Short Story - # 04


Vorgabe: "Ich lass mir mal ein Badewasser ein!"
von: Daniela
Genre: Fantasy

 

Titel: Rubberduck

 

Irgendwo schrillte ein Handy.
Gedämpft, aber doch wahrnehmbar drang der Laut an mein Ohr und riss mich schlagartig aus meinem Dämmerschlaf. Ich fuhr hoch, die Sinne geschärft, die Nerven gespannt wie Drahtseile - und lauschte. Alles schien ruhig, nur das verdammte Telefon läutete. Ich hatte den ganzen Tag in diesem Verschlag gesessen, aus Angst ihnen direkt in die Arme zu laufen. Ich spähte durch die schmutzigen Planen, die mich notdürftig von der Außenwelt verbargen. Mittlerweile war es tiefste Nacht. Die wenigen intakten Straßenlaternen warfen ein flackerndes Licht auf die kleine Seitengasse. Anscheinend gab es immer noch Probleme mit der Stromversorgung. Konnte ich es wagen?

Mehrere Atemzüge lang vergewisserte ich mich, dass mir keine unmittelbare Gefahr drohte. Schließlich kroch ich, auf allen Vieren, vorsichtig aus meinem provisorischen Unterschlupf. Ich hatte es satt, mich zu verstecken. So wollte ich meine letzten Stunden garantiert nicht verbringen! Die tanzenden Punkte vor meinen Augen und den hämmernden Schmerz hinter meiner Stirn ignorierte ich hartnäckig. Wahrscheinlich waren es bloß Nachwehen der Explosion und kein wirklicher Grund zur Sorge. Hoffentlich. Denn wenn das wirklich alles war, was ich an Folgeschäden davongetragen hatte, konnte ich mich wirklich glücklich schätzen … Was sich lange angekündigt hatte, war nun tatsächlich passiert. Eine verheerende Katastrophe war über die Stadt, und vermutlich auch über den Rest der Welt, hereingebrochen. Verdammte Atomreaktoren! Aber Hauptsache: billiger Strom! Wie Eierschwammerl im August waren sie in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen. Die Menschheit hätte es wirklich besser wissen müssen!

Frustriert schüttelte ich meinen schmerzenden Kopf. Das hatten wir nun davon ... Aber alles Fluchen und Bereuen half nun nichts mehr. Der Schaden war angerichtet und das exakte Ausmaß noch nicht zur Gänze bekannt. Nun zählte nur noch eines: überleben. Und zwar möglichst lang ... Das Telefon war mittlerweile verstummt. Es hätte ohnehin nicht viel Sinn gemacht, danach zu suchen. Wen sollte ich schon anrufen? Ich hatte bereits alle Nummern in meinem Handy mehrmals gewählt. Es gab kaum Empfang. Wenn sich dann doch eine Verbindung aufbaute, gelangte ich nach kurzer Zeit auf die Mailbox. Inzwischen war mein Akku leer und ich musste wohl oder übel davon ausgehen, dass alle meine Lieben tot waren ... oder ihnen noch viel Schlimmeres widerfahren war ... Ich spürte, wie die Traurigkeit ihre lähmende Schwere über mich legen wollte. Schnell schüttelte ich das Gefühl ab, bevor es mich übermannen konnte. Konzentriere dich, verdammt noch mal! Du hast keine Zeit zum Heulen! Vorsichtig richtete ich mich auf. Die Punkte tanzen weiter, schlimmer als zuvor. Ich fühlte mich ausgedörrt und hungrig. Der penetrante Gestank nach verbranntem Gummi stieg mir in die Nase. Das war gar nicht gut.

Ich sollte mich für den Ernstfall bereithalten. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass ich noch lebte. Schritt für Schritt erkundete ich wachsam meine Umgebung. Dunkle Rauchschwaden durchzogen den Himmel, irgendwo aus der Ferne hörte ich die Sirene eines Einsatzfahrzeuges. Adrenalin schoss durch meine Adern! Dieses Geräusch bedeutete, dass es noch menschliches Leben gab! Ich musste es nur noch finden. Optimalerweise, solange ich selbst noch dazu zählte. Immer wieder fragte ich mich, ob ich ebenfalls kontaminiert wurde. Momentan ging es mir den Umständen entsprechend gut, keinerlei Anzeichen einer Mutation. Noch hatte ich Zeit und ich wollte sie sinnvoll nützen.

