Short Story - # 07


Vorgabe: "Seine Smartwatch vibrierte fast lautlos, aber das merkte er nicht mehr."
von: Reinhard
Genre: Urban Fantasy

 

Titel: Beschwörungen

Kendrik stand da und starrte mit offenem Mund auf die Gestalt vor ihm. Abwechselnd blickte er auf das aufgeschlagene Buch in seiner Hand, dann wieder auf die Gestalt, blickte sich um als erwarte er staunendes Publikum. Gab es natürlich nicht, denn Kendrik stand ganz alleine auf dem Dachboden seines Elternhauses und seine Ernährer, mehr waren sie in seinen Augen aktuell auch nicht und vermutlich musste es als Teenager so sein, waren in der Arbeit und vermuteten ihren Spross in der Schule.

Wenn man sich als Außenstehender jetzt wundert, muss man sich die Szene vorstellen, die der Junge sah. Eine Gestalt stand in der Mitte der Kreiderunen, welche er exakt nach dem Buch auf den Bretterboden gemalt hatte. Um die Runen herum hatte Kendrik eine Vielzahl an Kerzen aufgestellt und sie angezündet. Die Tatsache, dass er nach den Worten die er aufgesagt hatte auch wirklich ein Wesen beschworen hatte, war schon Grund genug um schreiend weg zu laufen. Doch dieses Wesen war noch furchterregender. Seine Smartwatch vibrierte fast lautlos, aber das merkte er nicht mehr. Eine Nachricht aus den sozialen Netzwerken war eingegangen. Denn er blickte in Löcher wo eigentlich Augen sein sollten und auf einen grinsenden Totenkopf. Was sollte ein Totenkopf auch sonst machen als zu grinsen. Er hielt auch eine Sense in der Hand und war mit einer schwarzen Kutte bekleidet. In seiner Rechten aber hielt er einen Cocktail mit einem Schirmchen und einem Stück Ananas.

Wieder musterte Kendrik sein Gegenüber mit offenem Mund und seine zarten Schultern zitterten vor Angst. War er ohnehin schon eher ein schwacher Junge mit zu wenig Muskeln und einem zu vorlauten Mund, erschien er jetzt nur noch wie ein Häufchen Elend.

„ALSO, WAS KANN ICH FÜR DICH TUN? ODER HAST DU NUR VOR MICH ANZUSTARREN?“, sprach das Wesen mit einer tiefen, grollenden Stimme.
„Du… Du… bist… also bist du…“, stammelte Kendrik unbeholfen vor sich hin.
„DER TOD. DU HAST MICH BESCHWOREN, WAS GENAU HAST DU ERWARTET? EINE FEE? UM ES GLEICH MAL FESTZULEGEN: HINTEN ANHÄNGEN IST NICHT. KEIN EWIGES LEBEN UND AUCH KEINE INFORMATION WANN ES SOWEIT IST.“
„Ich wollte… ich habe… um ehrlich zu sein…“, er fand seine Fassung nicht wieder. Was man aber auch verstehen konnte. Wie oft steht man schon vor dem Sensenmann ohne den Weg über den Jordan anzutreten?
„ES IST IMMER WIEDER DASSELBE MIT EUCH. ZUERST DENKT IHR IN EUREM LEBEN KEINE SEKUNDE AN EURE GESUNDHEIT UND WENN ICH DANN KOMME UM EUCH ZU HOLEN BEGINNT DIESE ELENDE JAMMEREI UND HEULEREI!“, fuhr der Tod ungerührt fort.

Der Sensenmann musterte den Jungen vor sich und wiegte seinen Kopf hin und her. Danach genehmigte er sich einen großen Schluck aus seinem Glas. Er leerte beinahe sein Glas, doch es füllte sich schlagartig wieder auf, doch diesmal schien es ein anderer Cocktail zu sein, denn die Ananas war verschwunden und durch eine Maraschino Kirsche ersetzt worden. Kendriks Augen wurden groß, als wäre der Anblick bis zu diesem Zeitpunkt nicht surreal genug gewesen.

„WAS? DARF ICH DENN NICHT AUCH MAL ETWAS TRINKEN? DA VERGNÜGT MAN SICH AUF DEM DIA DE LOS MUERTOS UND GÖNNT SICH DABEI EINE KLEINIGKEIT. WAS PASSIERT? SCHWUPS, ICH STEHE HIER AUF EINEM ALTEN DACHBODEN UND SCHAUE MIR EINEN SCHLOTTERNDEN KNABEN AN.“, führte der Tod aus. Er untermalte seine Worte mit einer theatralischen Geste, vermutlich weil er seine fehlende Mimik kompensieren musste.

