Short Story # 02 - Häschen in der Grube

Wörter: Telefon, schwanger, Schweiz, Berg, Auto
von: Daniela
Genre: Thriller

„Häschen in der Grube, saß und schlief. Armes Häschen, bist du krank, dass du nicht mehr hüpfen kannst? Häschen hüpf! Häschen hüpf! Häschen hüpf!“ Julia streichelte sanft über ihren Bauch, während sie die Melodie des Kinderliedes leise weiter summte. Sie ließ ihren Blick durch die schmutzige Windschutzscheibe in die Ferne schweifen und seufzte nach einigen Sekunden auf. „Wie immer, meine Kleine. Wie immer ist deine Mami zu früh dran.“ Bei den Worten musste sie lächeln. Mami. Ob das wohl ihr erstes Wort sein würde? Julia blickte auf ihre Armbanduhr. Noch zwanzig Minuten. Hoffentlich kommt er früher als geplant, denn schließlich hatten die beiden ja noch einen Besichtigungstermin vereinbart. „Vielleicht sind das endlich die Richtigen“, murmelte sie leise. Sie beschloss ihrem Rücken etwas Gutes zu tun und stieg aus dem Wagen. Langsam ging sie über den Parkplatz, an zwei großen Holztischen mit Bänken und einer alten Telefonzelle vorbei. Müll lag um und auf den Tischen, ganz so wie es eben üblich war für öffentliche Parkplätze. Julia tat jeden Schritt mit Bedacht und achtete darauf, dass sie einen sicheren Tritt hatte. Denn so ein Unfall wie damals vor zwei Jahren durfte nicht mehr passieren. Damals war sie im sechsten Monat schwanger und hatte einen Moment nicht aufgepasst. Sie war dumm und ließ es sich nicht nehmen, mit Peter wandern zu gehen. Sie fühlte sich fit genug und jedes Gegenargument ihres Mannes schmetterte sie im Nu ab. „Ich bin doch kein kleines Kind, Schatz. Und ich bin nicht krank. Ich bin nur schwanger.“ Mit diesen Worten strahlte sie ihren Mann an und holte ihre Wanderschuhe. Am Rückweg an einem steilen Hangstück bemerkte Julia, dass langsam ihre Kräfte schwanden, doch sie wollte sich keine Blöße geben. Sie wollte nicht, dass Peter vor ihr stand und eine „Ich hab es dir ja gesagt“-Predigt hielt. Also biss sie ihre Zähne zusammen und kämpfte sich durch. Bis sie stolperte und so unglücklich stürzte, dass sie deswegen ihr Kind verlor. Ihr Mann war zwar Unfallchirurg, doch er war machtlos und konnte nichts dagegen tun. Es dauerte über eine Stunde bis die Rettungsmannschaft angekommen war und Julia mit dem Helikopter ins Krankenhaus flog.
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In Gedanken versunken überquerte sie den Parkplatz einige Male. Nach wie vor machte sie sich große Vorwürfe. Sie war wegen Depressionen in Behandlung, doch als sie erfuhr, dass sie wieder schwanger war ging es ihr mit einem Mal besser. Sie war wieder glücklich. Sie konnte die Medikamente problemlos absetzen und achtete ab diesem Zeitpunkt besonders auf sich. Sie ernährte sich gesund, besuchte weiterhin jede Woche eine Therapiesitzung und bewegte sich regelmäßig. Sie tat alles dafür, dass es ihrem Baby gut ging. Ein schriller Ton riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah sich am Parkplatz um, doch außer ihr war niemand da. Wieder dieser schrille, durchdringende Ton. Julia benötigte einige Sekunden, bis sie ausmachen konnte woher das Geräusch kam. Sie stellte verwundert fest, dass das alte Telefon unermüdlich vor sich hin bimmelte und es erweckte nicht den Eindruck, schon bald wieder damit aufhören zu wollen. Es läutete und läutete und läutete. Langsam ging sie auf die Telefonzelle zu. Das musste ein Irrtum sein, dachte sie sich. Bestimmt hat sich jemand verwählt und wartet vergeblich darauf, die Stimme der Lieblingstante oder des Opas zu hören. Als sie die Telefonzelle erreicht hatte zog sie die Tür auf. Sie starrte das Telefon an. Sie hatte den Eindruck, dass das Telefon regelrecht zurück starrte. Die Welt um sie herum begann sich zu drehen. War es nur Einbildung? Sie musste sich Gewissheit verschaffen. Langsam griff sie zum Telefonhörer, hob ihn von der Gabel und drückte ihn fest ans Ohr. Ihre Nackenhaare stellten sich auf als leise ein Lied aus dem Hörer drang. „Häschen in der Grube. Saß und schlief. Armes Häschen, bist du krank.“

