Short Story - # 02

 

Vorgabe: "Und plötzlich war es still!"
von: Verena
Genre: Humor

 

Titel: Am Ende des Tunnels

 

>>Oh mein Gott! Wo bin ich hier?<< Weit entfernt konnte ich die Worte ausnehmen. Sie drangen leise in meinen Kopf, so als ob sie geflüstert wurden. Unter großer Anstrengung versuchte ich wieder Herr meiner Sinne zu werden, welches mir in relativ kurzer Zeit gelang. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir den Kraftaufwand sparen können, aber wer kann schon in so einer brisanten Situation klaren Kopf bewahren und dadurch die richtige Entscheidung treffen? Ich definitiv nicht. Aber schließlich weiß man im Moment der Entscheidung nicht, ob es gut ausgeht. Das stellt sich doch immer im Nachhinein heraus, ob man nicht vielleicht doch falsch gelegen ist. Richtig?

Nun ja. Ich wurde wie schon erwähnt durch diese leise Stimme wach und nach einiger Zeit realisierte ich langsam, dass außer mir selbst niemand anderer anwesend war. Ich habe meine eigenen Worte flüsternd wahrgenommen und als ich wieder ganz bei mir war, erkannte ich die Tatsache ziemlich schnell. Ich wusste nicht wo ich war und geschweige denn wie ich hierher gekommen bin. Ich wusste ehrlich gesagt nicht einmal wer oder was ich überhaupt war. Kannst du dir das vorstellen? Verrückt, nicht wahr? Ich wusste gar nichts. Außer eines. Und zwar, dass ich hier raus musste. So schnell wie möglich. Ich schüttelte also meinen Körper kräftig durch und kam dadurch ins Schwanken. Mit einem dumpfen Aufprall stieß ich an eine Art Wand, die sich aber sehr seltsam anfühlte. Sehen konnte ich sie leider nicht, da es stockdunkel war. Also musste ich meinem Tastsinn vertrauen und so begann ich dieser Wand regelrecht entlang zu gleiten. Sie fühlte sich warm und weich an. Und noch dazu sehr holprig. So als ob der, ich nenne ihn mal Maurer, nicht im Stande war, eine glatte Wand hinzubekommen, da er anstatt seiner täglichen vier Flaschen Bier dieses Mal vierzehn Flaschen Bier vernichtet hatte.

Ich muss es ehrlich gestehen. Diese Situation setzte mir ziemlich heftig zu. Denn ich fühlte mich einem Nervenzusammenbruch nahe. Aber ich vermute, dass es jedem in meiner derzeitigen Lage ähnlich ergehen würde. Meine Gedanken überschlugen sich und wurden immer lauter. Sie dröhnten gefährlich laut durch meinen Körper und verstummten um keinen Preis. In diesem Wirrwarr an Gedanken und immer wieder aufkommenden Panikattacken versuchte ich also eine gefühlte Ewigkeit lang einen Ausgang aus diesem unheimlichen Raum zu finden. Und plötzlich seufzte ich erleichtert auf. Endlich konnte ich ein kleines Loch ertasten welches mir die hoffentlich ersehnte Freiheit schenken würde. Mit aller Kraft zwängte ich mich durch die kleine Öffnung, was zu meinem Erstaunen viel einfacher war als ich gedacht hatte. Der Ausgang passte sich meinem Körper an, so als ob er sich sanft an mich schmiegen wollte. Verwirrt über diese seltsame Konstruktion glitt ich geschmeidig hindurch. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Die Endorphine schossen in mich ein und breiteten sich rasant in mir aus. Und ich fühlte mich frei, erleichtert und überglücklich.

In diesem Glückstaumel bemerkte ich nicht, wo ich im Endeffekt gefangen gehalten wurde. Da mir dies plötzlich bewusst wurde, beschloss ich meine Augen zu öffnen. Ich musste mit eigenen Augen sehen wie dieser Ausgang aussah und wo ich mich gerade befand. Doch, wie du vielleicht bereits vermutet hast, kam es leider nicht dazu. Denn umso mehr ich mich bemühte etwas sehen zu können desto klarer wurde mir bewusst, dass ich nicht sehen kann. >>Was ist hier verdammt noch mal los?<<, fluchte ich verzweifelt vor mich hin. Ich wollte vor Wut schreien, vor Angst weinen und vor Enttäuschung um mich schlagen. Aber ich war wie gelähmt. >>Warum kann ich nichts sehen?<< Es kündigte sich wieder eine neue Panikattacke an. >>Wer hat mir das angetan?<< Ich fühlte mich ohnmächtig, nicht handlungsfähig und voller Angst. Einige Minuten vergingen, bis ich mich wieder voll im Griff hatte. Nun konnte ich mit halbwegs klarem Verstand meine Umgebung ertasten. Ich musste nur jemanden finden der mir helfen würde. Vielleicht konnte er mir auch sagen, was mit meinen Augen los war oder zumindest wo ich mich befand. Ich versuchte nun wie in dem Raum zuvor meine Umgebung abzutasten und stellte mit Schaudern fest, dass ich mich scheinbar wieder in einem Raum befinde. Nur war er nicht so groß, sondern eher lang. Die Wände fühlten sich aber genauso an wie zuvor. Weich, holprig, warm und ekelhaft glitschig.

