10. Kapitel - Abschied

So wurde entschieden - A: Er wird im Wald an einen Baum gefesselt wach.

»Kann ich dich bitte kurz alleine sprechen?« Marie bedachte ihre Mutter mit einem bitterbösen Blick, legte ihr eine Hand auf ihre Schulter und führte sie auf die kleine etwa zwanzig Meter entfernte Lichtung. Schon fast ungeduldig drängte sie ihre Mutter vorwärts während sie bereits gedanklich wütend auf sie einredete. Sobald die beiden Frauen die Lichtung betraten konnte sich Marie nicht mehr zusammenreißen. »Was um alles in der Welt soll das?« »Ich weiß nicht, was du meinst.« Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen hob ihre Mutter die linke Hand und betrachtete ihre frisch lackierten Nägel. Marie traute ihren Ohren nicht. »Wie bitte? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, oder?« Ungläubig schüttelte sie den Kopf und vergaß sogar, den Mund zu schließen. »Mach den Mund zu. Das schickt sich nicht.« »Das ist gerade sowas von egal. Mich sieht hier niemand!« »Du bist immer so aufbrausend, Mädchen. Du musst besser auf deinen Blutdruck achten.« Frau Mayer machte Anstalten, wieder zurück zu den anderen zu gehen, doch ihre Tochter hielt sie am Arm zurück. »Du bleibst jetzt gefälligst hier und erklärst mir was sie hier will! Warum hast du sie mitgebracht? Bist du nicht mehr ganz dicht?« Nun wurde auch ihre Mutter lauter. »Pass auf Mädchen, wie du mit mir redest! Schließlich bin ich deine Mutter. Und das Ganze hier war meine Idee, es ist mein Haus, mein Wald und mein Sohn. Also erzähl mir gefälligst nicht, was ich zu tun habe.« Aus gefährlich funkelnden Augen sah sie ihre Tochter an. Marie ließ sofort ihren Arm los und wich einen Schritt zurück. Gleichzeitig hielt sie ihrer Mutter beide Hände abwehrend entgegen. »Okay. Ich gebe mich geschlagen. Aber wenn sie uns verpfeift, dann werde ich die ganze Schuld dir geben.« Marie machte auf ihrem Absatz kehrt und ging zurück zu den anderen.

Speichel tropfte aus seinem Mund auf den moosigen Waldboden. Sein Atem war flach und trotzdem atmete er noch. Das war ihr Plan gewesen. Ihn soweit zu betäuben, dass er sich nicht wehren konnte und sie ihn bequem am Baum festbinden konnten. Markus hatte anfangs gedacht, ihn alleine in den Wald schaffen zu können, doch er irrte sich. Ihm war bis heute nicht bewusst gewesen, wie schwer eine ohnmächtige Person sein konnte. Noch vor zwei Stunden versuchte er Jonas aus dem alten Bett zu hieven und ihn hierher zu bringen. Doch es war als würde er einen zentnerschweren Sack hochheben wollen. Ein für ihn unmögliches Unterfangen. Glücklicherweise hatte die Mutter von Jonas etwas für die starken Männer übrig und bat diese über Nacht zu bleiben. Markus wäre auch nicht davon abgeneigt gewesen, den einen oder anderen vernaschen zu können, doch Frau Mayer war einfach schneller. Und der Preis, den sie ihnen anbot, war für drei der Männer einfach zu verlockend. Als Markus früh morgens in die Küche schlenderte, saßen die drei mit nacktem Oberkörper und jeder mit einer Tasse Kaffee bewaffnet gesittet beim Küchentisch. Kurz stockte ihm bei dem leckeren Anblick der Atem und er musste sich bemühen, ein unverfängliches „Guten Morgen“ über seine Lippen zu bringen. Gedanklich verfluchte er Frau Mayer, dass sie aufgrund ihres Reichtums alles bekam was sie wollte. Sie hatte ganz bestimmt Spaß heute Nacht. Markus fischte eine Tasse aus dem Küchenschrank und schenkte sich ebenfalls Kaffee ein. Danach wagte er nochmals einen kurzen Blick auf die drei gut gebauten und attraktiven Männer und verließ ohne ein Wort zu sagen den Raum. Die Männer bemerkten ihn nicht, zu sehr waren sie in ihr Gespräch vertieft, wie geschickt Frau Mayer doch ihre Zunge einzusetzen wusste. Markus stellte sich im Wohnzimmer zum Fenster und blickte auf das kleine Waldstück hinter dem Haus. Er nahm einen Schluck Kaffee und bereitete sich geistig auf seinen Vorhaben vor. Vierzig Minuten später schlurfte er mit den Händen in den Hosentaschen und gesenktem Kopf hinter den Männern her, die Jonas mit Leichtigkeit in den Wald transportierten. 