„Mit wem telefonierst du da?“ Julia erschrak so stark, dass sie einen kleinen Sprung rückwärts machte und den Hörer fallen ließ. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihren Mann an. „Schatz? Alles in Ordnung?“ Peter hatte schützend seine Arme um ihre Taille gelegt. „Da“, stotterte sie und deutete auf den am Kabel baumelnden Hörer. „Horch.“ Mehr brachte sie nicht zustande. Eine Stunde später hatte sich Julia wieder gefangen. Sie saß am Beifahrersitz und Peter navigierte ihren nagelneuen Ford Edge die Auffahrt zu ihrem Haus hinauf. „Glaub mir doch. Das Telefon hat geläutet und als ich abgehoben hatte, hörte ich ein Kinderlied. Genau dieses Kinderlied habe ich unserer Kleinen kurz zuvor vorgesungen.“ Fast weinerlich klang Julias Stimme. Peter stellte den Motor des Wagens ab, drehte sich zu ihr und legte seine Hand auf ihr Knie. „Schatz. Es tut mir leid. Ich habe lediglich ein Freizeichen gehört.“ Besorgt sah er sie an. Es war die heiße Phase. So nannte er es im Geheimen. Genau in diesem Monat hatte sie mit ihrem letzten Baby diesen grauenvollen Unfall. Vielleicht kämpft ihr Unterbewusstsein gerade gegen sämtliche Dämonen, gegen die man nur kämpfen konnte. „Was hältst du davon, wenn du dich hinlegst und dich ein bisschen ausruhst? Ich schaffe das schon alleine mit der Hausbesichtigung.“ Julia sah ihn dankend an. „Meinst du wirklich?“ Er nickte und küsste sie auf die Stirn. „Klar. In mir schlummert ein Verkaufstalent.“
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Julia beobachtete vom Schlafzimmerfenster aus, wie ihr Mann die drei Personen bereits am Eingang herzlich begrüßte. Sie runzelte die Stirn über die Tatsache, dass drei Personen zu der Besichtigung gekommen sind. Es handelte sich um zwei Männer und eine Frau, alle drei kaum älter als zwanzig Jahre. Doch die Müdigkeit übermannte sie und deswegen beschloss sie, es sich im Bett gemütlich zu machen und auf den Instinkt ihres Mannes zu vertrauen. Peter führte das Trio durch die moderne Villa. Das Haus bestand aus drei Etagen, die versetzt aufeinander gereiht wurden. Die weiße, moderne Fassade blendete die schwarzhaarige Frau sichtlich, als sie den Außenbereich mit Pool besichtigten. „Was ist der Grund dafür, dass sie das Haus verkaufen?“, fragte sie für Peters Geschmack etwas zu hochnäsig. „Wir werden ins Ausland gehen und da benötigen wir das Haus nicht mehr.“ „Wohin geht es?“, mischte sich der Mann mit dem Vollbart ein. Peter war überrascht von der Frage und antwortete: „In die Schweiz. Ich habe ein tolles Jobangebot bekommen. Mehr als das Doppelte werde ich dort verdienen.“ Danach verstummte Peter. Er fragte sich, warum er so locker aus der Hüfte plauderte. Sonst war er doch auch nicht so redefreudig. Vor allem was sein Gehalt anging. „Wo ist denn ihre entzückende Frau?“ „Sie fühlte sich nicht so gut und hat sich kurz hingelegt. Deswegen kann ich euch auch nicht das Hauptschlafzimmer zeigen.“ „Wir wollen sie doch nicht unnötig wecken“, antwortete die junge Frau und sah ihn aus ihren giftig wirkenden, grünen Augen an. Als ob der Teufel aus diesen Augen blicken würde, dachte sich Peter und verwarf den Gedanken schnell wieder. „Wollen wir uns die beiden anderen Schlafräume und Bäder in der mittleren Etage ansehen?“ Peter warf den drei jungen Leuten einen fragenden Blick zu und drehte sich kurz darauf um und ging wieder ins Haus. Die drei anderen folgten ihm rasch und als er das erste Schlafzimmer betrat, schlug ihm etwas hart auf den Hinterkopf. Er sank zu Boden und innerhalb von Sekunden übermannte ihn eine tiefe Dunkelheit.
