03. Kapitel - Eins, Zwei, Drei


So wurde entschieden - B: Er entscheidet sich für das Fenster.

Nervös zupfte sie an ihrem rechten Ärmel der hellblauen Bluse. Sie hoffte inständig, dass er ihr nicht die Kündigung aussprach, nachdem ihre Titelstory gedruckt wurde. Sie hatte das Gefühl, dass sie nicht wirklich den Geschmack ihres Chefs getroffen hatte. Und ihre Vergangenheit hatte ihr bestimmt den einen oder anderen Streich gespielt, sodass sie den verschwunden Autor vielleicht in einem eher schlechten Licht dastehen hatte lassen. Ihr Blick schweifte durch das unordentliche Büro ihres Chefs. Sie stellte sich immer wieder die Frage, wie man in so einem Chaos arbeiten und sich konzentrieren konnte. Das war ihr völlig schleierhaft. Carolin hatte zwar keinen Ordnungswahn, doch Unordnung konnte sie trotzdem nicht leiden. Sie fragte sich, was ihren Chef so derart belastet, dass sich dies sogar im Außen zeigte. Damals in ihrer Ausbildung hatte sie gelernt, dass das nähere Umfeld auf das Innenleben des Menschen schließen lässt. Wäre das Büro ordentlich, dann wäre dies auch sein psychischer Zustand. Doch Carolin war klar, dass ihm einiges auf seiner Seele brannte. Ihr Blick blieb an dem kleinen Bilderrahmen aus dunklem Holz hängen. Das Bild zeigte eine glücklich lachende Frau mit einem zirka zweijährigen Kind im Arm. Ihr blonden langen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und lässig nach vorne über ihre rechte Schulter gelegt. Der kleine Junge hatte dunkleres Haar und sein Shirt war mit Schokoladeneis bekleckert. Auch er strahlte in die Kamera.

»Hervorragend! Ich bin stolz auf dich!« Carolin zuckte vor Schreck zusammen und drehte sich in Richtung Tür. »Hallo Benno.« Ihr Chef steuerte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und grinste über sein ganzes Gesicht. »Lass dich drücken, Kleines!« Mit diesen Worten umarmte er sie mit aller Kraft und Carolin erstarrte unter seiner Berührung. Sie spürte die aufkommende Panik, schloss sofort ihre Augen und begann in Gedanken zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Benno klopfte unsanft auf ihren Rücken und entließ sie danach sofort aus seiner Umarmung. Überrascht öffnete sie ihre Augen und atmete erleichtert aus. Sie hatte damit gerechnet, dass die Umarmung länger dauern würde. Benno umrundete mit sicherem Schritt seinen Schreibtisch und ließ sich euphorisch in seinen Stuhl fallen. Er öffnete die Schreibtischschublade, fischte ein verdrücktes Päckchen Marlboro heraus und zündete sich eine Zigarette an. Währenddessen er seine Füße auf den Schreibtisch legte, hing die qualmende Zigarette in seinem Mundwinkel. »Kleines, ich habe großartige Nachrichten für dich. Die Auflagezahl der Sonntagsausgabe hat sich verdoppelt und das alles nur wegen deiner genialen Titelstory. Du hast diesen Typen zwar als Opfer dastehen lassen und trotzdem hatte man das Gefühl, dass du ein Geheimnis über ihn weißt, welches du nicht preisgeben willst.« Er nahm die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und zog das Nikotin tief in seine Lunge auf. Dabei schloss er seine Augen.

