Short Story - # 08

 

Vorgabe: "Ohne mein größtes Tief wäre ich nicht so hoch gekommen."
von: Ewald
Genre: Krimi

 

Titel: Doppeltes Spiel

Maike schnäuzte sich geräuschvoll und warf das Taschentuch achtlos auf den Boden. Die Haut ihrer Nase schuppte bereits von der Dauerreizung und ihre Augen waren verquollen und rot. Dennoch, sie konnte einfach nicht aufhören zu heulen. Zu tief saß der Schmerz über ihren Verlust. »Nun reiß dich mal zusammen!«, hörte sie die Stimme ihrer Mutter aus der Küche, »es ist jetzt zwei Wochen her, es wird Zeit, dass du wieder zu leben beginnst!« Maike sank nur noch tiefer in die Kissen ihrer Schlafcouch. Seit der Trennung mied sie das Bett wie der Teufel das Weihwasser. Schließlich trug es noch immer seinen Geruch. Sie hätte auch einfach das Bettzeug waschen können, aber dafür fehlte ihr die Kraft. Die komplette Wohnung glich einem Schlachtfeld. Überall lagen alte Verpackungen, Zeitungen und Taschentücher herum, zwei übervolle Aschenbecher sorgten für penetrant unangenehmen Geruch. Auch das Katzenklo hätte dringend einer Reinigung bedurft. Doch alles, was Maike in den letzten Tagen zustande gebracht hatte, war heulen und schlafen. »So, nun wird gegessen, damit du wieder ein bisschen Farbe im Gesicht bekommst. Dann kümmern wir uns um den Rest.«

Resolut stellte ihre Mutter einen Teller dampfend heiße Kürbissuppe vor ihre Nase, nicht ohne vorher mit einer ausladenden Handbewegung Platz auf dem verschmutzten Tisch zu machen. Essen war Maike in den letzten Tagen absolut zuwider gewesen. Sie fühlte sich ohnehin schon viel zu dick, da konnten ein paar Tage Nikotindiät nicht schaden. Als ihr allerdings der aromatische Geruch der dickflüssigen, orangenen Suppe in die Nase stieg, knurrte ihr Magen laut auf. Ihre Mutter schmunzelte: »Na, siehst du!« Mit zitternden Fingern nahm Maike den Löffel und rührte vorsichtig das Kürbiskernöl ein, das ihre Mutter in einem hübschen Muster über die Suppe gegossen hatte, und kostete vorsichtig. »Das schmeckt wirklich gut, Mama«, lobte sie ihre Mutter leise und war so dankbar für die Geste, dass ihr erneut die Tränen in die Augen traten. Betrübt legte Bärbel ihrer Tochter die Hand auf die Schulter, während sie sie schweigend beim Essen beobachtete. Es tat ihr in der Seele weh, Maike in diesem Zustand zu sehen. Es war ja nicht das erste Mal, aber diesmal war es wirklich schlimm. Zum Glück war dieser Mistkerl endlich aus ihrem Leben verschwunden! Sie erhob sich, zog die dunklen Vorhänge beiseite und öffnete das Fenster. Dankbar inhalierte sie die frische Luft, eine wohltuende Abwechslung zu dem sauerstoffarmen und schwer atembaren Gestank in der Wohnung. Bärbel lehnte sich an das Fensterbrett und sagte schließlich: »Willst du drüber reden?« Maike nickte langsam, schob den halb aufgegessenen Teller von sich und griff zur Zigarettenpackung.