Kendrik war sich nun nicht mehr ganz sicher was er eigentlich wollte oder geplant hatte. Viel zu voreilig hatte er diese Beschwörung gemacht, sich nicht einmal gewundert oder dieses Buch hinterfragt. Doch war er sich insgeheim gar nicht so sicher, ob es klappen würde. Wer glaubt schon an so magische Dinge? Nur den Tod selbst herbeizurufen, weil man tief in seinem Inneren seinen Erzfeind loswerden will, war dann gar nicht so gut durchdacht. Eigentlich hatte er gar nicht an einen Erfolg geglaubt. Jetzt stand da also der Knochenmann persönlich vor ihm. Als Hobbysatanist, so sah er sich, war ihm noch nicht einmal die exakte Vorbereitung gelungen. Dummerweise konnte Kendrik kein Blut sehen. Einmal hatte er sich böse den Finger an einem Blatt Papier aufgeschnitten. Der Blutfluss hatte mitten in seiner Schulklasse zu einer spontanen Ohnmacht geführt. Dieses Ereignis hatte nicht gerade dazu beigetragen seinen Ruf als harten Kerl aufzubauen. Nicht, dass jemand ihn so gesehen hätte.

„SATANIST? DUUUU WILLST EIN SATANIST SEIN? HAHAHAHAH!“, lachte der Tod.
Nun konnte Kendrik auf seiner Liste der Peinlichkeiten festhalten vom Tod persönlich ausgelacht worden zu sein. Sein Mut sank in nicht mehr messbare Tiefen.
„IMMER WIEDER IST ES SO MIT EUCH. KEINE AHNUNG HABEN, ABER FORMELN AUFSAGEN. ICH HABE ES SO SATT, EUCH GIBT ES TAUSENDE VON JAHREN UND UNTERM STRICH BESCHWÖRT IHR ALLERLEI UND SCHAUT DANN BETRETEN DREIN WENN ES LETZTENDLICH KLAPPT.“
„Ich habe mich doch nur an die Worte im Buch gehalten. Ehrlich, mehr habe ich nicht gemacht und dann habe ich auch nicht wirklich an einen Erfolg geglaubt. Bitte töte mich jetzt nicht!“, flehte Kendrik in einem weinerlichen Tonfall.
„NOCH STEHST DU NICHT AUF MEINER LISTE. WAS MAN NICHT VON VIER PERSONEN AUF DIESEM FEST BEHAUPTEN KANN. MEINE GÜTE, WIRD DENEN DER SPASS NOCH VERGEHEN!“, antwortete der Tod und klang dabei irgendwie erfreut.
„WOHER HAST DU DENN DIESES BUCH? ES SCHEINT MIR RECHT ALT ZU SEIN.“, wollte er wissen.

Kendrik überlegte ob er dem Tod die Geschichte erzählen sollte, doch dann fiel ihm auf, dass er die Sache mit dem Satanismus nur gedacht hatte und der Tod es trotzdem wusste. Klar doch, wer konnte auch den Tod selbst anlügen oder etwas vor ihm verheimlichen. So betrachtet empfand der Junge es als weit vernünftiger die Wahrheit zu sagen und reinen Tisch zu machen. Er berichtete dem Sensenmann von seinem Spaziergang und wie er über eine Lösung für sein Problem nachdachte, als er auf der Hauptstraße eine alte Bücherei entdeckte. Seit Monaten drehte sich sein Leben nur um Markus, der ihn schikanierte wo er nur konnte. Gut, er machte dies mit fast allen Kids in der Schule, doch Kendrik hatte die Schnauze voll. Die Prügel und Beleidigungen waren jetzt einfach zu viel. Er brauchte eine Lösung für das Problem Markus. Die Tatsache, dass er diesen Laden noch nie zuvor gesehen hatte, war sehr seltsam denn er ging diesen Weg fast täglich zur Schule. Lag es daran, dass dieser Buchladen so völlig normal und unscheinbar war, er so einfach nicht auffiel? Von einer seltsamen Neugierde gepackt ging Kendrik dann in eben dieses Geschäft. Der Tod lauschte und nickte nur ab und zu stumm. Der Junge berichtete wie staubig und altmodisch es im Inneren war. Kaum schilderte er dem Tod diesen Laden, hatte er nun sogar wieder diesen Geruch von altem Papier in seiner Nase. Vor seinem inneren Auge erkannte er den Inhaber wieder, der auf ihn zukam, mit einem Buch in der Hand.

