Short Story - # 03

 

Vorgabe: "Sie vernahm das Rauschen eines Baches in der Nähe und das laute Zwitschern der Vögel in den Baumwipfeln über ihr."
von: Petra
Genre: Paranormaler Horror

 

Titel: Lost Place

 

Sie vernahm das Rauschen eines Baches in der Nähe und das laute Zwitschern der Vögel in den Baumwipfeln über ihr. Dieses idyllische Bild war schon beinahe kitschig und für einen kurzen Moment war Nadja dazu versucht, ein Foto von dieser Szene mit ihrer Kamera zu machen. Der Himmel war eigentlich voller Wolken gewesen, aber genau zu diesem Zeitpunkt hatte die Sonne einen Weg durch eben diese gefunden und strahlte die Lichtung an, durch die sich der Bach schlang.

Nadja schüttelte den Gedanken ab. Sie war schließlich nicht deswegen in diesen alten Wald gekommen. Nicht um einfach kitschige Fotos zu machen. Als angehende Kunststudentin hatte sie sich ein interessantes Hobby zugelegt. „Lost Places“ aufsuchen und dann diese beklemmenden Eindrücke mit ihrer Kamera festhalten. Genau genommen das Gegenteil von der Szene, die sich vor ihr bot. Die junge Frau blies abfällig die Luft durch ihren Mund und strich sich ihre roten Haare aus dem Gesicht. Der Weg hierher war eine anstrengende Wanderung gewesen, doch wenn die alten Pläne stimmen sollten, dann musste das Haus nur noch wenige Minuten entfernt sein. Nach einer langen Internetrecherche hatte sie Geschichten über diese verlassene Hütte, mitten im Wald, gefunden. Da der Weg mit dem Auto kaum zu bewältigen war, hatte sie ihren kleinen Wagen im Dorf vor dem Wald stehen gelassen. Die Anwohner dort hatten kaum ein Wort mit ihr gewechselt und auf Fragen zu den Erzählungen, rund um eben jenes Gebäude, erntete sie eisiges Schweigen. Selbst in der kleinen Pension, die für das Wochenende ihre Unterkunft war, gab man sich wenig auskunftsfreudig. Es schien Nadja fast so, als wollte man nichts über dieses Thema hören und als Städterin war sie hier so oder so nicht gerne gesehen. Zumindest gaben sich die Menschen dort alle Mühe, es sie spüren zu lassen.

Der Weg hatte ihr mehr Kraft abverlangt, als sie sich gedacht hatte. Die Wolken hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt immer mehr zu dunklen Vorboten eines Gewitters entwickelt. Es passte aber eigentlich zu ihrem Ziel, denn die Geschichten im Internet sprachen von einem verwünschten Haus, in dem noch heute der Geist einer Hexe leben sollte. Wenn ein Geist denn leben konnte. Natürlich gab Nadja nichts auf solche Hirngespinste, aber angeblich waren alle Besucher dieses Hauses verschwunden. Diese Tatsache hatte Nadja neugierig gemacht. Fotos des Hauses und des Waldes, verbunden mit dieser Geschichte, würden sich sehr gut auf ihrem Blog machen. Sie hatte sich wieder von dem Bach abgewandt und setzte ihren Weg durch den Wald fort. Die Vegetation war hier nun deutlich dichter bewachsen, als noch zu Beginn ihrer Wanderung. Die Bäume waren hoch und sie bildeten einen dichten Wall, kein Sonnenstrahl schaffte es bis zu Nadja, wodurch es immer dunkler wurde. Glücklicherweise hatte sie vorgesorgt und eine Taschenlampe dabei. Das künstliche Licht zeichnete ein düsteres Bild ihrer Umgebung und warf lange Schatten. Immer wieder stellten sich ihr Gestrüpp, abgestorbene Äste und umgestürzte Bäume in den Weg. Der Geruch von wilden Blumen, Wiese und Wasser des Bachs wurden nun durch Moder, feuchtem Holz und aus unerklärlicher Weise auch durch einen permanenten Verwesungsgeruch ersetzt. Sie ging unbeirrt vorwärts, in einer Hand ihre Lampe und in der Anderen einen Kompass, um in die richtige Richtung zu gehen. Deswegen war es ihr auch nicht mehr möglich einfach so durch das Dickicht zu gehen und holte sich viele Kratzer und Schrammen in ihrem Gesicht. Langsam aber sicher war Nadja genervt und mehr als einmal fluchte sie laut vor sich hin. Es wurde immer anstrengender überhaupt einen Schritt vorwärts zu kommen und durch diese Tatsache bemerkte Nadja ein wichtiges Detail nicht. Schon seit längerem war nicht ein einziges Tier zu hören. Nicht einmal Insekten brummten um sie herum. Es war totenstill hier in diesem Wald und wirklich finster. Allmählich bekam sie ein mulmiges Gefühl in ihrer Magengrube und sie fragte sich, ob denn dieser Ausflug wirklich zu ihren besten Ideen zählte. Vermutlich nicht, aber auf der anderen Seite war Nadja kein Feigling und sie hatte sich eine Fotostory zu diesem Haus, wenn sie es denn jemals finden sollte, in den Kopf gesetzt. Wenn dies passierte, brachte nicht einmal eine Naturkatastrophe Nadja von ihrem Vorhaben ab.