»Es war ein Unfall. Ich hab nicht aufgepasst, bin über meine eigenen Füße gestolpert und die Treppe hinunter gefallen. Weiter nichts ...« Bärbels Blick fiel auf den riesigen Bluterguss, den ihre Tochter im Gesicht trug und der sich bereits gelblich verfärbte. »Er hat jetzt eine Neue. Hübscher, jünger, schlanker...« Maikes Stimme verlor sich gleichzeitig mit ihrem Blick. Bärbel wartete einen Moment und sagte dann vorsichtig: »Vielleicht hättest du nicht zu ihm nachhause gehen sollen, Liebes. Lass es gut sein. So einer hat mein Mädchen doch gar nicht verdient.« Sie legte ihre ganze Liebe in diese Worte, doch sie merkte, dass sie ihre Tochter nicht erreichten. Maike hatte bereits wieder dicht gemacht. Bärbel seufzte. Dieser Chris tat gut daran sich von ihrer Tochter fernzuhalten. Lange Zeit hatte sie schon vermutet, dass er hinter seiner professionellen Fassade keiner von den Guten war, doch dass er sie sogar körperlich verletzen könnte, war das Allerletzte was sie sich hatte vorstellen wollen. Der Gedanke ließ blanke Wut in ihr aufwallen und sie musste sich sehr beherrschen um nicht zu heftig auf ihre Tochter einzuwirken. »Du solltest darüber nachdenken, ihn anzuzeigen...« Empört blickte Maike sie an. »Mama, hast du mir nicht zugehört? Chris war nicht schuld daran! Ich war es, die zu blöd war um einen Fuß vor den anderen zu setzen!« Bärbel atmete tief durch. Das hatte alles keinen Sinn. Auch wenn sie Maike am liebsten persönlich zur nächsten Polizeidienststelle geschleift hätte, so kam sie nicht zu ihr durch. »Hör zu, ich werde jetzt das Bad putzen und dir dann eine schöne, heiße Wanne einlaufen lassen. Na, wie klingt das?«, lenkte sie ein. Maike versuchte ein Lächeln. Dankbar nickte sie und blickte ihrer Mutter nach, die bereits mit Reiniger und Tüchern bewaffnet um die Ecke gebogen war.

Ihr war durchaus bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Aber was sollte sie jetzt noch tun? Sie war nun Mitte dreißig und saß vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihr ganzes Leben hatte sich die letzten Jahre ausschließlich um Chris gedreht. Nichts hatte sie sich sehnlicher gewünscht, als mit diesem Mann eine Familie zu gründen. Kinder zu haben. Aufs Land zu ziehen, raus aus der stickigen Großstadt. Jeden Tag aufs Neue hatte sie gehofft, er würde sich besinnen und sie endlich als das wahrnehmen, was sie war: Eine Frau, die ihn aufrichtig und von ganzem Herzen liebte. Stattdessen erfand er immer mehr Gründe, warum sie nicht zusammen sein konnten. Als letzte Konsequenz hatte er nach ihrem bedauernswerten Treppensturz eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es Maike verbot, sich ihm zu nähern. Als wäre sie eine lästige Stalkerin! Es kränkte sie unglaublich, dass Chris ihre Versuche, es wieder gut zu machen, als Bedrohung empfand. Wut und Verzweiflung kochten plötzlich in ihr hoch. Es war schrecklich unfair, was sie hier zu ertragen hatte! Er lebte nun glücklich mit seiner Schlampe und sie saß hier im eigenen Dreck und hatte Schmerzen am ganzen Körper! Der Sturz über die Treppe hatte ihr endgültig den Rest gegeben. Soviel Verachtung und Hass lagen in seinem Blick, als er ihr den Stoß vor die Brust gegeben hatte. Dennoch – Maike liebte ihn und würde er heute vor ihrer Türe stehen, würde sie ihn ohne groß darüber nachzudenken, hereinbitten. Der chemische Geruch des Badreinigers drang ihr in die Nase.

Rasch zündete sie sich eine neue Zigarette an und griff nach ihrem Smartphone. Sie öffnete Facebook, tippte seinen Namen in die Suche und fand... nichts. Kopfschüttelnd schloss sie die App, öffnete sie erneut und wiederholte den routinierten Vorgang. Doch anstatt seines geliebten Profilbildes starrte sie wieder nur auf die leere Suchleiste. »Das ist doch nicht möglich«, hauchte sie und Tränen liefen ihre Wangen hinab. Verzweifelt scrollte sie durch ihre Timeline, hoffend irgendwo eine Verlinkung auf sein Profil zu finden, doch Fehlanzeige. Sie checkte gemeinsame Freunde doch das Ergebnis war ebenfalls enttäuschend. Als hätte Chris niemals existiert. Nachdem nun schon ihre Mails retour kamen, weil die Adresse angeblich nicht mehr gemeldet war, hatte er sie nun auch auf Facebook blockiert. Sie starrte fassungslos auf das Smartphone, als eine Werbeanzeige ihre Aufmerksamkeit erregte. Eine Frau mittleren Alters präsentierte mit stolz geschwellter Brust ein Buch und darunter stand in dicken roten Lettern zu lesen: »Ohne mein größtes Tief wäre ich nicht so hoch gekommen! Wie sie sich ihre Krise zu nutze machen!« Ein paar Augenblicke lang zog sie die Anzeige völlig in ihren Bann. »Liebes, dein Bad ist fertig!«, rief Bärbel plötzlich und Maike zuckte überrascht zusammen. Achtlos warf sie das Telefon beiseite, dämpfte ihre Zigarette aus und schlurfte ins Badezimmer.