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Julia öffnete langsam ihre Augen, streckte sanft ihren Rücken durch. „Diese verdammten Rückenschmerzen“, murmelte sie. Sie freute sich bereits auf den Tag, an dem sie wieder ohne Probleme am Bauch schlafen konnte. Auch ihre kleine Tochter wurde scheinbar wach und begann zu strampeln. Instinktiv griff sie sich auf ihren Bauch. Zumindest hatte sie das vor, doch Handschellen, die ihre Arme an das Bettgestell gefesselt haben, hielten sie davon ab. Julia begriff nicht. Sollte das ein verdammt schlechter Scherz von Peter sein? „Peter?“, rief sie und zog an den Handschellen. Jetzt erst bemerkte sie, dass auch ihre Beine an das untere Ende des Bettes gefesselt waren. Wut kroch in ihr hoch. „Peter!“, rief sie nun verärgert. „Mach mich sofort los! Ich finde das nicht witzig! Peter!“ Sie horchte in die Stille, doch es kam keine Antwort. Nun wich die Wut langsam einem anderen Gefühl. Einem Gefühl, das Julia sehr gut kannte. Panik und Angst machten sich in ihr breit. „Peter!“ „Die Testperson ist wach geworden“, sagte der junge Mann und schob mit dem Zeigefinger seine Hornbrille über den Nasenrücken nach oben. „Sollen wir sofort Kontakt zu ihr aufnehmen?“ „Nein. Warte noch. Ich möchte beobachten, wie sich die Panik körperlich bei ihr zeigt. Vielleicht bekommt sie ja vorzeitig Wehen.“ Ein Lächeln huschte über ihre rot geschminkten Lippen, während die grünen Augen über den Bildschirm huschten. „Wie sieht es in der Garage aus?“, fragte sie den Vollbärtigen. „Der ist schon lange wieder bei Bewusstsein. Hat sich fast eine Stunde die Seele aus dem Leib geschrien. Wie gut, dass die Villa auf dem Berg steht und weit und breit keine Nachbarn sind.“ Er grinste wie ein zwölfjähriger Junge, der gerade seinen ersten Lausbubenstreich plante. „Gut. Ich geh noch mal pinkeln und dann können wir loslegen. Und nicht vergessen. Sämtliche Regungen mit der Zeitspanne notieren. Schließlich will ich eine Eins auf meine Diplomarbeit.“ Sie machte am Absatz kehrt und verließ langsam den Raum. Dabei achtete sie darauf, dass beide Jungs freie Sicht auf ihren Hintern hatten. Männer!, dachte sie. Sie sind doch so einfach zu manipulieren. Das Sprichwort wird immer stimmen. Sex sells!
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Nach einigen Minuten kehrte die schwarzhaarige Frau zurück. „Und? Hab ich was verpasst?“ Sie blickte auf den Monitor, auf dem Julia zu sehen war. Sie weinte und ihre roten Haare klebten strähnig in ihrem Gesicht. „Seit wann weint sie?“ Sie blickte den jungen Mann an und ertappte ihn dabei, wie er ihr in den Ausschnitt sah. „Ich. Ich.“, stotterte dieser. „Idiot!“ Sie schüttelte genervt den Kopf. „Leg los.“ Julias Augen waren von den bereits unzähligen geweinten Tränen stark verquollen und sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie versuchte sich auf ihre Situation einen Reim zu machen und doch kam sie auf keine sinnvolle Erklärung. Ihr Rücken schmerzte sehr stark und ihre Arme und Beine fühlten sich schwer an. Plötzlich ging der große Flatscreen an der gegenüberliegenden Wand an und Julia musste mit Entsetzen zusehen, wie in Dauerschleife ein Musikvideo mit einem Kinderlied abgespielt wurde. „Häschen in der Grube, saß und schlief. Armes Häschen, bist du krank, dass du nicht mehr hüpfen kannst? Häschen, hüpf! Häschen, hüpf! Häschen, hüpf!“ Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte die Dauerschleife auf und ein neues Bild erschien. Es war totenstill. Julia erkannte ihre Garage im Untergeschoss. Auto um Auto stand in einer Reihe. Das war neben dem Wandern Peters zweite Leidenschaft. Er besaß zwei Oldtimer, zwei SUV‘s und einen Sportwagen. Der erste Oldtimer in der Reihe war der rote Ford V8. Sein absoluter Lieblingswagen. Als Julia genauer hinsah, erkannte sie Peter, der am Fahrersitz saß. Mit verbundenen Augen und einen Knebel im Mund. „Oh mein Gott!“, entfuhr es ihr. „Peter!“ Sie konnte erkennen, dass er sehr schwer atmete. „Was passiert hier!“, rief sie lauter. „Was wollt ihr von uns?“ Ein lautes Knistern ertönte, danach eine Frauenstimme. „Hallo, Testperson Nummer Zwei. Ich gratuliere dir zur Teilnahme meiner Studie.“ „Was soll das?“ „Du wirst gleich Besuch bekommen und der Mann wird dir einen venösen Zugang legen. Bitte wehre dich nicht. Sonst müssen wir dich wieder in eine leichte Narkose legen und das ist ja nicht gut für das Baby.“ Julia keuchte und versuchte sich aus ihren Fesseln zu befreien. „Was?“, wimmerte sie und das Video des Kinderliedes begann von Neuem.