Carolin wusste nicht, ob sie etwas antworten sollte und was sie sagen sollte. Sie räusperte sich: »Ähm. Danke, Benno. Das freut mich.« Skeptisch musterte sie seinen Gesichtsausdruck und versuchte, seine Gedanken zu erraten. Ihr kam der Verdacht, dass er aus dieser Story mehr machen wollte und sie hoffte inständig, dass sie sich täuschen würde. Benno sagte kein Wort, hatte noch immer seine Augen geschlossen und genoss seine Zigarette. Nach einer kleinen Ewigkeit des Schweigens schwang er ohne Vorwarnung seine Beine vom Schreibtisch, setzte sich ruckartig mit geraden Rücken in seinem Stuhl auf und sah sie mit großen Augen an. »Ich habe eine grandiose Idee!« Bitte nicht. Dieser Gedanke kreiste in Carolins Kopf flehend umher. Bitte nicht. »Du schreibst eine mehrteilige Story über Jon F. May.! Was hältst du davon?« Benno strahlte sie an, als ob er die beste Idee in seinem Leben hatte. Oh nein! Ich hatte es geahnt! Ihr Boss strahlte sie an. »Ich stelle mir das grandios vor! Eine zehnteilige Serie über das Leben und Wirken von Jon F. May. Wie lebt er? Wo war er aufgewachsen? Wie war seine Kindheit? Hatte er Feinde? Hat er Leichen im Keller?« Benno stand auf und ruderte mit seinen Armen durch die Luft, während er sämtliche Ideen aufzählte. Nach einem viertelstündigen Monolog blieb er vor Carolin stehen. »Was ist los mit dir? Warum sagst du nichts dazu?« Sie setzte einen trotzigen Gesichtsausdruck auf. »Weil ich bei dir sowieso nicht zu Wort kommen würde. Also sage ich lieber gar nichts.« »Na, na! Wer wird denn wohl zickig werden? Ich dachte genau das wolltest du immer? Eine richtig große Story mit allem was dazu gehört!« Er schüttelte enttäuscht seinen Kopf. »Ihr Frauen seid doch alle gleich. Zuerst wollen sie alles und plötzlich wird es ihnen zu viel und sie fangen an, herum zu zicken.« »Das ist doch gar nicht wahr! Mir wird es nicht zu viel! Es ist nur …« »Was nur? Sprich schon!« Wütend schlug er mit seiner Faust auf die Tischplatte und baute sich danach wieder vor ihr auf. »Ich höre«, sagte er in einem ermahnenden Tonfall. Carolin wusste nicht was sie noch erwidern konnte, ihr fiel so spontan keine Ausrede ein warum sie die Serie nicht schreiben konnte. Und Benno hatte Recht. So eine Gelegenheit würde sich ihr nie wieder bieten, denn wenn sie ablehnen würde, wäre ihre Karriere gelaufen.

Vorsichtig und in leicht geduckter Haltung bewegte er sich auf das Kellerfenster zu. Trotzdem behielt er auch den restlichen Raum und vor allem die verschlossene Tür im Auge. Er wollte nichts riskieren und vielleicht bei seinem Fluchtversuch überrascht werden. Er stellte sich unter das gerade einmal fünfzig mal vierzig Zentimeter kleine Fenster, welches sich zirka in seiner Kopfhöhe befand. Die vier Glasscheiben waren schmutzig und verschmiert, sodass er sich schwer tat, etwas durch die Scheiben zu erkennen. Er wischte mit seinem Ärmel über das schmutzige Glas, in der Hoffnung einen besseren Durchblick zu erhalten. Er meinte ein dichtes Waldstück zu erkennen, welches er für seinen Fluchtversuch für sehr wertvoll hielt. Ein perfekter Ort um sich dort eine Zeit lang zu verkriechen und zu verstecken. Jetzt muss ich nur noch hier raus. Jonas legte sich gerne Pläne zurecht. »Deinen Feinden immer einen Schritt vor zu sein, kann einem das Leben retten oder eben manchmal schöner gestalten«, pflegte er auch schon als junger Mann zu sagen. Nur schmiedete er damals nicht nur Pläne für sich selbst, sondern auch für seine Freunde und Geschwister. Doch das hatte sich im Laufe der Jahre geändert. Er war egoistisch, ignorant und ein Arschloch geworden. Zumindest behaupteten das alle. Er sah das Ganze ein bisschen anders. Doch darüber wollte er gerade nicht nachdenken. Er musste zusehen, dass er hier raus kam. Er brauchte einen Plan und musste sich darauf fokussieren und konzentrieren.

