07. Kapitel - Die rechte Hand


So wurde entschieden - A: Jonas unterschreibt ohne zu zögern.

»Wahnsinn! Toll! Spitzenmäßig! Du bist eine Granate!« Benno stand kurz vor einem Herzversagen. Zumindest benahm er sich gerade so. »Ich fasse es nicht, dass du das geschafft hast! Ganz ehrlich. Diese Frau ist eine Löwin, die ihr Revier verteidigt. Und trotzdem hast du es irgendwie geschafft ihr Vertrauen zu gewinnen!« Benno hielt die endgültige Version des ersten Artikels von Carolin in seinen klobigen Händen und bekam vor Staunen seinen Mund nicht zu. »Erzähl mir dein Geheimnis! Wie hast du es geschafft, dass Frau Mayer dir vertraut?« Gespannt blickte er sie an und war davon überzeugt, dass sie ihm all ihre Tricks verraten würde. Er hat sich immer schon gewundert, wie diese kleine, unscheinbare Person es schaffte, zu jedem Menschen Vertrauen aufbauen zu können. Ihm vertraute damals, als er noch ein Kind war, nicht einmal sein eigener Hund. Kurz musste er daran denken, wie sehr er es als Vergnügen empfand, dem kleinen Terriermix das Ohr abzuschneiden. Er hatte es nie jemandem erzählt und das wird auch nicht passieren. Dieses Geheimnis wird er mit in sein Grab nehmen. Carolin saß Benno gegenüber und beobachtete seinen geistesabwesenden Gesichtsausdruck, der sich schlagartig verändert hatte. Was wohl in seinem Kopf gerade vor sich ging? Es wird aber bestimmt besser sein, wenn ich nicht alles weiß. 

Gerade als sie ihre eigenen Gedanken vernahm, kam Benno wieder ins Hier und Jetzt zurück, zündete sich eine Zigarette an und stand aus seinem Bürostuhl auf. Er öffnete das Fenster und blies die Rauchschwaden hinaus. Als Caro ihm noch immer keine Antwort gegeben hatte, hakte er nach: »Komm schon. Sag mir dein Geheimnis.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe kein Geheimnis.« »Aber irgendetwas musst du doch gemacht haben, um Frau Mayer umstimmen zu können. Und sag mir nicht, du hast nett darum gebeten. Das glaube ich dir sowieso nicht.« »Benno. Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Ich habe kein Geheimnis.« In diesem Moment blitzten in ihren Gedanken Bilder auf. Nackte Körper, die sich in einem großen Bett räkeln. Die angespannten Muskeln von Nick, während er sie nahm. Leicht nervös rutschte Caro in ihrem Stuhl hin und her. Sofort fiel ihr Sarah ein. Ihre Sarah, die sie lieben gelernt hatte. Sollte sie ihr diese Nacht beichten? Würde sie es verstehen oder Caro verlassen? Wäre diese Tatsache wirklich so schlimm? Sie wäre dann zumindest wieder frei für Nick. »Kein Geheimnis! Gut, wie du meinst!« Bennos laute Stimme riss sie aus ihren Gedanken und sie war irgendwie froh darüber. Sie wollte noch nicht über diese Angelegenheit nachdenken.

Die junge Frau blickte auf ihre Armbanduhr. 11:36 Uhr. Dankbar und erleichtert stand sie auf. »In genau einer Woche bekommst du den nächsten Teil des Interviews. Ich muss jetzt los.« Mit diesen Worten verschwand sie aus Bennos Büro, schnappte sich ihre Handtasche von ihrem Schreibtisch und verließ die Redaktion. Eine viertel Stunde später parkte sie eine Seitenstraße entfernt von Ricco‘s Restaurant, das Lieblingsrestaurant von Sarah. Während Carolin die Seitenstraße entlang lief, verfluchte sie sich, dass sie sich heute Morgen für die Schuhe mit den höchsten Absätzen entschieden hatte. Ich dumme Gans. Zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. Sie stöckelte so schnell sie nur konnte in Richtung des Restaurants und dachte dabei wieder darüber nach, ob sie es Sarah heute beichten sollte.

»Carolin! Wie schön, dich mal wieder zu sehen! Sarah ist bereits da und wartet auf dich.« Ricco, der Chef persönlich, empfing die junge Frau überschwänglich und begleitete Carolin zu ihrem Tisch. Der kleine Mann mit seinem etwas größeren Bauchansatz rückte ihr den Stuhl zurecht und glättete mit seinem Handrücken das weiße Tischtuch. »Was kann ich euch Hübschen bringen? Gibt es etwas zu feiern?« »Bring uns eine gute Flasche Weißwein. Ich vertraue da voll und ganz auf dich.« Sarah lächelte ihn an und der Mann verschwand in Richtung Theke. Danach wendete sie sich an ihre Freundin: »Schön, dass du es geschafft hast.« »Ist doch klar«, antwortete sie leicht außer Atem. »Und ich habe großen Hunger mitgebracht.« Nachdem Ricco die Flasche Wein serviert und die Essensbestellung aufgenommen hatte, blieben die beiden Frauen für eine Zeit lang ungestört. »Gibt es einen bestimmten Grund für dieses Mittagessen?« »Ja. Wir sehen uns in letzter Zeit kaum noch.« Caro senkte schuldbewusst ihren Kopf. »Es tut mir leid. Die Arbeit nimmt mich derzeit so in Beschlag. Gib mir noch ein paar Wochen und dann wird es wieder besser. Versprochen.« »Ein paar Wochen?«, wiederholte sie ihre Antwort und sah sie dabei entsetzt an. »Ich vermisse dich.« »Ich weiß. Es tut mir auch leid, Sarah.« Plötzlich läutete Carolins Handy. Sie fischte es aus der Tasche und bedankte sich insgeheim über die willkommene Ablenkung.