Maike erwachte wenige Tage später wie gewohnt auf ihrer Schlafcouch. Verschlafen rieb sie sich die Augen und blickte sich um. Ihre Mutter hatte zwar den gröbsten Dreck beseitigt, aber die Wohnung war immer noch in einem desolaten Zustand. Für einen kurzen Moment kam ihr der Gedanke, aufzuräumen. Was wäre, wenn Chris plötzlich unangemeldet vor der Tür stehen sollte? Was würde er denken, wenn er sie so sehen würde? Vielleicht sollte sie langsam wirklich wieder ins Leben zurückfinden, und wenn es nur seinetwillen war. Schließlich bestand ja immer noch eine klitzekleine Chance, dass er es sich nochmal überlegen würde! Vielleicht sollte sie erneut die Initiative ergreifen und ihn um ein versöhnliches Gespräch bitten? Sie konnte ihm ja einfach einen Brief vor der Haustür hinterlassen! Von neuer Energie beseelt huschte sie ins Bad. Danach griff sie sich einen Stift und den nächstbesten Zettel aus einem Stapel Papier, den ihre Mutter in eine Ecke des Tisches geschlichtet hatte. Darunter kam ein knallroter Flyer zum Vorschein. Wieder dieses ominöse »Nutze deine Krise!« Gedöns. Sie ließ den Stift sinken und starrte auf den Titel. Irgendwie schien sie dieses Buch zu verfolgen. Und plötzlich erschien ihr die Idee, eine Nachricht an ihren Ex zu schreiben, als das Dümmste was sie tun konnte. Stattdessen öffnete sie Amazon und suchte nach dem Buch. Praktischerweise waren ebooks immer sofort verfügbar, also zögerte sie keine Sekunde und klickte auf »Kaufen«.

»Christopher Martens?« Unsicher blickte er die Polizisten an, dann nickte er. »Steht vor Ihnen. Was kann ich für sie tun?« »Wir würden sie bitten, mit uns aufs Revier zu kommen. Uns liegt eine Anzeige wegen Körperverletzung vor und wir brauchen ihre Aussage.« Chris schüttelte den Kopf. Das wagte diese blöde Schlampe doch nicht wirklich! Es waren mittlerweile über zwei Wochen seit dem bedauernswerten Zwischenfall vergangen und jetzt kam sie ihm mit einer Anzeige? »Wer..?«, knurrte er, die Ader an seiner Stirn trat bedrohlich hervor. Die beiden Polizisten warfen sich einen Blick zu. »Wenn sie uns nun freundlicherweise begleiten würden? Sie erfahren die Details noch früh genug.« Offensichtlich hatte er keine andere Wahl. Er schlüpfte in seine Designerschuhe und schnappte sich ein Sakko vom Kleiderständer. »Meine Herren, bitte nach Ihnen!« Hoch erhobenen Hauptes stieg er in den Polizeiwagen. Er hoffte inständig, dass keiner seiner Klienten oder Kollegen ihn so sahen. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Presse von der Sache Wind bekam. Der renommierte Hypnotherapeut Chris Martens in Polizeigewahrsam! Das könnte ihn seine Karriere kosten! Dennoch war Chris sich ziemlich sicher, dass er sich aus der Sache rauswinden konnte. Er war charismatisch genug, seine Argumente waren stets überzeugend und außerdem hatte er auch die Verfügung gegen Maike durchgebracht. Sie trug bereits den Stempel einer Stalkerin auf der Stirn, den würde er sich schon zu nutze machen. Und wenn die Anzeige vom Tisch war würde er dafür sorgen, dass sie nie wieder irgendetwas gegen ihn unternehmen konnte.

