09. Kapitel - Vergangenheit und Zukunft


So wurde entschieden - A: Es handelt sich um Jonas Schwester.

»Hast du alles verstanden?« Fragend hob sie die rechte Augenbraue und bedachte das junge Mädchen mit einem strengen Blick. Erleichtert seufzte es auf und nickte so heftig mit dem Kopf, dass das schwarze zu einem Pferdeschwanz gebundene Haar auf und ab hüpfte. »Gut. Und denke immer daran. Nichts gibt einem ein schöneres Gefühl, als dünn zu sein.« Maria Mayer fischte sich einen vergoldeten Füller aus der kleinen Dose vor ihr und unterschrieb das ärztliche Attest. »Hiermit bist du hochoffiziell kerngesund, meine Liebe. Top fit für Size Zero. Wenn du dich anstrengst und täglich nicht mehr als fünfhundert Kalorien zu dir nimmst, wird das bestimmt ganz schnell werden.« Mit großen Augen blickte das junge Mädchen Marie an und hing wie gebannt an ihren Lippen. Sie konnte es nicht glauben, dass sie endlich eine Ärztin gefunden hatte, die ihre Meinung bestätigte. Fett sein ist ekelhaft und fette Menschen werden niemals erfolgreich sein. Insgeheim hatte sich das dreizehnjährige Mädchen bereits vorgenommen, ebenfalls wie diese Ärztin Psychologin zu studieren. Dann würde sie ebenfalls jungen Mädchen dabei helfen, schlank zu werden und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie würde jedem der Frauen und Mädchen das Gefühl geben, richtig und gesund zu sein.

»Hallo?« Caro schaute auf und war überrascht Benno um diese Uhrzeit noch im Büro anzutreffen. »Benno. Ich habe dich gar nicht kommen gehört«, sagte sie überrascht und legte das Buch von Jon F. May auf ihrem Schreibtisch ab. »Ich habe gefragt, wann ich mit der fertigen Interview-Reihe rechnen kann.« Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen. Offenbar traute er Carolin nicht über den Weg, ob sie ihr Versprechen einhalten konnte. »Keine Sorge, Benno. Morgen Abend habe ich das letzte Treffen mit Frau Mayer. Sie will das Interview zuvor nochmals sichten, ob ich auch alles korrekt wiedergegeben habe. Und dann werden noch ein paar Kleinigkeiten angepasst werden müssen, doch im Großen und Ganzen wirst du deine Artikel spätestens Montagmorgen auf deinem Schreibtisch haben. Nun ja, besser gesagt, im E-Mail-Postfach.« Caro sah ihn an und grinste. Sie hoffte mit diesem zugegeben schlechten Witz, seine Zweifel ein bisschen eindämmen zu können und die angespannte Situation aufzulockern. Benno rang sich zu einem Lächeln durch und trotzdem konnte er seine Zweifel nicht verbergen. Laut seufzte er auf. »Caro, ich hoffe, dass die Interviewreihe wie eine Bombe einschlagen wird. Wir müssen unsere Verkaufszahlen in die Höhe treiben.« »Wird schon gut gehen, Chef.« Die junge Frau nickte energisch, um das Gesagte aussagekräftig damit zu untermauern. »Warum bist du eigentlich um diese Uhrzeit noch hier?«

Ihr Chef sah verlegen zu Boden. Seine Gesichtsfarbe wechselte von bleichem Weiß zu dunkelrotem Purpur. »Um ehrlich zu sein«, antwortete er leise: »ich schlafe derzeit sehr wenig. Und bevor ich mich zuhause im Bett hellwach hin und her wälze, komme ich lieber in die Arbeit.« Cora stand auf und sah ihn besorgt an. »Was ist denn bei euch zuhause los? Muss ich mir Sorgen um dich machen?« Sie war selbst davon überrascht, dass sie sich offenbar tatsächlich Sorgen um ihren Chef machte. Mochte sie ihn doch mehr, als sie sich eingestehen wollte? In Wahrheit ist es doch verständlich, schließlich arbeitete sie schon seit acht Jahren mit ihm zusammen. Der Abschied wird ihr schwerfallen, auch wenn sie es sich derzeit nicht eingestehen wollte. Doch sie musste die Vergangenheit nun endlich hinter sich lassen und neu anfangen. Lange hatte sie darüber nachgedacht und sie hatte beschlossen, dass nun die Zeit gekommen war. Die Zeit um alles Vergangene loszulassen, abzuschließen, sich umzudrehen und nie wieder zurückzublicken. Bennos Räuspern holte Carolin wieder in die Gegenwart zurück. »Meine Frau hat mich verlassen.« Er räusperte sich ein zweites Mal. »Vor vier Monaten hatte sie heimlich ihre Koffer gepackt und ist mit unserem Sohn zu ihren Großeltern nach Deutschland abgehauen. Seitdem habe ich meinen Kleinen nicht mehr gesehen.« Er bemühte sich, dass sich seine Stimme nicht überschlug. Carolin war der erste Mensch, dem er die Geschichte erzählte. Nicht einmal seine Mutter wusste davon.