Er trat ganz nah an das kleine Fenster heran und betrachtete es genau. Es handelte sich dabei um ein sehr altes Baujahr. Der braune Lack war bereits an den meisten Stellen abgeblättert und offenbarte damit, dass es sich um einen Holzrahmen handelte. Die vier kleinen Glasscheiben wurden von einem bereits marod wirkenden Fensterkreuz gehalten. Jonas prüfte die Standhaftigkeit der Scheiben, indem er vorsichtig dagegen drückte. Er bemerkte, dass sie nicht mehr ganz so fest im Fensterkreuz saßen und schlug, ohne darüber nachzudenken, mit der bloßen Faust die Scheiben nacheinander ein. Er spürte wie sich das warme Blut über seine Hand verteilte und der brennende Schmerz sich langsam ausbreitete. Doch jetzt war es schon zu spät. Er hatte damit angefangen und musste nun weiter machen. Nach einiger Zeit konnte er auch das Fensterkreuz mit einem lauten Knacken aus dem Rahmen reißen. Er hoffte, dass ihn niemand gehört hatte und dadurch sein Fluchtversuch vereitelt wurde. Da es auch nach einigen Minuten nach wie vor still war, streckte er seine Arme aus und steckte sie durch das Loch. Er hielt sich an der Mauerkante fest und zog sich mit aller Kraft hoch. Jonas steckte seinen Kopf durch und schaffte es, seinen Oberkörper hoch zu ziehen.

Plötzlich standen zwei Rottweiler mit gefletschten Zähnen vor dem Fenster und knurrten ihn aus tiefster Kehle an. Speichel tropfte auf seine blutende Hand und ihm schien in diesem Moment das Herz stehen zu bleiben. Die beiden Hunde starrten in seine Augen und er konnte sogar deren warmen Atem auf seinem Gesicht spüren. Das Knurren wurde immer lauter und Jonas überfiel die Panik. Er ließ die Mauerbank los uns ließ sich zurück in den Kellerraum fallen. Genau in diesem Moment versuchte ein Rottweiler in seine Hand zu beißen, doch er erwischte ihn nur mehr kurz mit seinen Zähnen und riss ihm dadurch eine Schnittwunde auf seinem Handrücken noch weiter auf. Das Blut begann wieder schneller zu fließen und Jonas wurde kurz schwindelig. Er drückte auf die Wunde und kauerte sich unter dem Fenster auf den Boden während oben die Hunde durch das offene Loch bellten und knurrten. Nach einiger Zeit war es ruhig geworden. Die Hunde hatten aufgehört zu bellen, doch er traute dem Frieden nicht. Langsam stand er auf und sah vorsichtig über die Fensterbank. Die beiden Hunde lagen vor dem Fenster und dösten vor sich hin. Doch als sie bemerkten, dass er sich dem Fenster näherte, hoben sie ihren Kopf und begannen wieder leise zu knurren. »Verdammt«, zischte Jonas leise. »Scheiß Köter.«

Der Mann sah zur Tür und ihm kam ein irrsinniger Gedanke. Was, wenn die Türe gar nicht versperrt war? Er konnte sich nicht sicher sein, denn er hatte es nicht überprüft. Langsam robbte er der Mauer entlang in Richtung Tür, sodass die Hunde ihn nicht sehen konnten. Als er an seinem Ziel angekommen war, nahm er vorsichtig die Türklinke in die Hand und drückte sie runter. Es folgte ein leises Knacken und die Tür öffnete sich langsam einen kleinen Spalt. Idioten! Nicht einmal das bekommen sie richtig hin! Jonas lachte leise in sich hinein, doch er musste sich selbst maßregeln, damit er nicht unachtsam wurde. Er sah durch den Spalt und erkannte gegenüber eine Treppe, die offensichtlich seine Freiheit bedeutete. Da er nicht wusste, wohin diese Treppe tatsächlich führte, war es ein Risiko. Doch er musste es eingehen, denn er wollte hier nicht länger bleiben. Starke Aufregung machte sich in ihm breit, Angst drückte auf seine Brust und schnürte ihm die Kehle zu. Er nahm wieder die Türklinke in die Hand und schloss kurz die Augen. In Gedanken begann er langsam zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Er öffnete die Augen, riss die Tür auf und rannte los, nur um kurz darauf einen Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen. Ihm wurde schwarz vor Augen.


Wie geht es weiter?

A: Er kommt im Kellerraum wieder zu sich.

B: Er wird im Wald an einem Baum gefesselt wach.

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Das Formular ist bis 15.07.2018 um 20:00 Uhr geöffnet.





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