Short Story - # 05

 

Vorgabe: "Die Liebe kann so wunderbar lieben." und/oder "Die Liebe ist die stärkste, schönste und mächtigste Kraft."
von: Hanna
Genre: (Mythologische) Fantasy

 

Titel: Liebe, Leid und zu viel Ouzo

 

Schnarchend lag er in einem Bett aus Sand. Neben ihm tosten die Wellen des Meeres und sangen ihr altbekanntes griechisches Lied. Eine leichte Brise fuhr durch seine blonden Locken und die aufgehende Sonne kitzelte an seiner Nase. Er blinzelte vorsichtig mit seinen Augen, um sich langsam an das Sonnenlicht zu gewöhnen. Er musste sich kurz orientieren, damit er sicher sein konnte, wo er sich befand. Das war ja mal wieder eine Nacht, dachte er frustriert. Der junge Mann fuhr sich durch sein Haar und schüttelte den Sand von seinem Kopf.

„Kalimera!“ Erschrocken fuhr er zusammen. Langsam drehte er seinen verkaterten Kopf zur Seite und erblickte ein kleines Mädchen im Badeanzug und einer kleinen rosa Schleife in ihrem dunklen langen Haar. Bei dem Anblick ihres Badeanzuges wurde ihm schwindelig. Tausende von kleinen Blümchen haben sich darauf vereint und sich formiert, nur um eine große, bunte Blume darzustellen. Dieser Anblick tat seinen Augen nicht gut. Zu viel Rosa und Pinktöne versammelten sich. Zu viel für seinen Geschmack. Er ist ja schließlich auch nur ein Mann. Für seinen Schwindel könnte aber auch der nach Anis schmeckende Ouzo schuld sein. Ein oder zwei Flaschen hat er bestimmt in sich hineingeschüttet. So sehr er aber darüber nachdachte, er konnte sich nicht mehr an die genaue Anzahl von laut lallenden „Jamas!“ erinnern. Mit schmerzendem Kopf beobachtete er das kleine Mädchen weiter. In ihren Händen trug sie einen Kübel und eine kleine Schaufel. Beides schien aus Kunststoff zu sein. Sie sah den verkaterten Mann an und lächelte über ihr gesamtes Gesicht. „Warum schläfst du hier am Strand? Hast du kein Zuhause?“ Sie kniete sich neben ihn und begann Sand in den Kübel zu schaufeln. „Du siehst hungrig aus. Ich werde dir einen Sandkuchen backen.“ Verwirrt und erstaunt zugleich beobachtete er das kleine Mädchen während es summend einen Sandkuchen für ihn zubereitete. Immer wieder schaufelte sie Sand in den Kübel, lief damit zum Meer um ihn mit Wasser zu vermischen und kam danach wieder zurück. Diese Prozedur wurde ganze sechs Mal wiederholt, bis sie zu dem Entschluss gelang, dass die Sandkuchenmasse nun perfekt sei und besonders lecker schmecken würde.

„Ich heiße Maria.“, sagte sie nebenbei während sie den Kübel voller Sand in einen imaginären Backofen schob und an einem imaginären Knopf zweihundert Grad einstellte. Da der junge Mann keine Anstalten machte ihr seinen Namen zu verraten, sah die Kleine ihn mit schief gelegtem Kopf abwartend an. Er bemerkte es zwar, tat aber so als ob er gedankenverloren hinaus aufs Meer blickte. „Ja su?!“ Das Mädchen verengte ihre Augen und versuchte seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch als minutenlang keine Reaktion von ihm kam, stampfte sie wütend mit ihren kleinen Füßen in den weißen Sand. „Meine Jaja sagt immer, dass es sehr unhöflich ist nicht zu antworten wenn man etwas gefragt wird!“ Der Mann schnaufte verächtlich: „Was geht mich das an? Ich kenne deine Oma doch gar nicht!“ Er schüttelte abfällig seinen Kopf und die blonden Locken wippten bei jeder Bewegung sanft auf und ab. „Außerdem hast du mich doch gar nichts gefragt!“, redete er schnell weiter und war stolz auf seine spontane Begründung. „Das ist doch egal. Meine Jaja sagt immer, dass es sich nicht gehört. Und natürlich hab ich dich etwas gefragt. Ich habe dich vor einer Ewigkeit gefragt warum du hier am Strand schläfst. Hast du keine Frau die zuhause auf dich wartet?“ Maria stützte die Hände an ihrer Hüfte ab und sah ihn herausfordernd an. Der vorhandene Kopfschmerz wurde nun stärker. „Hast du auch kein Zuhause? Wo ist deine Mama?“ Er schüttelte wieder seinen Kopf. „Meine Mama ist zuhause und kocht gerade das Mittagessen. Und deine Frau? Kocht sie auch für dich?“

