02. Kapitel - Spiel mit mir


So wurde entschieden: Es löst sich eine Fessel

Er bemerkte nicht, dass die Seile nicht mehr so tief in sein Fleisch schnitten. Das Blut hatte bereits vor Stunden seine Finger und Arme verlassen. Seine Arme hingen taub über seinem Kopf. Schon am Anfang, als er sein Bewusstsein wiedererlangte, wollte er versuchen sich zu befreien. Doch es gelang ihm nicht. Seine Peiniger hatten dafür gesorgt, dass ihm dies nur sehr schwer möglich war. Er befand sich am Boden sitzend und mit dem Rücken zur Wand. Seine Arme wurden jeweils am Handgelenk über seinem Kopf gefesselt und an einen rostigen, alten Metallring gebunden. Seine Beine waren angewinkelt und am Boden angekettet. Ein Aufstehen war zwar theoretisch möglich, doch kostete es ihm sehr viel Kraft, die er zu dieser Stunde einfach nicht mehr hatte.

Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Immer wieder musste er an das Buch denken, dass er zusammen mit dieser edlen Einladung geschickt bekommen hatte. Die Geschichte faszinierte ihn. Gleichzeitig stieß sie ihn auch ab. Es war wie bei ein Autounfall, bei dem man einfach nicht wegsehen konnte. Noch vor einigen Stunden saß er in seinem Wohnzimmer, las dieses Buch und genoss dazu ein Glas Wein. Zugegeben. Er konnte sich nicht mehr so richtig daran erinnern, ob er nicht doch die gesamte Flasche ausgetrunken hatte. So war das immer bei ihm. Jedes Mal nahm er sich vor, nur ein Glas zu trinken und es endetet immer in einem Vollrausch.

Jonas zwang sich dazu, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen und versuchte, seine Finger zu bewegen. Er wollte gegen die bereits beginnende Taubheit in seinen Händen ankämpfen. Langsam begann er, seine Hände zu einer Faust zu ballen. Es fiel ihm sichtlich schwer. Viel zu lange befanden sich seine Arme bereits in dieser Position, doch unermüdlich öffnete und schloss er langsam seine Fäuste, pumpte damit wieder Blut in seine Finger. Jonas spürte ein Kribbeln, schöpfte Hoffnung und bewegte seine Finger immer schneller und plötzlich glitt das Seil von seinem linken Handgelenk. Aufgrund der Tatsache, dass Jonas bereits sehr schwach war, sauste sein freier Arm zu Boden uns schlug hart auf. Ein Anflug von Wahnsinn keimte in ihm auf und er begann unkontrolliert zu lachen. Konnte es tatsächlich wahr sein? Hat sich gerade seine Fessel von selbst gelöst? Ungläubig starrte er auf seinen Arm, der regungslos an seinem Körper hing. Nach einigen Minuten des Abwägens, was er nun machen sollte, verzog sich sein Gesicht zu einer Fratze. Seine spröden, ausgetrockneten Lippen formten sich zu einem grausamen Lächeln. »Ihr Vollidioten!« schrie er durch den kalten Kellerraum. »Ihr verdammten Vollidioten!« Wieder begann er zu lachen. Er lachte laut und wusste, dass er nun Herr seiner Lage war. »Niemand kann mir etwas anhaben! Habt ihr gehört!? Niemand!« Aufgrund seiner Euphorie setzte er all seine Kraft, die noch in seinem Körper steckte, in Bewegung und stand unter Schmerzen langsam auf. Jonas stöhnte bei jeder Bewegung und trotzdem fühlte er sich als Gewinner. Er war schon immer ein Gewinner. Er wusste, wie er etwas bekommen konnte und wenn man es ihm nicht freiwillig gab, dann nahm er es sich einfach. So einfach ist das Leben. Nimm dir was du brauchst. Das war schon immer sein Lebensmotto gewesen. Nach mehrmaligen Versuchen konnte Jonas auch seinen zweiten Arm von der Fessel lösen und widmete sich danach nervös den Ketten an seinen Beinen.

»Siehst du, ich habe es dir vorausgesagt. Du schuldest mir fünfhundert Euro.« Erwartungsvoll sah sie ihn aus ihren stahlblauen und kalten Augen an. »Warte. Noch hast du diese Runde nicht gewonnen.« Aufgeregt zupfte er an seinem gestärkten Hemdkragen. »Ach komm schon. Glaube mir.« »Ich bin ganz ihrer Meinung!« Eine weitere männliche Stimme erklang aus dem Hintergrund.« Abwertend bewegte der Mann in der ersten Reihe seine Hand und sah sie an. Er rollte mit seinen Augen, um seine Meinung auch optisch kundzutun. Die Frau lächelte ihn an: »Diese Runde werde ich ganz bestimmt gewinnen. Du kannst schon mal die Scheine aus deiner Brieftasche nehmen.« »Es ist noch nicht vorbei!« antwortete er kleinlaut. »Er wird auch seine Füße befreien können und läuft danach geradewegs in meine nächste Spielrunde.« Sie kicherte leise vor sich hin und sah wieder auf den Monitor.