»Ist er schon aufgewacht?« Marie tauchte unvermittelt hinter Markus auf und riss ihn dabei unsanft aus seinen Gedanken. Markus schüttelte nur den Kopf. »Verdammt. Ich habe in zwei Stunden einen wichtigen Termin. Und ich muss mich danach noch umziehen.« Verärgert sah sich auf ihre Stöckelschuhe hinab. »Warum ziehst du auch solche Schuhe an?« »Weil mir niemand Bescheid gegeben hat, dass wir in die verdammte Wildnis gehen!« Markus verdrehte seine Augen und seufzte leise. Er trat nah an Marie heran und flüsterte: »Und? Hast du herausgefunden warum die hier ist?« »Nein. Sie hat kein Sterbenswort darüber gesagt.« Verächtlich sah sie die junge Frau an, die leicht zitternd in der Nähe von Jonas stand und verloren wirkte. »Ich weiß nicht was Mutter mit ihr vorhat. Aber eines sag ich dir. Ich traue ihr nicht. Was ist, wenn sie uns bei der Polizei verpfeift?« »Hm. Schwer zu sagen«, antwortete Markus ruhig. »Ich glaube nicht, dass sie zur Polizei geht. Das hätte sie auch damals machen können, doch das hatte sie nicht.« Marie sah ihn an. »Ich traue ihr trotzdem nicht über den Weg.« »Du kannst auch gerne von hier verschwinden«, fauchte ihre Mutter ihr von hinten ins Ohr. Marie zuckte vor Schreck zusammen. Sie hatte sie nicht kommen hören und auch nicht damit gerechnet, dass sie belauscht wurden. »Das würde dir so passen«, blaffte sie zurück. »Ich bleibe hier, schließlich stecke ich ja sowieso schon so weit es geht in der Scheiße. Aber trotzdem kannst du uns verraten, warum diese Journalistin da ist.« Frau Mayer ging auf Carolin zu. »Ihr Name ist Carolin und ich habe sie hierher eingeladen, um ebenfalls Rache an Jonas nehmen zu können. Wir alle wissen, dass er sie vor Jahren brutal vergewaltigt und missbraucht hat und er damit davongekommen ist. Schließlich habe ich meinen Teil dazu beigetragen, dass er nicht belangt werden konnte und das möchte ich nun wieder gut machen.« »Aber was ist, wenn sie zur Polizei geht?« Marie verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Ich werde nicht zur Polizei gehen.« Caro meldete sich zu Wort. Ich habe beschlossen das Angebot ihrer Mutter anzunehmen und mich an diesem Dreckskerl zu rächen. Auch wenn Rache nicht immer der richtige Weg ist, fühlt es sich trotzdem gut an, die Wahl zu haben. Also bin ich hier. Und dann werde ich von hier verschwinden. Ich werde weit weg gehen, um mit der Vergangenheit und dem Ganzen hier abschließen zu können. Ich werde mir irgendwo anders ein neues Leben aufbauen, ohne den Ballast weiter mit mir herumtragen zu müssen.« »Ich würde sagen, das reicht als Antwort auf deine Frage«, stellte Frau Mayer fest und sah ihre Tochter bestimmend an. Marie nickte zur Bestätigung mit dem Kopf und gab keinen weiteren Mucks von sich. 