Das hatte ihm in diesem Moment noch gefehlt. Ein kleines Kind das ihn schmerzlich daran erinnerte, dass niemand auf ihn wartete. Er spürte wie sich langsam in seiner Brust Wut ausbreitete und ihm seine Kehle zuschnürte. Er dachte an Iris. Die Liebe seines Lebens. Die Frau für die er sein gesamtes Leben ändern wollte. Doch am Ende hatte sie ihn verschmäht. Als er Iris zum ersten Mal sah, stockte ihm der Atem. Sie war wunderschön und sie umgab ein mystisch glitzerndes Licht das sie erstrahlen ließ. Sie flirtete mit ihm und ließ sich auf ihn ein. Er teilte mit ihr die schönsten Momente in seinem Leben. Bis es kompliziert wurde. Er war aufgrund der starken Anziehungskraft die Iris auf ihn ausübte so abgelenkt, dass er begann, seine Arbeit zu vernachlässigen. Deswegen meinten sie, dass sie kein Paar sein dürfen. Dass es sowieso nicht vorgesehen war, dass sie zueinander finden und ein Paar werden. Und dem Schicksal muss man sich eben beugen. Er sah es einfach nicht ein. Schließlich wollte auch er endlich einmal die Liebe leben und nicht immer nur die anderen damit beglücken. Iris sah das etwas anders. Sie ließ sich von den anderen einreden, dass sie nicht gegen das vorherbestimmte Schicksal kämpfen durfte. Noch dazu in ihrer Position. Sie musste vernünftig handeln, sich nicht mehr auf ihn einlassen. Und sie schenkte den anderen Glauben. Iris beendete unter Tränen die Beziehung zu ihm und sie küssten sich ein letztes Mal bevor sie verschwand. Das war der Moment, als ihm sein Herz brach und er den Glauben an die Liebe verloren hatte. Ab und an sah er sie noch wenn sie ihrer Arbeit nachging. Doch sie würdigte ihn keines Blickes mehr. Er litt so sehr unter der Trennung, dass er nicht mehr klar denken konnte und seine Pflichten nun komplett vernachlässigte.

Fast jeden Abend stattete er seiner Lieblingstaverne einen Besuch ab und vernichtete dort regelmäßig ein bis zwei Flaschen Ouzo. Manchmal auch eine Flasche Raki oder Metaxa. Doch Ouzo liebte er besonders. „Ja su!“ Maria fasste den im Sand sitzenden jungen Mann an die Schulter und schüttelte ihn durch. „Wo ist denn nun deine Frau?“ Die Wut vermischte sich mit der Traurigkeit seines gebrochenen Herzens und er konnte sich nicht mehr zurück halten. „Ich habe keine Frau! Verstanden! Ich habe keine und ich werde mich auch nie wieder verlieben!“ Schwungvoll erhob er sich, sodass er um Haaresbreite die kleine Maria umstieß. Erschrocken sah sie ihn mit ihren großen braunen Augen an. Entsetzt über sich selbst stellte er schnell fest, dass Maria kurz davor war hemmungslos zu weinen, denn ihre Augen begannen sich langsam mit Tränen zu füllen. „Aber warum verliebst du dich nicht mehr? Jaja sagt immer, dass die Liebe so wunderbar lieben kann.“ Als der junge Mann ihr nicht sofort beipflichtete kullerten die ersten Tränen über ihre geröteten Wangen. „Jaja sagt immer, die Liebe ist die stärkste, schönste und mächtigste Kraft!“ Als er in ihr kleines Gesicht blickte, machte sich sofort sein Gewissen bemerkbar.