Die Hütte stand plötzlich vor ihr. Die Vegetation war mit einem Mal verschwunden und sie stolperte aus dem Wald heraus. Durch die Überraschung fiel Nadja die Taschenlampe aus der Hand und sie bückte sich schimpfend nach ihr. Dieser Wald war wirklich seltsam und hatte ihr einiges an Kraft und Nerven gekostet. Doch nun war sie endlich am Ziel. Zumindest hoffte sie es, aber wie groß war wohl die Chance auf eine zweite Hütte, mitten im Nirgendwo?

Vor ihr baute sich ein wirklich altes Haus auf. Es war natürlich nicht sonderlich groß, die Wände aus ungleichen Steinbrocken. Es musste weit über einhundert Jahre alt sein und auch wenn das Gebäude im Wald stand, war es ganz gut in Schuss. Das Dach war mit Laub und Ästen bedeckt, doch es machte einen ganz stabilen Eindruck. Fenster suchte Nadja an dieser Stelle vergeblich, aber sie begann vorsorglich damit, Fotos zu machen. Vorsichtig ging sie um das Haus herum und suchte einen Eingang. Ihre Taschenlampe flackerte immer wieder einmal, aber ihr Licht war unerlässlich. Entweder war Nadja so lange unterwegs gewesen, dass es nun schon Nacht war, oder die Bäume auf den Seiten schluckten das Licht. Sie schüttelte diese Gedanken ab, denn nun konnte sie eine Tür erkennen. Sie war halb offen und auch wenn die Hütte nicht verfallen war, so machte sie keinen bewohnten Eindruck. Wer würde denn auch in dieser Einöde wohnen wollen?

Trotzdem ging sie nun mit weichen Knien zu der Eingangstüre und drückte sie vorsichtig auf. Ein Knarren ertönte und es wurde etwas Staub aufgewirbelt. Sie stand in einer Stube, in der Mitte war ein Tisch aus massivem Holz und auf der rechten Seite konnte sie eine Feuerstelle erkennen. Ihre Taschenlampe flackerte immer öfter und es fiel Nadja schwer, Gegenstände zu erkennen. Hier war vermutlich seit Ewigkeiten kein Mensch mehr gewesen, doch anscheinend hatten sich auch keine Tiere in das Haus verirrt. Was schon sehr seltsam war. Genau genommen war sich Nadja mit einem Mal sicher, schon lange nichts mehr Lebendiges vernommen zu haben. Das Unwohlsein, welches zuerst in ihrer Magengrube begonnen hatte, breitete sich explosionsartig in ihrem gesamten Körper aus und verwandelte sich in Angst. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, erlosch ihre Lampe und die Holztüre flog in das Schloss. Nadja schrie und drehte sich zur Türe, dann wieder blickte sie zu ihrer Lampe.
„Verfluchtes Drecksteil!“, fauchte Nadja.
Ihr Atem ging schneller und mangels an Alternativen schlug sie mit der flachen Hand auf ihre Taschenlampe ein. Dies trug natürlich nicht zu einer Verbesserung bei, doch damit konnte sich die junge Frau von ihrer Angst ablenken. Sicherlich hatte der Wind die Türe zugeschlagen, auch wenn es im ganzen Haus kein einziges Fenster gab. Was sonst sollte es gewesen sein, dachte sich Nadja. Es war stockdunkel und sie konnte rein gar nichts erkennen. Langsam tastete sie sich in die Richtung, in der sie die Türe und damit den Ausgang vermutete.