Nach einigen Minuten erwachte gerade rechtzeitig Jonas aus seiner Ohnmacht. Sein Speichel klebte an seinem Kinn und Mundwinkel und er tat sich schwer beim Luftholen. Das Brandmal auf seiner Brust hatte zu eitern begonnen und schmerzte mit jedem Atemzug. Sein Magen krampfte sich nach wie vor bei dem Gedanken an gestern immer wieder zusammen und sein Schädel drohte vor Schmerzen zu explodieren. Nur schwer konnte er seine Augen öffnen und versuchte sich zu orientieren. Langsam begann ihm zu dämmern, wo er sich befand. Es musste sich um das kleine Waldstück hinterm Haus handeln. Er meinte in der Ferne einen Teil des Daches ausnehmen zu können. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Konnte er sich aus dieser misslichen Lage befreien? Oder würde er hier zugrunde gehen? Hier wird so schnell niemand vorbeikommen. Das Grundstück liegt weit draußen und fast niemand weiß darüber Bescheid, dass es in Besitz seiner Familie ist. Plötzlich vernahm er eine ihm sehr vertraute Stimme hinter sich. »Mein Baby ist endlich wach geworden!« Seine Mutter umrundete den Baum und baute sich vor Jonas auf. »Endlich bist du wach! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du deine eigene Party verschläfst!« Tränen der Verzweiflung füllten seine Augen. Seine Familie war endgültig verrückt geworden und er war leider deren Gefangener. »Ach, Schätzchen. Du musst doch nicht weinen. Mami ist hier. Und sieh mal, wen ich dir mitgebracht habe.« Sie hob die Hand und winkte jemanden zu sich. Eine zierliche Frau näherte sich langsam seiner Mutter und Jonas versuchte zu erkennen, um wen es sich handeln könnte. Er musterte die hübsche Frau und meinte zu wissen, dass er sie kannte. Doch er wusste nicht, von wo er sie kannte. Schließlich waren ihm die Frauen immer schon scheißegal. Hauptsache sie machten die Beine für ihn breit. »Hallo Jonas« sagte Carolin leise. »Du kannst dich offenbar nicht mehr an mich erinnern«, stellte sie emotionslos fest. Jonas schüttelte den Kopf. »Offensichtlich warst du jetzt nicht so die Granate, sonst würde ich mich an dich erinnern.« Aufgrund der surrealen Situation musste er ein Kichern unterdrücken. Carolin trat ganz nah an ihn heran und flüsterte: »Du mieses Dreckschwein hast mich vor Jahren brutal vergewaltigt. An das kannst du dich nicht mehr erinnern? Nein? Dann muss ich wohl deiner Erinnerung auf die Sprünge helfen.« Jonas erinnerte sich sofort wieder an jene Nacht. Natürlich konnte er sich an jede Einzelheit erinnern, nur eben nicht an ihr Gesicht. So hübsch war sie nicht gewesen. 

»Und Caro? Hast du dich entschieden?« Carolin nickte Frau Mayer zu. »Ja, das habe ich.« »Sehr schön, sehr schön! Was hast du dir vorgestellt? Können wir dir irgendwie dabei behilflich sein?« Die junge Frau schüttelte sofort den Kopf. »Nein, nein. Das mach ich schon. Ich möchte nur alleine mit ihm sein, bitte. Ist das möglich?« Fragend sah Frau Mayer Carolin an und nickte schlussendlich. »Okay. Wann sollen wir wiederkommen?« »Och. Gebt mir eine Stunde. Mehr brauche ich nicht.« Die anderen verließen den Schauplatz und Caro blieb mit Jonas alleine zurück.

»Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?« Marie schenkte ihrer Mutter eine Tasse dampfenden Kaffee ein und stellte diese auf den Küchentisch. »Ja, danke. Die Nacht war zwar kurz aber wieder bestens.« Marie benötigte keine weitere Erklärung ihrer Mutter. Sie wusste, was sie meinte. Schließlich hatte sie mitbekommen, dass sie um fünf Uhr morgens stock betrunken nachhause gekommen war. »Hier, die Zeitung von heute. Lies mal auf Seite drei.« Marie schob ihrer Mutter die Zeitung zu und setzte sich zu ihr an den Tisch. Frau Mayer schlug die Zeitung auf und begann zu lesen. 

Mann in kleinem Waldstück gefunden

Sonntag Früh wurde von einem Wanderer und seinem Hund ein toter Mann in einem kleinen Waldstück gefunden. Er wurde an einen Baum gefesselt gefunden. Sein Brustkorb war aufgeschnitten und die Weichteile entfernt worden. Überreste davon wurden neben der Leiche gefunden. Ebenso wurden dem Mann seine Genitalien brutal abgeschnitten. Es wird vermutet, dass sich wilde Tiere an den Überresten zu schaffen gemacht hatten. Ersten Gerüchten zufolge dürfte es sich bei dem Toten um Jon F. May handeln. Dieser war vor drei Wochen spurlos verschwunden. Er war Bestsellerautor und lebte alleine. Die Polizei tappt bezüglich der Identität des Mörders bis jetzt im Dunkeln.

Frau Mayer seufzte, legte die Zeitung wieder auf den Tisch, nahm einen Schluck Kaffee und sagte: »Wenigstens verabschieden hätte sie sich können, die Caro.«




*** ENDE ***




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