Sie lag in Sarahs Armen und kuschelte sich an sie. Ihre Freundin spielte mit einer Locke ihres Haares und lies sie immer wieder sanft durch ihre Finger gleiten. »Versuch zu schlafen. Ich bin hier und passe auf dich auf. Versprochen.« Um ehrlich zu sein, klang dies für Carolin ziemlich lächerlich. Wie konnte eine Frau, die einen Kopf kleiner und zierlich war, auf sie aufpassen? Doch seltsamerweise fühlte sie sich allein durch den Gedanken bereits ein wenig entspannter und sie bemerkte, wie ihre Schultern lockerer wurden. Sie schloss ihre Augen, in der Hoffnung, endlich schlafen zu können.

Sie war völlig außer Atem und Panik kroch in ihr hoch. Wo sollte sie nur hin? Wo konnte sie sich verstecken? Tränen verschleierten ihr die Sicht und ihre Gedanken überschlugen sich. »Wo bist du, Kleines?« Seine gefährlich freundlich klingende Stimme erklang. »Komm schon! Lass uns ein bisschen Spaß haben. Lass uns spielen.« Sie presste sich mit ihrem Rücken an die Wand und versuchte, so leise wie nur möglich zu atmen. Ihr Herz klopfte immer lauter und ihr Blut rauschte in den Ohren. Und trotzdem versuchte sie auszunehmen, wo er sich gerade befand. Wenn ich doch nur wieder zu den Anderen kommen könnte. Da wäre ich sicher. »Süße. Wo versteckst du dich?« Seine schweren Schritte kamen immer näher. »Ich muss schon sagen. Dass du dich vor mir versteckst, turnt mich irgendwie an. Du hast es tatsächlich drauf, Kleines.« Er blieb stehen und blickte angestrengt in die Dunkle Ecke vor ihm. Insgeheim verfluchte er sich, dass er die Glühbirnen hier im Keller noch immer nicht durch funktionierende getauscht hatte. Schließlich waren die Partys und Urlaube immer wichtiger und im Endeffekt gab es hier nichts außer alte, vergilbte und von Ratten zerfressene Möbel. Ein Anblick, den man sich nicht auch noch in voller Beleuchtung geben musste. »So sehr mir dein Vorspiel gefällt, Hübsche, so scharf bin ich auch gerade. Also komm raus und lass uns endlich spielen.» Er grinste bei den Worten und stellte erneut zufrieden fest, dass er perfekt mit Worten umgehen konnte. Er blickte wieder angestrengt in die dunkle Ecke und meinte, den Rotschopf entdeckt zu haben. Langsam ging er in die Richtung und als er näher kam, hörte er, wie ihr Atem aus Angst immer schneller wurde. Er stellte erstaunt fest, dass ihn das noch mehr erregte und seine Hände begannen leicht zu zittern. Sekunden später stand er vor ihr. »Hab ich dich.« zischte er gefährlich leise in ihr von Sommersprossen übersätes Gesicht. Und Carolin begann zu schreien. Sie trat mit ihren Füßen nach ihm, schlug mit ihren Fäusten auf ihn ein und schrie. Immer wieder. Das Wort Nein. Doch er wollte eben spielen. Sie versuchte sich zu wehren und seinen Händen zu entkommen. »Carolin! Beruhige dich! Du bist hier sicher!« Sie schlug ihre Augen auf und stellte rasch fest, dass sie nur geträumt hatte. Schweißnass lag sie da und starrte zitternd auf die Zimmerdecke. Sarah nahm sie in ihre Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind hin und her, während über ihr Gesicht einige Tränen kullerten. »Dieser Mistkerl«, murmelte Sarah wütend vor sich hin. »Dieses Schwein muss dafür büßen. Du musst mir endlich seinen Namen sagen.« Carolin presste verächtlich Luft durch ihre Lippen. »Und dann? Was willst du mit dieser Information machen?« »Ihn anzeigen?« Ungläubig schüttelte Sarah den Kopf. »Gegen dieses Schwein muss doch vorgegangen werden.« Immer wieder verwunderte sie die Reaktion ihrer Freundin. Wie konnte sie nur so stur sein? Carolin stand auf und verließ wortlos das Schlafzimmer.

»Er lässt sich aber ganz schön lange Zeit. Unser kleiner Junge macht es ganz schön spannend.« »Ja, das muss ich wohl zugeben. Das konnte er immer schon. Er machte es immer für alle spannend. Man wusste nie, wessen Leben er dieses Mal zerstören würde.« Er richtete seine wütenden Augen auf den Monitor. »Mach schon, Arschloch. Entscheide dich.«

Jonas stand inmitten des Kellerraums und betrachtete alles ganz genau. Der Raum hatte zwei Fluchtwege. Einerseits vor ihm eine alte, aber sichtlich schwere Tür, von der er nicht wusste, ob diese abgeschlossen war. Andererseits befand sich links von ihm ein kleines geschlossenes Kellerfenster. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, denn er erinnerte sich wieder an das Buch. Doch Jonas hatte keine Wahl, wenn er den Raum verlassen wollte. Er musste sich für einen Weg entscheiden und er wusste nicht, was ihn danach erwarten würde.


Wie geht es weiter?

A: Jonas versucht seine Flucht durch die Tür.
B: Er entscheidet sich für das Fenster.

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Das Formular ist bis 01.07.2018 um 20:00 Uhr geöffnet.