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Minuten später wurde die Schlafzimmertür geöffnet und ein Mann betrat den Raum. Sein Gesicht wurde von einer Skimütze bedeckt. Vorsichtig trat er an die gefesselte Frau heran und blieb vor dem Bett stehen. Ewig starrte er sie an. Zumindest fühlte es sich für Julia nach einer Ewigkeit an. „Bitte“, wimmerte Julia. „Bitte tu mir nicht weh. Tu meinem Baby nicht weh.“ Wie wunderschön sie doch ist, dachte er und konnte nicht anders, als sie weiter anzustarren. Er hob seine Hand und streichelte wie von Sinnen über ihre gerötete Wange. „Nein!“, schrie sie und wich seiner Hand aus. Mit einem Mal war er wieder voll da und erinnerte sich daran, dass sie ihn beobachtete. Er muss sich zusammenreißen. Schließlich hat er versprochen ihr zu helfen. Er durfte seinen Gefühlen nicht nachgeben. „Schon gut. Solange du still hältst, wird dir nichts passieren.“ Mit diesen Worten öffnete er den kleinen Koffer, den er mitgebracht hatte und legte mit sicheren Handbewegungen in Sekunden einen venösen Zugang. Danach nahm er eines der Bilder ab, welches über Julias Kopf hing und befestigte daran einen Beutel mit Flüssigkeit. Das Video wurde wieder angehalten und erneut ertönte das Krächzen eines billigen Mikrofons. „Ich erkläre dir nun wie es weitergehen wird. Wenn du nochmal bitte auf den Bildschirm schaust, wirst du wieder deinen Mann erkennen, der in dem Auto gefesselt sitzt. Am Auspuff ist ein Schlauch befestigt, der die Abgase in das Wageninnere leitet. Zeitgleich wenn der Motor gestartet wird, wird dir mit dem Tropf ein Medikament verabreicht, welches langsam aber sicher eine Geburt einleitet. Und da du bestimmt nicht dumm bist, weißt du, dass dein Baby ohne ärztliche Hilfe noch nicht lebensfähig ist.“ „Nein!“ Einzelne Tränen liefen über ihre Wangen. Das kann einfach nicht wahr sein. Bestimmt ist das ein ganz, ganz schlechter Traum aus dem sie nicht aufwacht.

„Nun kommst du ins Spiel, Testperson Nummer Zwei. Du musst dich entscheiden. Für deinen Mann oder dein Baby. Wer darf leben und wer muss sterben? Ich gebe dir zwanzig Minuten Zeit.“ Julia schrie auf, wand sich im Bett hin und her. Brüllte. Versuchte ihre Fesseln abzustreifen und schrie verzweifelt nach ihrem Mann. Die Hilfeschreie versiegten ungehört. Das wusste sie. Ihre roten Haare klebten an ihrem Gesicht, an ihren schweißnassen Brüsten. Und er konnte sich nicht satt sehen an dieser Schönheit. Er wusste, dass er noch nie solche Gefühle für eine Frau hatte. Er riss sich von dem Anblick los und fasste den Entschluss, ihr zu helfen. Er musste Tess davon überzeugen, dass sie das Experiment abbrechen mussten und verließ überstürzt das Schlafzimmer. „Was zum Teufel soll das? Ich hab gesagt, du sollst den Raum nicht verlassen!“, fuhr sie ihn an. „Tess“, begann er. „Ich sagte, keine Namen!“, zischte sie durch ihre roten Lippen. „Tess, bitte“, sprach er unbeirrt weiter. „Ich weiß, wir haben das besprochen, aber ich finde trotzdem wir sollten das Ganze nochmal überdenken.“ „Überdenken? Ernsthaft?“ Sie lachte laut auf. Kein lustiges Lachen, sondern ein Bist-du-etwa-verrückt-geworden-Lachen. „Du hast mir versprochen, dass du mir hilfst. Du hast mir versprochen, dass ich auf dich zählen kann. Ich kann doch meine Diplomarbeit jetzt nicht in die Tonne schmeißen, nur weil du Schiss bekommen hast.“ „Tess.