Er hockte sich neben sie, legte einen Arm um ihre kleine Schulter und flüsterte leise: „Es tut mir leid, Kleines. Es war falsch von mir, dich so anzuschreien. Und deine Oma hat ganz bestimmt Recht. Die Liebe kann schon etwas sehr Schönes sein und ich werde mich bestimmt wieder verlieben. Versprochen!“ Unbeholfen tätschelte er ihren Rücken. Von einer Sekunde auf die andere begann Maria über das gesamte Gesicht zu strahlen und hüpfte auf und ab. „Okay! Ich muss jetzt los. Mama wartet bestimmt schon auf mich! Ja su!“ Das kleine Mädchen winkte ihm kurz zu und hüpfte fröhlich davon. Nach einigen Schritten blieb sie unvermittelt stehen, drehte sich um und rief ihm entgegen: „Geh zu ihr. Sie wartet auf dich!“ Sie winkte nochmals und machte sich auf und davon. Der Mann blieb verwirrt zurück und starrte auf den Sandkuchen im imaginären Backofen. Wen meinte sie damit? Ihre Mutter? Oder Iris? Verbissen suchte er in seinem Kopf nach der Antwort. Wie konnte es sein, dass die Kleine von Iris wusste? Er hatte sie doch mit keinem Wort erwähnt. Oder doch? „Das muss der verdammte Ouzo sein, der mir mein Gehirn vernebelt hat.“ Er sprach die Worte laut aus. Er sprach in letzter Zeit immer öfter mit sich selbst. Langsam erhob er sich und wollte eigentlich nur mehr nachhause. Denn schließlich musste er morgen wieder zur Arbeit antreten. Obwohl sie ihn nicht mehr glücklich machte. Er ging seiner Aufgabe nur mehr sehr halbherzig nach. Hier einmal und dort einmal. Wenn es hoch kam, versuchte er es nur mehr zwei oder drei Mal die Woche. Er schaffte es einfach nicht mehr. Zu sehr verfolgten ihn die Gedanken an Iris und ihre wundervollen Küsse. Immer wieder musste er an ihre atemberaubende Erscheinung denken und dass sie doch beide die gleichen körperlichen Voraussetzungen hatten.

Gedankenverloren griff er zu seiner Tasche. Er hob sie auf, nur um kurz darauf zu erstarren. „Nein!“, schrie er laut auf: „Nein! Das darf jetzt nicht wahr sein! Wo ist er?“ Panisch versuchte er die vergangene Nacht gedanklich zu rekonstruieren. Es gelang ihm aber nicht. In zu viel Ouzo, Raki und Metaxa hatte er seine Gefühle ertränkt, sodass keine Erinnerungen an die letzte Nacht übrig geblieben sind. Er machte sich so schnell er nur konnte auf den Heimweg. Die Hoffnung, ihn gestern zuhause liegen gelassen zu haben, trieb ihn wie ein Verrückter in sein Heim. Er untersuchte jeden Winkel seines kleinen Häuschen, nur um frustriert festzustellen, dass er ihn nicht zuhause gelassen hatte. Nach stundenlanger Suche gab er auf und beschloss, auf den Markt zu gehen und eine große Flasche Ouzo zu besorgen. Schließlich wird sein heißgeliebter Ouzo mit allen Problemen fertig. „Wenn ich schon morgen gestehen muss, dass ich ihn verloren habe, dann kann ich es auch betrunken beichten.“ Er kaufte an einem kleinen Marktstand sein Lieblingsgetränk und setzte sich auf eine Bank am Rande des Marktplatzes. Die Sonne brannte erbarmungslos auf ihn herab und bewirkte, dass sich der Schnaps schneller in seiner Blutbahn verteilte.