Um mich herum lagen allerlei Unrat und Gerümpel. Zwischen zerbrochenen Fensterscheiben, Mauertrümmern und Holzresten begann ich, nach etwas Brauchbarem zu suchen. Einer Waffe oder sonst irgendetwas, womit ich mich in einer Notsituation verteidigen konnte. Schließlich fand ich ein Feuerzeug und eine halbvolle Dose Haarspray. Beides kombiniert würde einen schönen Flammenwerfer ergeben. Feuer war immer noch die effektivste Waffe gegen die verdammten Biester! Ich atmete ein letztes Mal tief durch, sammelte meine Kräfte und bog um die Ecke, hinaus auf die verwüstete Hauptstraße. Meine Schritte tönten dumpf auf dem staubtrockenen Asphalt. Immer wieder musste ich umgestürzten Autos ausweichen und, was noch viel schlimmer war, über abgetrennte Körperteile hinweg steigen. Mein Magen rebellierte, mehrmals drohte ich mich zu übergeben. Es fiel mir unglaublich schwer, mich nicht heulend in eine Ecke zu setzen, angesichts der immensen Verwüstung und der entsetzlichen Verstümmelungen.

Bis jetzt hatte ich die abscheulichen Schrecken nicht an mich herangelassen. Mit jedem Schritt wurde mir allerdings mehr und mehr bewusst: Die Welt, wie ich sie einst kannte, existierte wohl nicht mehr. Die Haarspraydose fest umklammert, meinen Blick starr geradeaus gerichtet, schlich ich weiter. Wenige Meter vor mir erkannte ich einen zerstörten Imbissstand. Möglicherweise fand ich dort etwas zu trinken! Bei dem Gedanken an Flüssigkeit zogen sich meine Eingeweide schmerzhaft zusammen. Wie lang war es jetzt her, dass der letzte saubere Tropfen meine Zunge benetzt hatte? Obwohl die Explosion viele Leitungen freigelegt hatte, durfte ich offenes Wasser nicht trinken. Viel zu gefährlich! Auch Regen galt ab sofort als potenzielle Kontaminationsquelle. Ich musste etwas Abgefülltes finden, um sicher sein zu können. Ich beschleunigte meine Schritte. Die Aussicht auf Trinkbares hatte meine Lebensgeister geweckt. Sie trieben mich regelrecht an und fokussierten meine Aufmerksamkeit auf die ehemalige Imbissbude, die nur darauf wartete von mir geplündert zu werden.

Und plötzlich waren sie da! Getrieben und unachtsam wie ich war, lief ich schlichtweg in sie hinein! Die Horde von gefühlt fünfzig bunten Quietscheentchen umringte mich rasch. Gummigeruch raubte mir beinahe den Atem! Ich zögerte nur kurz, verdrängte den Gedanken daran, dass diese Monster vor der Atomexplosion vielleicht einmal meine Freunde und Bekannten gewesen waren. Mit einer einzigen Bewegung entzündete ich das Feuerzeug und brannte ihnen mit dem Haarspray gehörig eines über den nicht vorhandenen Pelz.

Wildes Gequietsche brach um mich herum aus, als den Ersten die Luft ausging. Was zur Folge hatte, dass die Übrigen nur noch aggressiver wurden und nun umso kräftiger gegen meine Beine sprangen. Ich versuchte, mit dem Feuer eine Schneise zu schlagen, doch sie wurden plötzlich immer mehr! Aus allen Ecken und Nischen krochen nun Quietscheentchen hervor, in unzähligen Formen und Facetten. Allesamt schrill quiekend und mit purer Mordlust in den glühenden Augen. Einen Moment lang hatte mich mein Entsetzen fest im Griff, die Panik schnürte mir beinahe die Luft ab. Nicht auszudenken, wenn mich eines beißen würde! Doch als das erste knallrote Gummientchen versuchte, an mein Ohr zu kommen und ein Zweites in meinen Ausschnitt sprang, schaffte ich es, mich aus meiner Starre zu lösen und ergriff Hals über Kopf die Flucht. Immer wieder stieß ich blindlings Feuerstöße aus der Spraydose, um mögliche Angriffe abzuwehren und rannte quer über die Straße auf die ehemalige Volksschule zu. Ein dankbarer Seufzer drang über meine Lippen, die Tür war glücklicherweise unverschlossen. Schnell schlüpfte ich hindurch und fand mich in einem schummrigen Gang wieder. Nur die kalte, grünliche Beleuchtung der Notausgangsschilder warf einen schwachen, flackernden Schein. Doch so gering die Lichtquelle auch war, sie konnte das Grauen, das sich meinen Augen nun bot, nicht verstecken.