Was mich aber am meisten irritierte war dieser erbärmliche Gestank, der aus allen Ritzen zu kommen schien. Kennst du das? Wenn der Gestank unerträglich für einen wird und man nicht mehr weiß, ob man überhaupt noch einatmen oder es überhaupt bleiben lassen sollte? Ja? Ganz genau so fühlte ich mich! Es war wirklich furchtbar. Aber mein Wille und mein Kampfgeist, aus meinem Gefängnis auszubrechen und der Wahrheit auf die Schliche zu kommen war scheinbar größer, als die Tatsache, den Löffel abzugeben, weil ich aufgrund des Gestanks nicht mehr einatmen wollte. Ich blieb also angelehnt an diese Wand einige Minuten ruhig sitzen und sammelte nochmals alles Kräfte um mein neues Gefängnis ertasten zu können. Als ich mich bereit fühlte, okay, bereit fühlte kann man es nicht nennen. Mir blieb einfach nichts anderes übrig wenn ich hier raus wollte. Also. Als ich mich bereit fühlte glitt ich wieder vorsichtig an der unebenen Wand entlang und dabei bemerkte ich, dass es sich um einen ewig langen und engen Gang handeln musste. Und es deutete leider auch nichts darauf dahin, dass dieser schmale Gang bald enden würde. Des Weiteren fand ich auch keinen einzigen Seitenausgang, was mir zusätzlich zu der Gesamtsituation noch mehr Angst machte. Das Einzige das mir sehr unangenehm auffiel war, dass der Gang immer enger wurde und ich mich schlussendlich in einer schmalen Röhre befand. Die Wände drückten sich immer mehr an mich, gaben aber trotzdem leicht nach wenn ich Gegendruck erzeugte.

Unermüdlich kroch ich weiter und weiter und mein Weg wurde mit jedem Zentimeter beschwerlicher. Die Röhre war sehr verwinkelt angelegt und bei jeder Biegung nach links oder rechts stieg meine Hoffnung auf ein gutes Ende, nur um kurz darauf wieder im Keim erstickt zu werden. Zwischendurch musste ich auch immer wieder eine Pause einlegen, da diese Biegungen teilweise sehr schwierig zu passieren waren und in diesen Momenten war ich heilfroh, dass ich nicht auch noch verfolgt wurde. Zumindest hatte ich nicht das Gefühl. Man sagt ja immer, dass einem sein Gefühl nicht täuscht und man immer gut beraten ist, wenn man auf sein Gefühl hört. Jetzt, wo ich über dieses Gefühl nachdenke, könnte es sein, dass es mich doch in die Irre geführt hatte. Wenn ich dort geblieben wäre, in diesem dunkeln großen Raum, würde es mir nicht schlechter ergehen als jetzt.

Aber ich schweife mit meiner Erzählung schon wieder ab. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Dass ich immer Pausen einlegen musste, da der Weg durch die verwinkelte Röhre sehr beschwerlich war. Durch diesen ständigen Richtungswechsel und dem noch immer vorherrschenden aufdringlichen Gestank wurde mir langsam aber sicher übel. Ich war erschöpft und müde, mir war übel und ich wollte unbedingt hier raus. Eine gefährliche Mischung an Hartnäckigkeit und Sturheit machte sich in mir breit. Sie bewirkte, dass ich mich wieder schneller vorwärts bewegen konnte und alle Zweifel und Ängste unterdrücken konnte. Ich nahm Anlauf und glitt eine lange Zeit in Höchstgeschwindigkeit die Röhre entlang, bis sie sich plötzlich und ohne Vorankündigung ruckartig erweiterte. Ich fiel und stieß an die eine weiche Wand, nur um davon abzuprallen und auf die gegenüberliegende Seite geschleudert zu werden. Die Wände hatten etwas Gummiartiges und deswegen wurde ich von einer Seite auf die andere gewirbelt. Ich wusste nicht mehr wo oben oder unten war. Aber um ehrlich zu sein war es auch ein schönes Gefühl endlich wieder mehr Platz zu haben und nicht mehr eingeengt in einer schmalen Röhre kriechen zu müssen. Trotzdem befand ich mich noch immer nicht in Freiheit. Nur eben in einem anderen Raum.