“ „Nein. Nein Sebastian. Du hast gesagt, du liebst mich und du hast gesagt, dass das ein Kinderspiel wird.“ Sebastian nickte. „Du hast Recht. Aber da wusste ich noch nicht, dass ich es nicht kann. Ich.“ „Nicht kann, nicht kann!“ Wie eine Furie fuhr Tess herum. „Nenn mir nur einen Grund, warum wir die monatelangen Recherchen und Observierungen in den Wind schießen sollte. Du wolltest doch auch wissen, wie eine manisch-depressive Schwangere, die bereits eine Fehlgeburt hatte, in einer Stresssituation reagiert. Oder etwa nicht? Du meintest, du kannst als Arzt am Besten einen venösen Zugang legen. Du hast gesagt, du unterstützt mich! Sag mir einen verdammten Grund, warum wir unsere Arbeit hinschmeißen sollten?“ „Weil“, begann Sebastian. „Weil ich.“ Er machte eine Pause. „Weil ich mich in sie verliebt habe.“ Tess riss ihre Augen auf und starrte ihn an. „Wie bitte? Du hast dich in sie verliebt? Bist du komplett irre? Dafür gibt es in der Psychologie eine Bezeichnung. Das Lima-Syndrom!“ Sie starrte ihn ohne ein weiteres Wort an, während Sebastian seinen Blick zu Boden senkte.

In Julias Kopf drehte sich alles. Tausend Gedanken jagten durch ihr Gehirn. Wie konnte sie sich selbst befreien? Lag ihr Handy am Nachttisch? Und wenn sie sich befreien konnte, wie konnte sie aus dem Zimmer flüchten. Über das Fenster im angrenzenden Badezimmer. Dort könnte sie es eventuell auf den Balkon in der zweiten Etage schaffen. Vielleicht würde sie sich ein Bein brechen oder die Arme, doch das wäre ihr egal. Und was würde Peter von ihr denken, wenn sie sich gegen ihn und für das Baby entscheiden würde. Sie kniff ihre Augen zusammen und schüttelte die Gedanken von ihr ab. Als sie ihre Augen wieder aufschlug, bemerkte sie, wie sich am Monitor etwas bewegte. Sie blinzelte einige Male um einen klaren Blick zu bekommen und was sie sah, verschlug ihr den Atem. Sie sah zu, wie dem Mann neben dem Oldtimer von hinten die Kehle aufgeschlitzt wurde und daraufhin zu Boden sackte. Sie sah zu, wie der Mörder die Wagentür aufriss, den Motor startete und die Tür wieder schloss. Sie musste mitansehen wie sich Peter im Autositz hin und her wand. Und mit einem Mal war sie wie gelähmt. Sie wusste gar nicht mehr, was sie überhaupt noch denken sollte und deswegen dachte sie gar nicht mehr. Sie begann wieder zu weinen während sie ihrem Mann beim Sterben zusah. Ihre gesamte Kraft verließ ihren Körper und sie sackte auf dem Bett nieder. Aus allen Muskeln entschwand die Anspannung und sie weinte. Ihr Wille war gebrochen. Sie ließ es geschehen, dass sich Sebastian zu ihr legte. Sie ließ es geschehen, dass er sie zärtlich in seine blutigen Arme nahm und sie sanft wiegte. Sie ließ es geschehen, dass er tröstend ihre Stirn küsste. Sie spürte das zärtliche Kitzeln seines Bartes auf ihrer Haut. „Sch. Sch. Sch. Alles wird gut“, flüsterte er ihr ins Ohr. Dann begann er leise zu singen. „Häschen in der Grube, nickt und weint. Doktor komm geschwind herbei und verschreib ihm Arznei. Häschen schluck! Häschen schluck! Häschen schluck!“ Ohne einen Laut von sich zu geben sah sie Peter über den Bildschirm weiterhin zu und ließ sich sanft zu der letzten Strophe wiegen. „Häschen in Grube, hüpft und springt. Häschen bist du schon kuriert? Hui da rennt und galoppiert! Häschen hopp! Häschen hopp! Häschen hopp!“


Bildquelle: schwangere Frau, Telefon, Matterhorn, Berge, Ford V8


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