkeimenden Angst zu Boden, sodass es in seine Einzelteile zerfiel. Sie spürte ein leichtes Pochen hinter ihrer Schläfe und bemerkte die aufsteigende Übelkeit. Ohne die am Fußboden verteilten Teile aufzuheben, verließ sie so schnell sie konnte den Keller. Sie lief in die Küche, öffnete das Fenster und atmete die kalte Luft tief ein. Solange, bis sich ihr Puls wieder normalisiert hatte. Nachdem sie eine Tasse Tee getrunken hatte wurde ihr Kopfschmerz immer stärker, was für Sophie von Vorteil war, denn die Schmerzen lenkten sie von ihrer langsam größer werdenden Angst ab. Sie legte sich auf die Couch, massierte ihre Schläfen und hoffte, dass sie eine Runde Schlaf bekommen würde.

«Schatz? Bist du zuhause?», rief Jürgen aus der Küche, während er darauf wartete, dass die Kaffeemaschine sein Getränk fertig zubereitete. Er hatte bei seiner Ankunft nicht bemerkt, dass Sophie schlafend auf der Couch lag und war schnurstracks in die Küche gegangen. «Schatz?» Sophie schreckte hoch und benötigte einige Sekunden, um sich zu orientieren. «Ich bin im Wohnzimmer!», antwortete sie ihm schlaftrunken. «Ich hatte so starke Kopfschmerzen und hab mich deswegen hingelegt.» Jürgen steckte seinen Kopf durch die Tür. «Du Arme, ich hoffe es geht dir wieder besser. Sag, hast du die Puppe in der Küche von einem deiner Klienten?», fragte er auf den Weg zurück in die Küche. Sophie verstand die Frage nicht, stand auf und ging ihm nach. «Was meinst du?» «Ob du die Puppe von einem Klienten hast?» Er deutete auf den Stuhl hinter ihr. Sophie drehte sich um und war sprachlos. Es war die Puppe, die sie im Keller gefunden und vor die Haustür getragen hatte.

Nach einem langen Streit zwischen den beiden verließ Sophie wütend das Haus. Beim Einzug merkte Jürgen an, dass er sehr gespannt darauf war ob es in dem Haus spuken würde. Sie antwortete mit einem Augenverdrehen darauf, dass ein altes Haus auf logisch denkende Menschen wie sie nicht unheimlich wirken könnte. Und deswegen war sie davon überzeugt, dass er die Puppe in die Küche gesetzt hat und ihr damit nur Angst machen wollte. Manchmal hasste sie seinen Humor. Sie stapfte ohne Jacke durch den kalten Wind und wollte einfach nicht glauben, dass Jürgen nichts damit zu tun hatte. Er stritt ab, etwas mit den Vorkommnissen zu tun gehabt zu haben. «Alles ist rational erklärbar.», murmelte sie vor sich hin und plötzlich sah sie wieder das kleine Mädchen. Nur dieses Mal versteckte es sich nicht. Im Gegenteil. Es stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und winkte Sophie lächelnd zu. Sie musste ebenfalls lächeln und winkte zurück. «Ist dir nicht kalt?», rief sie zu der Kleinen, da sie bemerkte, dass sie nur mit einem kurzen Kleidchen bekleidet war. Energisch schüttelte das Mädchen den Kopf. Von einer Sekunde auf die andere wurde ihr kleines Gesicht ernst und sprach gerade so laut, dass Sophie es gerade noch hören konnte. «Melissa zeigt dir den Weg.» Sophie erstarrte und fühlte eine aufkommende Ohnmacht. Sie konnte die Worte zwar hören, aber den Sinn nicht erfassen. Sie öffnete den Mund und wollte das Mädchen fragen, was sie von ihr wollte, was sie damit meinte. Doch in diesem Moment sagte es: «Ich muss endlich nachhause, meine Eltern vermissen mich! Frag Melissa!» Sie winkte kurz und rannte davon.

Sophies Neugier nahm überhand und so verfolgte sie die Kleine. Sie lief so schnell sie nur ihre Beine tragen konnte und trotzdem war das Mädchen schneller als sie. Nach der Abbiegung blieb sie stehen, völlig außer Atem und verstand die Welt nicht mehr. Sie hatte die Kleine aus den Augen verloren. Keine Menschenseele war auf den Straßen unterwegs, nur ab und zu ein Auto das gemächlich an ihr vorbei fuhr. «Wo ist sie nur abgeblieben?», murmelte sie und verschränkte die Arme vor ihre Brust. «Kann ich ihnen helfen?» Erschrocken fuhr Sophie herum. Sie blickte in ein trauriges vom Leben gezeichnetes Frauengesicht. Sophie schätzte sie durch das von Trauer verhangene Gesicht auf zirka vierzig Jahre, obwohl sie bestimmt jünger sein könnte. Sie ging einige Schritte auf die Frau zu und antwortete: «Ja, vielleicht. Mein Name ist Dr. Sophie Stein. Ich habe hier ein kleines Mädchen gesehen, dass für diese Jahreszeit viel zu leicht bekleidet war. Ich wollte sicher gehen, dass sie unversehrt so schnell wie möglich nachhause kommt und habe sie aber leider aus den Augen verloren. Haben sie die Kleine vielleicht gesehen?» «In dieser Gegend wohnt kein kleines Mädchen.», antwortete die Frau reserviert. «Das ist unmöglich. Sie muss hier in der Nähe leben. Sie sagte zu mir, dass sie nachhause muss, da ihre Eltern sie vermissen.» «Sie irren sich.» Die Frau sah sie mit ihren traurigen Augen durchdringend an und gab Sophie damit zu verstehen, dass sie und ihre Fragen hier nicht erwünscht waren. Die beiden verabschiedeten sich kühl voneinander und Sophie ging sprachlos nachhause. Ihr Ehemann wartete bereits mit einem selbst gekochten Abendessen auf sie und entschuldigte sich bei ihr für den Streit. Beide verloren kein weiteres Wort über die Vorkommnisse und machten es sich nach dem Essen mit einem Film auf der Couch gemütlich.