„Kalimera!“ Eine alte Frau setzte sich neben ihn. „Junge, das ist nicht gut. Ouzo verträgt sich ganz schlecht mit der Mittagshitze.“, sagte sie tadelnd. „Ja, ja. Ich weiß.“, brummte er frustriert und nahm einen weiteren großen Schluck. „Ich warte auf meinen Mann. Er müsste gleich da sein. Heute haben wir Hochzeitstag. Ganze sechzig Jahre sind wir bereits verheiratet und wir lieben uns immer noch.“ Er traute seinen Ohren nicht. Es konnte doch nicht sein, dass ihn heute bereits zwei Menschen daran erinnerten, dass er in der Liebe versagt hatte. „Ich gratuliere.“, brummte er wieder. „Dankeschön!“ Die alte Frau lächelte ihn freundlich an. Er betrachtete sie aufmerksam und inspizierte die Falten, die ihr das Leben ins Gesicht gezeichnet hatte. Er beneidete sie um die vor Glück glänzenden Augen. Gleichzeitig dachte er an Iris und er konnte sie sich ebenso schön wie die alte Frau neben ihm vorstellen. Wie gerne wäre er mit ihr alt geworden. Da er den Anblick nicht mehr ertrug, drehte er seiner Sitznachbarin den Rücken zu und nahm einen weiteren kräftigen Schluck. „Junge, du siehst so aus, als ob dich starker Liebeskummer plagen würde. Aber ich kann dich trösten. Meine verstorbene Jaja sagte immer, dass die Liebe so wunderbar lieben kann. Und dass die Liebe die stärkste, schönste und mächtigste Kraft ist. Du wirst es erleben! Geh zu ihr!“ Der junge Mann verschluckte sich fast an seinem Ouzo. „Was haben sie gerade gesagt?“ Er drehte sich in Richtung der alten Frau, doch sie war nicht mehr da.

Stunden später lag er betrunken in seinem Bett und träumte einen geheimnisvollen Traum. Iris trug ein langes, weißes Kleid. Sie schlug elegant mit ihren zarten Flügeln und erhob sich sanft in die Lüfte. In ihrer Hand hielt sie einen Bogen. „Bleib bei mir!“, schrie er ihr nach, doch sie war ohne ein Wort verschwunden. Nicht einmal einen flüchtigen Kuss konnte er erhaschen. Er begann zu weinen und krümmte sich vor seelischem Schmerz. Er sank auf seine Knie, streckte seinen Kopf Richtung Himmel und schluchzte: „Warum muss ich das ertragen?!“ Tausende Stimmen flüsterten leise und versprachen sich gegenseitige Liebe. Fröhliches Kinderlachen vermischte sich mit vor Erregung seufzendem Stöhnen. Plötzlich erschien ihm anstatt Iris die kleine Maria im Traum. „Geh zu ihr. Sie wartet bestimmt schon auf dich!“, flüsterte sie leise. Er sah sie an und stellte fest, dass sich das junge zarte Gesicht in das Gesicht der alten Frau vom Marktplatz verwandelte. „Die Liebe ist die stärkste, schönste und mächtigste Kraft. Merke dir das, mein Junge!“, flüsterte die alte Frau. Und da begriff er, was er vor langer Zeit vergessen hatte. „Ich habe es verstanden und werde mich ändern. Auch wenn ich nicht lieben darf, dann sollen es trotzdem alle anderen dürfen! Ich bin für die Menschheit verantwortlich und werde mein Bestes geben.“, flüsterte er ehrfürchtig. Sekunden später verwandelte sich die Gestalt nochmals. Vor seinen Augen erschien eine hinreißend aussehende und makellose Schönheit. Ihr langes, gewelltes Haar schmiegte sich an ihren perfekten, nackten Körper und es umgab sie eine unwiderstehliche Aura. In ihrer linken Hand hielt sie einen kleinen goldenen Spiegel und ihr Haar war mit tausenden kleiner Perlen geschmückt. „Was willst du hier?“, schrie er erschrocken und fasziniert zugleich aus. „Ich habe mit den anderen gesprochen und sie von eurer Liebe überzeugen können. Die einzige Bedingung war, dass du selbst einsehen musstest, dass die Liebe etwas Wunderbares ist und es sich lohnt dafür zu leben.“ „Du warst das kleine Mädchen, richtig? Und genauso die alte Frau!“ Sie nickte und ihre entblößten Brüste wippten sanft. „Aber wieso hast du dich mir nicht zu erkennen gegeben?“, wollte er wissen. „Weil es sich für eine Göttin nicht gehört in der Menschenwelt ihr wahres Aussehen zu zeigen. Und du hattest in deinem Frust und Leid ein bisschen Hilfe nötig.“ Aphrodite zwinkerte ihm zu. „Was soll ich nun tun?“, fragte er verwirrt. „Geh zu ihr, Eros. Du hast nun von allen die Zustimmung zu eurer Liebe.“

Schweißgebadet und aufgewühlt wurde er wach. Aufgeregt schnappte er sich seine Tasche, ging nach draußen, breitete seine Flügel aus und erhob sich in Richtung Olymp.