Fassungslos legte Maike ihren E-Reader beiseite. Noch nie in ihrem Leben hatte sie ein Buch derartig gefesselt, dass sie es tatsächlich in einem Rutsch durchgelesen hatte. Die Autorin hatte das geschafft, was ihre Mutter seit Monaten vergeblich versuchte: Ihr die Augen zu öffnen. Sie war nicht schuld an der ganzen Misere. Sie hatte es nicht verdient, so behandelt zu werden. Unwillkürlich ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Der ganze Schmerz, der sich über sehr lange Zeit angestaut hatte, drohte sich nun Bahn zu brechen. Allerdings zum ersten Mal nicht in Form von Tränen. Maike hatte plötzlich das Gefühl, als würde ihr die Wut wie ein dicker Gummiball gegen die Rippen drücken. Sie schnappte nach Luft, röchelte. Vor ihrem inneren Auge lief der Treppensturz wie in Zeitlupe ab. Wie Chris Finger gegen ihre Brust stießen, wie sie den Halt verlor und rücklings hinunterfiel. Der Schmerz in ihrem Kopf, als sie gegen die Stufen prallte. Das hämische Kichern seiner Neuen, als sie reglos liegenblieb. Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle, endlich konnte sie wieder atmen! Es dauerte minutenlang, bis sich Maike wieder im Griff hatte. Der Anfall war befremdlich, noch nie hatte sie sich derart energiegeladen gefühlt! Es war an der Zeit, ein für alle Mal Schluss zu machen. Mit der Vergangenheit, mit dem Opferdasein und vor allem: mit Chris. Plötzlich hämmerte jemand an die Tür!

»Maike! Ich bin's, mach auf!« Sie zuckte zusammen. Seine Stimme drang ihr durch Mark und Bein. Es war ein Wink des Schicksals, dass er just in diesem Moment auftauchte. Chris rüttelte heftig am Türknauf. Offensichtlich war er wütend, das kam ihr nur Recht. Leise tapste sie in die Küche, griff sich das längste Messer und verbarg es hinter ihrem Rücken. Dann schlich sie zur Tür. »Mach endlich auf! Ich weiß, dass du da bist! Wo solltest du auch sonst...?« Das letzte Wort blieb ihm vor Überraschung im Hals stecken, als Maike ruckartig die Tür öffnete und ihn hasserfüllt anfunkelte. Chris hingegen grinste sie an. Er kannte Maike schon jahrelang, er wusste wie sie drauf war, wenn ihre zweite Persönlichkeit ans Licht kam. Er hatte es schon oft genug am eigenen Leib erfahren. »Maike, Schatz. Ich bin's. Kein Grund so wütend zu sein. Ich will nur mit dir reden.«, sagte er in einem sanften Tonfall, der normalerweise immer funktionierte. Doch diesmal schien die gewohnte Wirkung auszubleiben. »Nur zu! Komm rein!«, knurrte Maike und deutete mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer. Irritiert blickte er in ihr Gesicht. Keine Anzeichen der willenlosen Hörigkeit, die die gute Maike sonst ausstrahlte. Offensichtlich hatte irgendetwas seine Hypnose gestört. Das konnte doch nicht möglich sein! Er trat einen Schritt auf Maike zu und fasste ihr an die Schulter.