Ich kroch also weiter und weiter, in der Hoffnung einen Ausgang zu finden der mich aus diesem schrecklichen Albtraum entlässt. Nach kurzer Zeit vernahm ich ein leises Grollen. Es wirkte auf mich wie ein Donner der langsam immer lauter wurde. Ich blieb regungslos liegen und lauschte. Ich versuchte ausnehmen zu können woher dieses laute Grollen kam, denn vielleicht befindet sich auch dort, am Ursprung des Lärms, mein Ausgang in meine Freiheit. In meiner Verwirrtheit dachte ich plötzlich leise Musik und das Flüstern von Stimmen zu vernehmen. Mein Atem wurde schneller und ich versuchte mich noch mehr zu konzentrieren. Und tatsächlich konnte ich die Musik nun deutlicher ausnehmen. Es hörte sich an wie ein entspannendes, ruhiges Klavierstück. Dies sanften Klänge vermischten sich mit dem eigenartigen Grollen zu einer irrwitzigen Symphonie. Die Symphonie des Grauens, dachte ich spontan. Ich ließ mich davon berieseln und für einen kurzen Moment verlor ich mein Ziel aus den Augen. Mein Ziel, endlich meine Freiheit wiederzuerlangen und einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation zu finden. Ich weiß nicht wie lange ich den Klängen regungslos lauschte, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Aber ich fühlte mich irgendwie auch schon besser. Ich fühlte mich so, als ob ich schweben würde. Ich spürte wie ich durch unsichtbare Kräfte sanft in die Höhe gehoben wurde und mich zu den leisen Klavierklängen vorsichtig wiegte. Plötzlich vernahm ich ein lautes „Ping“! Eine Art Glockenschlag, nur um einige Oktaven höher. Das war der Moment, als ich wieder Herr meiner Sinne wurde. Ich wusste wieder um mein Ziel und lauschte in die Richtung, aus der die seltsam wirkenden Geräusche kamen. Ich wartete ab bis ich wieder an eine Seitenwand getrieben wurde und stieß mich davon mit aller Kraft in Richtung der Geräusche ab. Mit voller Wucht schoss ich durch die Gegend und prallte an der gegenüberliegenden Seitenwand ab. >>Verdammt!<< Ich fluchte laut und gleichzeitig wurde das Grollen wieder lauter. Aber ich gab nicht auf und stieß mich immer wieder von den Wänden ab, solange bis ich in einem schmalen Gang feststeckte.

Ich krallte mich an den weichen Wänden fest und lauschte. Die Klavierklänge waren nun viel deutlicher zu hören und ich konnte ab und zu jemanden räuspern oder leise husten hören. >>Hallo? Ist da jemand? Hilfe!<< Ich schrie im wahrsten Sinne des Wortes um mein Leben, aber keiner kam mir zu Hilfe. Ich fühlte mich schwach und erschöpft von meiner Flucht, sodass ich mich schwer dazu durchringen konnte, meine letzten Kräfte zu sammeln. Aber irgendwie gelang es mir. Zentimeter um Zentimeter schob ich mich vorwärts und als ich plötzlich einen kleinen Lichtschimmer erblickte war es um mich geschehen. Ich fing an zu lachen und zu weinen. Meine ganze Angst und Hoffnungslosigkeit fiel wie ein riesiger Stein von mir ab. Ich begann noch lauter zu lachen und seltsamerweise wurde mit meinem Lachen auch das Grollen wieder lauter. So laut, dass ich mein eigenes Lachen selbst nicht mehr hören konnte. Ich maßregelte mich wieder ruhig zu werden und weiter vorwärts zu kriechen. Dem Lichtstrahl entgegen. Ich zwängte mich mit aller Gewalt durch die kleine Öffnung und schrie aufgrund einer Mischung aus Anstrengung und Freude für mich selbst unverständliche Worte aus. Das Grollen wurde wieder lauter.

Nun waren mein Geschrei und das Grollen eins und nach sekundenlangem Kampf schaffte ich es aus der engen Öffnung zu rutschen. Endlich war ich frei. Endlich konnte ich wieder sehen. Und endlich wusste ich, wer oder was ich war. Das Grollen hörte unverzüglich auf und plötzlich war es still. Ich hob mich in die Lüfte empor und konnte mich ausbreiten. Endlich konnte ich mich in meiner gesamten Essenz ausdehnen und mich vom leichten Luftstrom tragen lassen. Ich beobachtete die drei anwesenden Menschen, wobei die hübsche Frau mit ihrem kurzen schwarzen Rock, der weißen enganliegenden Bluse und den schwarzen Highheels beschämt und mit hochrotem Kopf zu Boden sah. Die zwei Männer, die direkt neben ihr standen, rückten diskret von ihr ab und verkniffen sich ein schelmisches Grinsen. Ich schwebte weiter vor mich hin und breitete mich immer weiter aus. Denn ich benötigte Platz. Sehr viel Platz.

„Ping“ Die Tür öffnete sich automatisch und die drei Menschen verließen fluchtartig und wortlos den Fahrstuhl. Nur ich blieb hier. Ein Pfurz, der sich unter größtem Kraftaufwand aus seinem menschlichen Gefängnis befreite und sich nun im nächsten Gefängnis zu den Klavierklängen der Fahrstuhlmusik sanft wiegte.


Du willst die nächste Veröffentlichung nicht verpassen?

Dann melde Dich zu meinem 14-tägigen Newsletter an!