»Wie bitte?« Caro konnte es nicht glauben. Ihr war zwar klar, dass mit ihrem Chef irgendetwas nicht in Ordnung war, doch jetzt wo sie es aus seinem eigenen Mund hörte, wurde ihr so einiges klar. Deswegen hatte er bestimmt auch wieder begonnen zu rauchen und dies war auch der Grund warum sein Büro einem Chaos glich. »Benno. Es tut mir so leid.« »Schon gut. Ich muss mich der Wahrheit stellen und von vorne beginnen. Ich möchte die Scheidung einreichen und um meinen Sohn kämpfen.« Bestimmt hob er seinen Kopf und straffte die Schultern. »Das musst du unbedingt machen. Niemand hat das Recht, dir den Kontakt mit deinem Sohn zu verbieten. Nicht einmal seine Mutter«, antwortete Caro rasch. Die beiden führten für Caros Empfinden zum ersten Mal ein sehr gutes Gespräch miteinander. Als sich Benno gefangen hatte beschloss er sich auf den Heimweg zu machen und wünschte ihr ein schönes Wochenende. Danach schnappte er sich seine Jacke und machte sich auf den Weg nach Hause. Zum Abschied sah sie Benno aus dem Fenster noch einen Augenblick nach. »Alles Gute für die Zukunft, Benno«, flüsterte sie leise und räumte ihren Schreibtisch. Zuerst packte sie ihre persönlichen Sachen in ihre Tasche und zum Schluss schnappte sie sich das zweite Buch von Jon F. May und klemmte es sich unter den Arm. Ohne nochmals zurückzusehen zog sie die Bürotür hinter sich zu und verließ das Gebäude.

Tränen liefen ihm still über seine Wangen. Wie konnte er das nur zulassen? Wie konnte er ihm das antun? Jonas war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Früher hatte er sich öfters gefragt, wie es wohl sein würde, vergewaltigt zu werden. Und immer wieder kam er zu dem Entschluss, dass es nicht so schlimm sein könnte. Vergewaltigte Frauen wollten der Wahrheit nicht ins Auge sehen und zugeben, dass es ihnen eigentlich gefallen hatte. Schnell wäre ihr Ruf als gutes Weibchen dahin, doch insgeheim wünschten sie sich doch alle, richtig hart rangenommen zu werden. So dachte er bis vor Kurzem, doch die beiden Männer haben ihn eines Besseren belehrt. Immer wieder missbraucht und gedemütigt zu werden ist das Schlimmste, dass einem im Leben passieren kann. Sogar Markus sah man an, dass er Jonas Schreie und flehen um Gnade fast nicht mehr ertrug. Umso erleichterter war er, als plötzlich Marie, Jonas Schwester, in den Raum platzte. »Macht ihn mir nicht kaputt. Ich brauche ihn auch noch.« Sie wedelte mit ihren dünnen Ärmchen vor ihrem Gesicht herum. Sie fing an zu lachen und klatschte zweimal in die Hände. »Los, los, Leute, kommt nur herein.« Seine Schwester wirkte wie ein dreizehnjähriges aufgeregtes Schuldmädchen, als mehrere grimmig dreinblickende Männer mit Tabletts voller Essen den Raum betraten. »Ihr zwei, verschwindet. Mein Bruder muss jetzt etwas essen. Er braucht seine Stärkung. Die Bezahlung bekommt ihr bei meiner Mutter.« Sie deutete auf die beiden Vergewaltiger welche sich sofort zurück zogen und rasch den Raum verließen.