Ein Zischen ertönte neben ihrem Ohr und mit einem Mal brannte Feuer in der Feuerstelle. Zum Glück war nun ein wenig Licht da und damit konnte Nadja zum Ausgang stürmen, denn jetzt hatte die Panik in ihr die Oberhand gewonnen. Sie wollte aus dieser Hütte heraus, doch eine kleine Gestalt war jetzt zwischen ihr und der Freiheit. Sie war nicht sehr groß, vielleicht einen Kopf kleiner als Nadja. Graue, schmutzige Haare hingen der Person ins Gesicht und sie war nur in einen Stoffsack gehüllt. Ihre nackten Füße waren dreckig und voller Erde und auch ihre Hände waren nicht sehr gepflegt.
„Ei, wer hat sich denn hierher verirrt?“, krächzte die Gestalt.
Die Stimme klang alt und weiblich. Sie hob ihren Kopf und Nadja begann zu schreien. Ihre Augen glühten wie kleine Kohlestücke und der Mund beherbergte schwarze Zahnstummel. Eine sehr lange, schwarze Zunge leckte sich über die Lippen und auch ihre Haare schienen plötzlich lebende Schlangen geworden zu sein.
„Schrei nicht so rum, du kommst gerade richtig zum Essen.“, lachte die alte Frau schrill.

Eine kleine, knochige Hand packte Nadja am Oberarm und drückte sie mit erstaunlicher Kraft zu Boden. Die junge Frau keuchte vor Schmerz und Schrecken und schon war die alte Frau auf ihrer Brust, schloss beide Hände um ihren Hals und begann zuzudrücken. Nadja röchelte und rang nach Atem. Ihre Angreiferin hatte sie eisern am Hals gepackt und drückte immer fester zu. Ihre Augen glühten ein wenig mehr, widerlich stinkender Speichel tropfte aus ihrem Mund und auf Nadjas Gesicht. Er brannte fürchterlich auf ihrer Haut und gab Nadja aber neue Kraft. Sie versuchte die Hände von ihrem Hals zu bekommen und die alte Frau abzuschütteln. Doch diese verfügte über erstaunliche Kraft und war fest entschlossen, die Kunststudentin zu erwürgen.

Ich bin wohl mit dem Essen gemeint, schoss es Nadja durch den Kopf. Dieser Gedanke und die Todesangst gaben ihre neue Kraft und Nadja schaffte es, ihr Knie in den Rücken der Frau zu rammen. Sie stöhnte überrascht auf und lockerte für einen Moment ihren Griff. Dies nutzte Nadja und warf die Angreiferin weit von sich. Keuchend rappelte sie sich auf und rannte zur Türe. Eigentlich rechnete sie damit, dass sie verschlossen war, doch zu ihrem Erstaunen konnte sie die Holztüre problemlos öffnen. Zwar hatte sie keine Lampe mehr, doch Nadja rannte aus dem Haus und so schnell sie konnte in den Wald hinein. Sie spürte förmlich, wie jemand hinter ihr war und sie verfolgte. Zweige und Dornen peitschten in ihr Gesicht, doch diesen Schmerz spürte sie gar nicht mehr. Ihre Arme wurden zerkratzt, als sie sich mit bloßen Händen einen Weg durch das dichte Gestrüpp bahnte. Immer wieder stieß sie schmerzhaft gegen einen Baum, aber auch dies stoppte Nadja nicht. Sie spürte wie der Abstand zwischen ihr und der Verfolgerin größer wurde und wieder gab es ihr mehr Kraft. Nadja rannte so schnell sie nur konnte durch die Dunkelheit im Wald und schaffte es tatsächlich, nicht direkt in einen Baum zu laufen. Hinter ihr vernahm sie ein Lachen, ein boshaftes Lachen.