Die Überreste eines heftigen Gemetzels verunstalteten den ursprünglich hübsch gefliesten Boden. Zwischen hunderten erschlagenen, verbrannten und durchlöcherten Quietscheentchen fand ich unzählige menschliche Körper - schlichtweg erstickt an der Flut der Mutanten. Entsetzt schlug ich die Hand vor den Mund. Es war weit schlimmer, als ich mir je vorzustellen gewagt hatte. Der furchtbare Anblick ließ mich einen Moment lang alle Vorsicht vergessen. Prompt bekam ich einen heftigen Stoß in den Rücken! Ich ruderte verzweifelt mit den Armen, aber ich verlor dennoch das Gleichgewicht. Feuerzeug und Spraydose glitten mir aus der Hand und rollten außer Reichweite. Heftig schlug ich mit dem Gesicht voran auf den Boden und blieb einen kurzen Augenblick benommen liegen. Schon wollte die Ohnmacht ihre schützenden, schwarzen Finger nach mir ausstrecken und für einen Moment war ich wirklich versucht, mich einfach hinein fallen zulassen.

Bis ich das entsetzliche Geräusch in unmittelbarer Nähe vernahm. Ein ohrenbetäubendes Quietschen, Gummi der über Asphalt schrammte, und sich mir in die Trommelfelle bohrte. Schlagartig war ich hellwach! Ich riss die Augen auf und was ich nun erblickte, stellte alles bisher Gesehene in den Schatten. Langsam bahnte sich ein mannshohes, dunkelviolettes Quietscheentchen seinen Weg zu mir. Es war so massig, dass es den Gang in seiner kompletten Breite einnahm. Die glühenden Augen zu Schlitzen verengt, wiegte es sich vor und zurück und kam dabei immer näher! Rhythmisches, bedrohliches Quäken begleitete jede seiner Bewegungen. Es hatte etwas Hypnotisches. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, starrte ich die Mutation an.

Aber damit nicht genug. Plötzlich quollen aus einem Mauerspalt unzählige seiner Artgenossen hervor. Verzweifelt tastete ich nach dem Feuerzeug und der Spraydose. Doch es war zu spät. Sie begannen bereits, mich einzukreisen. Ich trat blindlings um mich, doch für jedes abgewehrte Quietscheentchen rückten drei weitere nach. Ich saß in der Falle. Endgültig.Unbewaffnet und hoffnungslos unterlegen konnte ich mich nur mehr meinem Schicksal ergeben. Ich dachte ein letztes Mal an meine Familie und meine Freunde und wünschte ihnen alles Gute dieser Erde. Bis zum Hals in quietschenden, stinkenden Gummimutanten steckend schloss ich die Augen und erwartete mein Ende ...

Ich prustete laut. Meine Nase brannte wie Feuer und ich begann furchtbar zu husten. Lauwarmes, chemisch schmeckendes Wasser drang in meine Kehle. Ich rang nach Luft, panisch versuchte ich mich aufzusetzen. Als der Hustenreiz nachließ, wurde auch mein Blick wieder klarer. Erleichtert seufzte ich. Die Welt war in bester Ordnung. Keine marodierenden Gummienten, die mich erledigen wollten. Ich hatte mir lediglich nach einem stressigen Arbeitstag ein Badewasser eingelassen und war prompt eingeschlafen ...

Die letzten Sonnenstrahlen blitzten durch das Fenster in mein kleines Badezimmer und ein angenehmer Geruch umhüllte mich. Langsam sank mein Adrenalinpegel, nur meine runzelige Haut zeugte davon, dass ich länger als beabsichtigt im Wasser gelegen hatte. Mein Blick fiel auf das kleine dunkelviolette Quietscheentchen, dass ich vor langer Zeit geschenkt bekommen hatte. Seitdem saß es am Badewannenrand und leistete mir Gesellschaft. Offensichtlich war es der Auslöser für diesen abstrusen Traum gewesen. Kopfschüttelnd nahm ich es in die Hand und betrachtete es. Dann ließ ich es einige Minuten lang vor mir schwimmen, tauchte es unter Wasser und stellte es schließlich belustigt zurück. Was hatte sich mein Gehirn da bloß zusammengesponnen? Lachend stieg ich aus meiner Badewanne, um mir ein Handtuch zu angeln. Dabei vergaß ich völlig auf meinen Kater, der immer zusammengerollt schlafend und friedlich schnurrend vor der Wanne auf mich wartete.

Als mein nasser Fuß sein Fell berührte, schreckte er hoch und ich zuckte reflexartig zurück! Meine nackte Sohle verlor den Halt und ich taumelte rückwärts! Panisch mit den Armen rudernd, versuchte ich meinen Fall zu stoppen, doch es war zu spät. Dumpf schlug mein Kopf auf dem Badewannenrand auf. Ein leises Quäken drang gedämpft an mein Ohr. Ehe mich die Dunkelheit verschlucken konnte, blickte ich ein letztes Mal in die glühenden Augen meines Quietscheentchens...