»Fass mich nicht an!«, kreischte sie hysterisch und zog das Messer hervor. Chris erstarrte. Das war ganz und gar nicht normal. Etwas lief hier gründlich schief. Er hob abwehrend die Hände und wich zurück. Noch ein Grund mehr sie auszuschalten. Wenn sie in eine psychiatrische Anstalt kam, und da würde sie ganz sicher landen wenn er die Polizei verständigte, würden die Profis relativ schnell herausfinden, was mit ihr geschehen war. Was er ihr angetan hatte. »Beruhige dich! Alles ist in Ordnung. Du … hast mir gefehlt. Ich wollte dich unbedingt sehen, nur deswegen bin ich hier.« Zweifel durchzuckten Maikes Gesicht. Chris nutzte seine Chance. »Du bist verwirrt, Liebes. Ich habe dich zu lange allein gelassen. Leg das Messer weg und ich mache es wieder gut. Versprochen. Ich liebe dich doch!«

Seine Stimme war weich, Maike schluckte und ließ das Messer sinken. Mit einem dumpfen Klirren fiel es zu Boden. »Ich... ich liebe dich auch!«, hauchte sie und schluchzte laut auf. Genervt verdreht Chris die Augen, packte sie an den Schultern, schob sie weiter in die Wohnung und schubste mit dem Fuß die Tür ins Schloss. Er konnte keine Zeugen gebrauchen. Ehe Maike begreifen konnte, was geschah, dirigierte er sie bestimmt zur Couch. Als er sichergestellt hatte, dass sie weich fallen würde, schlug er sie mit der Faust gegen die Schläfe, mitten in den bereits vorhandenen Bluterguss. Maikes Zähne schlugen aufeinander. Ein leises Stöhnen drang aus ihrem Mund und sie landete bewusstlos in ihrem provisorischen Bett. Chris seufzte theatralisch. So hatte er sich sein kleines Experiment nicht vorgestellt. Sanft strich er ihr über die Stirn und küsste zärtlich ihre vollen Lippen. Vor langer Zeit hatte er Maike tatsächlich geliebt. Doch irgendwann hatte sie begonnen, es mit ihrer Eifersucht zu übertreiben. Sie hatte ihm nachspioniert. Ihn vor seinen Freunden gedemütigt, indem sie bei seiner Geburtstagsfeier eine gewaltige Szene wegen der Stripperin gemacht hatte. Chris hatte schnell herausgefunden, dass seine Freundin zwei Gesichter trug: Einerseits war sie ihm willenlos ergeben, doch wenn es mit ihr durchging, wurde sie zur Furie. Das konnte er sich einfach nicht gefallen lassen. Ein Mann seines Kalibers brauchte eine Frau an seiner Seite, die sich im Griff hatte und keine tickende Zeitbombe. Also machte er sich seine Hypnoseausbildung zu nutze. Chris schaffte es tatsächlich, den lästigen, problematischen Anteil aus Maikes Psyche zu tilgen – zumindest solange sie noch ein Paar waren. Denn irgendwann wurde ihm langweilig. Sie entwickelte sich mehr und mehr zu einem anhänglichen Hündchen, folgsam aber gänzlich ohne eigenen Willen. Also servierte er sie ab. Damit war für Chris die Sache erledigt. Eigentlich hätte sich der Befehl, der ihre manische Persönlichkeit in Schach gehalten hatte, irgendwann von selbst auflösen sollen. Offensichtlich hatte Maike etwas getan, was diesen Vorgang beschleunigt hatte.

Aber egal, er war flexibel. Er würde seine Pläne einfach anpassen. Dennoch tragisch, dass es nun so enden würde. Er zog sich seine dünnen, edlen Lederhandschuhe an und ging ins Vorzimmer um das Messer zu holen. Praktisch, dass sich Maikes frische Fingerabdrücke darauf befanden. Beiläufig registrierte er den Saustall in der Wohnung und der unangenehme, abgestandene Geruch drang ihm in die Nase. Den Selbstmord würde niemand hinterfragen, es passte alles zusammen. Maike erfüllte jedes Klischee einer lebensmüden Durchgeknallten. Keiner würde Verdacht schöpfen. Auch wenn er es gerne friedlich gelöst hätte, mit der Anzeige hatte ihre Mutter einen großen Fehler begangen. Nun musste sie eben mit den Konsequenzen leben. Mit einem glatten Schnitt drang die Klinge in die zarte Haut von Maikes Handgelenk. Ihre Bewusstlosigkeit sorgte dafür, dass sie nichts mitbekam. Er öffnete die Schlagader und beobachtete zufrieden, wie das Blut hervorquoll und die dreckige Couch nach und nach tränkte ...