Ein Blick auf das Display verriet ihr, dass es wichtig war. »Entschuldige bitte, da muss ich kurz ran gehen.« Ohne auch nur die Antwort von ihrer Freundin abzuwarten nahm sie das Gespräch entgegen. »Hallo, Frau Mayer. Muss das jetzt sein? Okay. Ja, ich weiß, dass ich es versprochen habe. Ich kann in einer Stunde da sein. Bis dann.« Caro beendete das Telefonat und seufzte. Sie blickte Sarah in die Augen. »Es tut mir so leid. Ich muss etwas erledigen. Ich habe es versprochen.« Enttäuscht winkte Sarah ab. »Geh und tu was du als neue rechte Hand von ihr nicht lassen kannst. Mal sehen, ob ich in ein paar Wochen noch da bin.« Sarah stand ohne ein weiteres Wort auf und verließ ohne sich nochmals umzudrehen das Restaurant.

»Unterschreibe jetzt diesen verdammten Brief!« Markus wurde immer wütender. Es war immer schon ein leichtes für Jonas, ihn zur Weißglut bringen zu können. Er ist und bleibt eben ein schwacher, ungeduldiger, schwuler Arsch. Jonas musste lachen. Er fühlte sich wieder wie der Sechzehnjährige, der ihm seine erste Freundin ausgespannt hatte und er erinnerte sich amüsiert daran, als Markus wie ein Häufchen Elend in der Ecke saß und heulte. »Was gibt es jetzt zu lachen?« Sein ehemaliger Freund funkelte ihn aus hasserfüllten Augen an. »Ach, nichts. Ich musste nur an die eine oder andere Party in jungen Jahren denken. Wir hatten doch immer viel Spaß, richtig?« Er grinste ihn an und wartete auf seine Reaktion. Doch diese war anders, als er gedacht hatte. Markus setzte blitzschnell den Elektroschocker an Jonas Brust und drückte ab. Der Stift, den er ihm kurz zuvor in die an die Armlehne gefesselte Hand gedrückt hatte, flog in hohem Bogen auf die andere Seite des Kellerraumes. Ihm stockte der Atem und er fühlte sich so, als ob er kurz davor wäre, in Ohnmacht zu fallen. »Arschloch«, keuchte er schwer. Markus hob den Stift vom feuchten Boden auf, steckte ihn wieder in die Hand von Jonas und hielt ihm wieder den Brief hin. »Unterschreibe!«

Die Schmerzen in seiner Brust ließen nur langsam nach. »Sag mir erst, was ich denn hier unterschreiben soll.« »Dein Geständnis, das junge Mädchen damals auf der Party stundenlang festgehalten und mehrmals vergewaltigt zu haben.« »Idiot. Das ist doch schon mehr als zehn Jahre her und deswegen bereits verjährt. Die Polizei kann mich deswegen nicht mehr belangen.« Er musst wieder über die Dummheit seines ehemaligen Freundes lachen und setzte seine Unterschrift auf das Stück Papier, das ihm vor die Nase gehalten wurde. »Warte nur ab, wenn ich wieder zuhause bin. Dann schreibe ich den nächsten Bestseller und da wirst du als schwuler, idiotischer Entführer echt gut in Szene gesetzt werden. Und dass du mir dabei zugesehen hast, als ich der kleinen Schlampe das Gehirn raus gevögelt habe. Das verspreche ich dir!« »Und ich verspreche dir, dass du so einfach nicht mehr schreiben kannst und ich werde dein Geständnis in einer Tageszeitung veröffentlichen lassen.« »Ach! Jetzt bekomme ich richtig Angst. Und was willst du dagegen machen, dass ich einen Roman über dich schreibe?«

Markus ballte vor Wut seine Fäuste. Er hatte gehofft, dass ihn der Brief ordentlich Angst machen würde, doch offenbar war es ihm gleichgültig ob jemand von seinem Verbrechen erfahren würde. Markus drehte sich um und verließ den Raum. »Feigling!«, schrie ihm Jonas hinterher. »Du warst schon immer eine schwule, feige Sau!« Markus drehte sich wutentbrannt um, schnappte sich den Baseballschläger, den er an die Wand gelehnt hatte und schlug mehrmals auf Jonas rechte Hand ein. Er meinte zwischen den Schreien seines Opfers jeden einzelnen Knochen brechen zu hören. Immer wieder schmetterte er den Schläger auf seine Hand und immer wieder schrie er die gleichen Worte. »Du wirst nie wieder etwas schreiben!« Nach einigen Minuten ließ er von Jonas ab und bemerkte, dass er in seinem Rausch nicht nur seine Hand sondern offenbar auch seine Kniescheiben zertrümmert hatte. Erst jetzt bemerkte er, dass Jonas in Ohnmacht gefallen war, da er keinen Mucks mehr von sich gab. »Scheiße«, sagte er außer Atem. In diesem Moment betrat Jonas Mutter den Raum. »Ach du lieber Himmel! Ich hoffe, du hast ihn nicht umgebracht!«

Erst am nächsten Tag wurde Jonas aufgrund seiner ausgetrockneten Kehle wach. Er brauchte Minuten, bis er sich orientieren konnte.


A: Er befindet sich am Boden liegend im selben Raum.
B: Er wird in einem anderen Raum an ein Metallgerüst gefesselt wach.

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Das Formular ist bis 16.09.2018 um 20:00 Uhr geöffnet.




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