Weit weg vernahm sie schnelle Schritte. Sofort hellwach setzte sich Sophie mit durchgestrecktem Rücken auf der Couch auf und lauschte. Hatte sie das nur geträumt? Sie fuhr sich mit den Händen über ihr Gesicht, um die Müdigkeit zu vertreiben. Auf dem Bildschirm des Fernsehers war der Startbildschirm des Anbieters zu sehen und von Jürgen war weit und breit keine Spur. «Jürgen?», fragte sie in leisem Tonfall. Sie vermutete, dass er sie nicht wecken wollte und alleine in ihr Schlafzimmer gewandert sei. Schlaftrunken nahm sie die Fernbedienung in die Hand und drückte auf die Taste Off. Der Bildschirm wurde schwarz nur um nach einigen Sekunden die Sophie nur allzu bekannten Worte in rot leuchtenden Lettern anzuzeigen. Melissa zeigt dir den Weg. Gleichzeitig hörte sie am Flur ein leises Knarren einer sich öffnenden Tür. Das Licht der Wandleuchten begann zu flimmern und leises Kinderlachen zog sich durch das alte Haus. Sophie erstarrte und ihr Herzschlag verdoppelte sich. «Was geht hier vor sich?», dachte sie sich ängstlich und doch voller Neugierde. Langsamen Schrittes begab sich die Frau in den Flur, betrachtete die neben der Treppe hängenden Portraits, welche sanft schaukelnd leise Kratzgeräusche an der Wand verursachten. Es schien als ob die Kindergesichter Tränen in den Augen hatten, aber so genau konnte sie es durch das ständige flackernde Licht nicht ausnehmen. Plötzlich hörte sie wieder das Kinderlachen und blickte zur Kellertür. Dort saß die kleine Puppe am Boden und starrte sie auffordernd an. Sophies Atem wurde schneller und sie bewegte sich langsam in Richtung der offen stehenden Kellertür. Unvermittelt und mit lautem Krach zerbarst hinter ihr die Glasscheibe eines Flurfensters. Sophie entfuhr ein lauter Schrei. Während sie sich danach umdrehte, wurde die Kellertür mit einem Knall zugeschlagen. Sie drehte sich wieder um und zusätzlich nochmals um die eigene Achse, da sie nicht mehr ausnehmen konnte, was hier passierte.

Auf einen Schlag hörten alle Bilder auf zu schaukeln und das Licht brannte wieder normal. Doch eines war plötzlich anders. Die Puppe saß nicht mehr am Boden. Es war keine Spur von ihr zu sehen. Sie war verschwunden. Es schien, als hätte sie sich von selbst auf den Weg in den Keller gemacht und die Tür hinter sich zugeschlagen. Leise näherte sich Sophie der nun geschlossenen Kellertür und öffnete diese behutsam. Aus dem Keller drang ganz deutlich ein Kinderlachen nach oben, untermalt mit einem fröhlichen Lied. Sie betätigte den Lichtschalter und stieg vorsichtig die Treppen hinab. Immer wieder blieb sie dazwischen stehen und hielt kurz den Atem an. Plötzlich schlug das Kinderlachen in ein leises Seufzen und Weinen um. Unten angekommen erkannte sie das alte Radio. Unversehrt. Und auf dem mittleren Regal saß die Puppe und lächelte Sophie an. Sie ging auf die Puppe zu, nahm all ihren Mut zusammen und hob sie hoch. Sie drehte die Puppe in alle Richtungen, in der Hoffnung einen ausgeklügelten Mechanismus zu finden, der das Spielzeug bewegen konnte. Auf dem Rücken des Kleidchens entdeckte sie kleine gestickte Buchstaben. Melissa. Vor Schreck ließ sie die Figur fallen. Sophie fühlte sich der Ohnmacht nahe.

«Schatz? Wo bist du? Du kannst nicht glauben, was ich im Internet über dieses Haus recherchiert habe.» Aufgeregt eilte Jürgen in den Keller, da er aufgrund des eingeschalteten Lichts vermutete, dass sich Sophie dort befinden musste. «Schatz, der Vorbesitzer des Hauses wurde verdächtigt, ein sechs Jahre altes Mädchen aus der Nachbarschaft entführt und getötet zu haben. Doch sie konnten ihm nichts nachweisen.» Jürgen erblickte überrascht seine am Boden sitzende Frau, ihm den Rücken zugekehrt. «Hast du gehört was ich gesagt habe? Dem Vorbesitzer wurde zur Last gelegt, die Nachbarstochter misshandelt und getötet zu haben. Da die Polizei ihm aber nichts nachweisen konnte, hat er sich aus dem Staub gemacht und alles hier gelassen. » 

«Jetzt können wir es ihm nachweisen.», antwortete Sophie monoton. Jürgen trat vorsichtig an die linke Seite seiner Frau heran, ging in die Hocke und fasste sie sanft an ihren Schultern. Sorgenvoll blickte er in ihre leeren Augen. Ihr Gesicht war mit Schmutz und Ziegelstaub beschmiert. In ihren blutigen Händen hielt sie eine kleine Box voll mit Videokassetten. Jede einzelne der dreiundzwanzig Kassetten war fein säuberlich mit einem Namen und einem Zeitraum beschriftet.