Es war eben jenes Buch und wortlos gab er es Kendrik. Bei näherer Betrachtung war es seltsam, dass der Mann in der anderen Hand stets eine Waage hielt. Kendrik ging verwirrt wieder aus der Bücherei, oder war es ein Laden? Er vermochte es jetzt nicht mehr zu sagen. Außerdem wollte er bis zu diesem Zeitpunkt gar keine Beschwörungen vornehmen und hatte auch noch nie etwas mit Satanismus zu tun gehabt. Alles in allem stand er vor dem Tod und einem großen Rätsel.
„HAHA! DIESER KERL, IMMER ZU SCHERZEN AUFGELEGT. WEISST DU, ES IST EIN KLEINES SPIEL. MANCHMAL VERSAUE ICH IHM EIN PAAR KATASTROPHEN, ER GIBT DAFÜR STERBLICHEN DIESES BUCH.“
„Von wem sprichst Du?“, wollte Kendrik wissen.
„NA VOM HUNGER NATÜRLICH. DER DRITTE REITER, LERNT IHR DENN GAR NICHTS MEHR? ACH WAREN DAS NOCH ZEITEN ALS WIR DIESE BIBEL MITENTWORFEN HABEN.“, führte der Tod aus.
Jetzt war Kendrik vollends verwirrt und verstand nicht was der Gevatter Tod ihm sagen wollte.
„Ihr macht euch einen Spaß daraus?“, entrüstete sich der Junge.
„NATÜRLICH, DIE EWIGKEIT IST LANG UND ALLE PAAR MILLIONEN JAHRE EINE ÄRA ZU BEENDEN IST DA NUR EINE KURZE ERHEITERUNG.“, gab der vierte Reiter zurück.
„WAS UNS BEIDE ABER JETZT WIEDER ZU DER FRAGE FÜHRT, WAS DU WILLST. GEH IN DICH MEIN JUNGE UND DANN SAG ES MIR.“

Kendrik dachte nach, aber eigentlich musste er es ja gar nicht. Doch er hatte Skrupel den Tod darum zu bitten, ihn vielleicht durch einen schrecklich und äußerst blutigen Unfall aus dem Weg zu schaffen. Wenn er so darüber nachdachte, konnte er nicht damit leben für das Ableben eines anderen Menschen verantwortlich zu sein. Wieder bemerkte er wie voreilig diese Beschwörung abgelaufen war.
„DUMMER JUNGE! DENKST DU, ICH TÖTE AUF GEHEISS? IHR ALLE GEHT WENN ES ZEIT IST, NICHT EINEN MOMENT FRÜHER!“, tönte es.
„Tut mir leid, so meinte ich es nicht.“, entschuldigte sich Kendrik hastig.
„JAJA, IHR MENSCHEN MACHT ALLERLEI UNSINN UND MEINT ES DANN NICHT SO. DOCH SEHE ICH, WAS DICH BEDRÜCKT. HAHAHAH, DU KLEINER RABAUKE HAST MEIN WORT, ICH HELFE DIR!“, sprach der Tod zu ihm. Er streckte die knochige Hand aus und noch ehe sich Kendrik versah ergriff er sie und die beiden besiegelten den Pakt.
„DAFÜR VERSPRICHST DU MIR, WENN ICH DICH EINES TAGES HOLEN KOMME, DANN GIBT ES KEIN GEJAMMERE!“
„Okay…? Ich… also… ich gehe dann einfach mit dir?“, fragte er vorsichtig.
„DU HAST ES DURCHSCHAUT. SIEHST DU WIE EINFACH ES IST? SO, NUN IST ES GENUG. HABE JA NOCH EINE KLEINE FEIER ZU SPRENGEN, WENN DU DICH ERINNERN KANNST“, antwortete der Tod und war mit einem Mal verschwunden.