Dann wartete sie ab bis die anderen Männer die vielen Tabletts voller Nahrungsmittel auf dem großen Tisch abstellten. Zwei der Männer banden Jonas von dem Metallgestell los und begleiteten den geschwächten Mann zu dem von Marie zurecht gerückten Stuhl. Vorsichtig ließ sich Jonas auf dem Stuhl nieder und schnitt aufgrund der vorherrschenden Schmerzen gequälte Grimassen. Jonas begann zu weinen, verschränkte seine Arme vor der Brust und kauerte sich wie ein Häufchen Elend zusammen. »Bitte lasst mich doch gehen«, schluchzte er vor sich hin. »Ich habe doch schon genug gelitten. Bitte!« Er spie die Worte wütend und frustriert aus. »Verdammt noch mal. Ich habe genug ertragen. Ich kann nicht mehr. Lasst mich gehen.« »Das ist das Problem mein geliebter Bruder. Jeder von uns braucht einen Abschluss und ich habe meinen noch nicht bekommen. Erst wenn ich mit dir fertig bin, darfst du dich verabschieden. Erst dann werde ich nicht mehr zurückblicken und die Vergangenheit endlich loslassen. Doch jetzt wird erst mal gegessen. Und zwar ordentlich. Also iss!« Marie stellte sich neben ihn. Jonas schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Hunger. Ich will einfach nur gehen.« Seine Schwester beugte sich zu Jonas hinab und flüsterte drohend in sein Ohr: »Du wirst so lange essen bis ich sage, dass es genug ist. Und danach wirst du dir deinen Finger in den Hals stecken und alles wieder auskotzen. Danach wirst du weiter essen. Und wieder kotzen. Und wieder essen. Solange bis ich sage, dass es genug ist. Solange bis ich entschieden habe, dass du endlich weißt wie man sich als der Mensch fühlt, den man zutiefst hasst und verurteilt. Ich will, dass du fühlst wie ich fühle. Und wenn du es nicht selbst schaffst dich zu übergeben, werden dir die beiden netten Herren dabei behilflich sein und dir ihren Finger solange in deinen Hals rammen, bis du nicht mehr anders kannst als zu kotzen. Verstanden?«

Jonas Tränen waren versiegt und es war nichts Anderes mehr vorhanden als das Gefühl der Ohnmacht. Er wusste, dass er nicht fliehen konnte und ihm war bewusst, dass ihm nichts Anderes überblieb, als zu essen und sich zu übergeben. Mit diesem Wissen griff er zu einem Stück Brot, biss davon ab und kaute langsam. Maria beschloss nach einigen Minuten, dass ihr das Spektakel zu langsam ging und animierte die Männer dazu, Jonas dabei zu helfen. Sie steckten ihm sämtliche Lebensmittel in dem Mund, zwangen ihn, es zu schlucken indem sie ihm die Nase und den Mund zu hielten. Und die beiden hatten sichtlich Spaß dabei. Maria war zufrieden mit ihren Handlangern. Sie machten ihre Arbeit mehr als gut. Und sie bewiesen Kreativität, indem sie Jonas das Erbrochene nochmals essen ließen. Das wäre ihr nie eingefallen und deswegen beschloss sie, dass die beiden nach getaner Arbeit ein großes Trinkgeld verdient hatten. Nach mehreren Stunden ließen sie von ihrem Opfer ab, befreiten ihre Kleidung von Essensresten und versehentlich auf ihnen gelandete Kotze, verabschiedeten sich freundlich von Markus und verließen gemeinsam mit ihr den Raum. Markus war die ganze Zeit lang geblieben. Er konnte zwar nicht immer hinsehen, doch er hatte das Gefühl, dass er Jonas nicht alleine lassen wollte. Schließlich liebte er ihn noch immer. Doch nun wusste er, dass seine Zeit gekommen war. »Es tut mir so leid, Jonas. Es ist sehr traurig, dass es so kommen musste. Doch leider hatten wir keine andere Wahl.« Er stand auf und ging zur Tür. Kurz bevor er sie hinter sich zuzog drehte er sich nochmals zu Jonas um. »Leb wohl, Jonas.« Danach verließ er den Raum und der gequälte Mann blieb alleine zurück. Doch er bemerkte es nicht mehr. Er war zu erschöpft und sank noch immer an den Stuhl gefesselt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


Wie soll es weiter gehen?

A: Er wird im Wald an einen Baum gefesselt wach.
B: Jonas erwacht auf dem Stuhl, auf dem er eingeschlafen war.

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Das Formular ist bis 14.10.2018 um 20:00 Uhr geöffnet.




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