Der dunkle Teil des Waldes endete ebenso plötzlich wie kurz vorher bei der Hütte. Die Sonne schien sogar wieder und dann hörte Nadja sehr vertraute Geräusche. Sie vernahm wieder das Rauschen eines Baches in der Nähe und das laute Zwitschern der Vögel in den Baumwipfeln über ihr. Keuchend blieb sie stehen. Ihre Lunge brannte und Schwindel stieg ihr in den Kopf. Ihre Hände und Knie zitterten und sie musste sich hinsetzen, da sie Angst hatte das Bewusstsein zu verlieren. Niemand war mehr hinter ihr. Tränen liefen ihr über das Gesicht und Nadja brauchte einige Momente um sich wieder zu fangen. Ihre Taschenlampe war weg, doch wenigstens hatte sie ihre Kamera noch. Für nichts auf der Welt wollte sie wieder zurück um nach ihrer Lampe zu suchen. Die Szene mit dem Bach kam ihr so vor als wäre keine Sekunde vergangen, doch Nadja hatte nicht mehr die Nerven um sich damit weiter zu befassen.

Ängstlich und wütend zugleich machte sie sich auf den Weg zurück ins Dorf und in die kleine Pension. Sie wollte sich nur kurz duschen, ausruhen und dann die Reise nach Hause antreten, denn von Geistern und Hexen hatte sie ein für alle Mal die Nase voll. Der Weg zurück war zwar wieder sehr anstrengend, doch diesmal hatte Nadja ungeahnte Kräfte und eine weit größere Motivation. Auch wenn sie sich beeilte und ihre Kräfte nicht zu schonen versuchte, brauchte sie eine ganze Weile um wieder in das Dorf zu kommen. Die Nacht würde schon bald hereinbrechen und endlich hatte sie die kleine Pension erreicht. Müde und völlig verschwitzt erreichte sie den Eingang und stürmte wortlos in das obere Stockwerk, wo ihr Zimmer lag. Dort angekommen schälte sie sich aus ihren schmutzigen Sachen und ging in das Badezimmer, um eine heiße Dusche zu nehmen. Dort verbrachte sie dann die nächste halbe Stunde. Das Badezimmer dampfte und sie schlang sich in ein warmes Handtuch und ging zu ihrem Bett. Kaum war sie unter die Decke geschlüpft, schlief sie auch schon ein. Morgen Früh würde sie so schnell wie möglich nach Hause fahren und diesen Horror hinter sich lassen.

Es musste spät in der Nacht sein, als Nadja wach wurde. Etwas verwirrt stieg sie aus dem Bett und tapste in der Dunkelheit zum Fenster. Draußen brannten keine Lichter und nur der Schein des Mondes drang in das kleine Zimmer. Immer noch verschlafen wunderte sie sich, was sie denn geweckt hatte. Dann war dieses Geräusch wieder da. Ein Klappern im Schrank, gegenüber von ihrem Bett. War etwas umgefallen? Oder hatte sie gar Ratten hier im Zimmer. Nach den Ereignissen des letzten Tages wunderte sie sich über nichts mehr. Vorsichtig ging sie auf den Schrank zu. In ihrem Magen breitete sich Unwohlsein aus und die Luft um sie herum wurde plötzlich eisig kalt. Wortwörtlich, denn Nadja konnte nun ihren Atem sehen, was Mitte August mehr als nur merkwürdig war. Die junge Kunststudentin kam nicht mehr dazu, genauer darüber nachzudenken. Die Türen des Schranks sprangen auf und eine kleine Gestalt mit glühenden Augen fuhr sie kreischend an. Ihre Finger krallten sich an ihren Haaren fest und eine Hand hinderte Nadja daran, um ihr Leben zu schreien. Dann zog die Hexe sie in den Schrank, die Türen schlossen sich und Nadja war verschwunden.

Am nächsten Morgen gingen die Besitzer der Pension in ihr Zimmer und wunderten sich nicht über die Unordnung, die schmutzige Kleidung, oder auch die Kamera auf dem Nachttisch. Sie waren noch nicht einmal versucht, sich die Bilder anzusehen. Wortlos sammelte die Frau die Sachen ein und gab sie dem Mann hinter ihr. Er nickte nur stumm und machte sich auf, die Sachen im Garten hinter der Pension zu vergraben.
Niemand sprach je wieder darüber und Nadja blieb bis heute verschwunden.