Doch nicht nur das Skelett mit seinem schwarzen Umhang war weg, auch die Kreidezeichnungen auf dem Boden und die Kerzen waren fort. Im Erdgeschoß wurde eine Türe geöffnet und Kendrik konnte hören wie seine Mutter nach Hause kam. Wie lange war er nur hier oben gewesen? Er blickte auf seine Smartwatch. Dort konnte er die Nachricht lesen, die er von ihr bekommen hatte. Sie würde heute früher heimkommen und wenn er dann von der Schule aus hatte, wollte sie mit ihm essen gehen.

Mist, verdammter Mist, dachte er. Schnell huschte der Junge die Treppen nach unten. Ein Ende mit Schrecken war besser, als ein Schrecken ohne Ende. Damit ging er ins Wohnzimmer, wo seine Mutter war. Doch sie begrüßte ihn nur herzlich, umarmte ihn und meinte ob Kendrik hungrig genug war. Es war, als hätte sie keine Probleme damit, dass ihr Sohn nicht in der Schule war.
Jetzt bemerkte er auch, es fehlte noch etwas. Nämlich das Buch mit den Beschwörungen. Er hatte es die ganze Zeit über in der Hand gehabt und nun war es weg. Danach suchen konnte er nicht, denn seine Mutter nahm ihn an der Hand und zog ihn zur Wohnungstür.

Der Tag endete äußerst unspektakulär, selbst die Schule hatte es nicht für nötig befunden seine Eltern zu informieren und Kendrik ging ungewöhnlich früh schlafen. Obwohl er den Tod selbst gesehen hatte und auch noch mit ihm sprach, war er nicht aufgeregt, ja er dachte kaum noch daran. Vermutlich weil solche Ereignisse denkbar unmöglich sind und sterbliche Wesen es so schnell wie möglich aus ihren Gedanken löschen. Genau genommen dachte er nur mit wachsendem Unwohlsein an den nächsten Schultag und an neue Schikanen von Markus und seinem Anhang.

Der Wecker riss ihn aus einem traumlosen Schlaf, selbst bei der Morgentoilette kam ihm nicht wieder in den Sinn was er den Tag davor erlebt hatte. Er zog sich an und versuchte dabei möglichst leise zu sein. Seine Eltern schliefen noch, denn seit einigen Wochen stand Kendrik früher auf. Nicht etwa weil er so richtig Lust auf den Unterricht hatte, aber er wollte möglichst vor dem Schulschläger dort sein. Dann würden andere seine Bekanntschaft machen und Kendrik war gerettet. Seit seiner Spontanohnmacht musste er sich genug gefallen lassen. Auf seinem Schulweg, der ihn über die Hauptstraße führte, bemerkte er gar nicht die Absenz des Buchladens, was ihm auch völlig egal gewesen wäre. In seinen Erinnerungen suchte er noch immer nach einem Ereignis vor nicht allzu langer Zeit, doch konnte er diesen Gedanken nicht erfassen. Kaum meinte er sich zu erinnern, war es auch schon wieder vorbei. Hastig eilte er zur Schule, doch auch dort verlief alles wie immer, im höchsten Maß unspektakulär. Ein Tag wie jeder andere, bis auf eine Ausnahme.

Kendrik sah eine wachsende Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die laut lachten und mit ihren Fingern auf etwas oder jemand deuteten. Er drängte sich nach vorne bis in die erste Reihe um auch etwas zu sehen zu können. Der Anblick machte ihn sprachlos.

Im Eingangsbereich stand ein zitternder Markus, sein personifizierter Albtraum. Diese Tatsache alleine war noch nicht bemerkenswert. Sein gesamtes Erscheinungsbild hatte sich über Nacht massiv geändert. Der sonst so kräftige, schwarzhaarige Bursche war nun nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Augen hatten keinen Funken dieser Boshaftigkeit mehr, die Kendrik sonst immer ausmachen konnte. Sie wirkten viel mehr wie die Augen eines ehemals wilden Tieres, dessen Willen gebrochen worden war. Er blickte sich sehr unsicher um, doch es sah so aus als ob er den Spott schon gar nicht mehr registrierte. Das Haar, Kendrik hatte dies noch nie gesehen, war nun weiß, wie bei einem alten Mann. Die Augen von Markus suchten die seinen und erstarrten. Das Gesicht des Schulmobbers verlor das letzte bisschen Farbe, er schrie kurz auf und schüttelte seinen Kopf. Seine Atmung beschleunigte sich schlagartig und Markus bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Er floh vor Kendrik, voller Panik.

 

Anmerkung des Autors: Inspiration des Todes durch
die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett