01. Kapitel - Kalte Gedanken

Schwere Tropfen fielen auf das Fenstersims ihres Wohnzimmerfensters. Andere Tropfen schlugen hart auf das Glas auf, nur um danach von der Scheibe abzuperlen. Sie stand im Dunkeln vor dem Fenster und beobachtete das Wasser, welches in kunstvollen Bahnen nach unten rann. Das Mondlicht warf ein schwaches Licht auf ihr blasses Gesicht. Carolin wirkte in diesem Moment trotz ihres jungen Alters krank und gebrechlich.

Als sie an das Interview zurück dachte lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Immer wieder analysierte sie die emotionslos wirkende Frau. Ihr war noch immer schleierhaft, wie man als Mutter so ruhig bleiben konnte, wenn das eigene Fleisch und Blut verschwunden war. Vielleicht stand sie unter Schock? Oder wusste sie etwa über die dunkle Seite ihres Sohnes Bescheid? War sie deswegen sogar erleichtert, dass er verschwunden war? Sie hatte auf jeden Fall ein Geheimnis. Carolin meinte sogar ab und zu ein kaltes Lächeln über den perfekt geschminkten Mund von Frau Mayer huschen zu sehen. Mehrere Stunden hatte Carolin mit ihr in dem ruhigen Café am Stadtrand verbracht und wurde trotzdem nicht schlau aus dieser Frau. Sie fröstelte wieder. Zwei Tage vor dem besagten Interview kam der Chef in ihr kleines Büro und ließ eine Akte auf ihren Schreibtisch fallen. »Was ist das?« »Deine Chance, Kleine! Deine große Chance.« Er grinste sie an. »Ich verstehe nicht. Was meinst du damit? « Er deutete mit dem Zeigefinger auf den Aktenumschlag. »Das ist die Story deines Lebens, Mädchen! Du wolltest doch einen Artikel auf der Titelseite. Nun hast du die Chance.« Erwartungsvoll sah er sie an. Carolins Augen weiteten sich vor Aufregung. »Oh mein Gott! Meinst du das ernst? Ich darf die Titelstory schreiben?« Ihre Wagen röteten sich vor Freude und brachten dadurch ihre grünen Augen noch mehr zum Strahlen. Er nickte bestätigend und sah sie dabei ernst an. »Du weißt aber, dass ich mir eine Top Arbeit von dir erwarte.« »Ja klar. Ich verspreche dir, ich gebe mein Bestes.« Mit zittrigen Fingern fischte sie die vergilbte Mappe von ihrem Tisch. »Um welche Story handelt es sich?« Während sie die Worte aussprach, öffnete sie die Akte und erstarrte. Sie blickte auf ein ihr altbekanntes Gesicht. Er war älter geworden, doch sie erkannte ihn sofort. Hastig schlug sie die Mappe zu und hielt sie ihrem Chef entgegen.

Sie schüttelte energisch ihren Kopf. »Es tut … mir leid«, stotterte sie. »Ich ... Ich kann nicht.« »Du kannst nicht? Wieso nicht?« »Ich habe meine Gründe.« Er sprang wütend hoch und schrie sie an. «Du hast deine Gründe?! Das darf doch nicht wahr sein!« Er kam Carolins Gesicht mit seinem immer näher, bis sie seinen Atem spüren konnte. Gefährlich leise zischte er: »Das ist deine einzige Chance. Wenn du diese Story nicht schreiben willst, dann kannst du deinen Schreibtisch räumen und dir einen neuen Job suchen. Und glaube mir. Ich habe Beziehungen. Dich wird keine namhafte Zeitung anstellen. Nicht mal das unbekannteste Schundblatt.« Er blitzte sie aus dunklen Augen an und Carolin musste schwer schlucken. Sie spürte, dass ihr die Angst langsam die Kehle zuschnürte und sich ihr Magen verkrampfte. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Er ist zu nah. Viel zu nah! Die Worte hallten in ihrem Kopf wider. Innerlich schrie sie um Hilfe, doch äußerlich sagte sie kein Wort. Sie fühlte sich wieder einmal schlagartig in jene Nacht zurückversetzt. Jene Nacht, die sie seit Jahren zu vergessen versuchte. Das gefährlich leise Zischen seiner Stimme. Sein Atem in ihrem Gesicht. Reiß dich zusammen! Sie schrie sich in Gedanken selbst an und rammte sich ihre Fingernägel in den linken Unterarm. Der aufkommende Schmerz half ihr dabei, bei sich zu bleiben. Die Situation realistisch zu sehen. Genauso wurde es ihr in der Therapie geraten. Sich auf eine Tatsache zu konzentrieren. Und sie fand im Laufe der Zeit etwas, das immer real existierte. Der körperliche Schmerz, den sie sich selbst zufügte. »Hörst du mir überhaupt zu? Du musst dich entscheiden. Entweder machst du es oder du packst deine Sachen.« Carolin hatte nicht bemerkt, dass sich ihr Boss in der Zwischenzeit von ihr zurückgezogen hatte und mitten im Raum stand. Sie sah in seine Augen und nickte. »Okay. Ich mache es.« »Enttäusche mich nicht, Carolin.« Sie nickte nochmals und sagte kein weiteres Wort. Als er ihr Büro verlassen hatte wurde ihr bewusst, dass sie sich ohne groß darüber nachzudenken auf ein Rendezvous mit ihrer Vergangenheit eingelassen hat. Ein mögliches Wiedersehen mit dem Teufel.

»Schatz? Alles okay?« Carolin zuckte vor Schreck im dunklen Wohnzimmer zusammen. Sie hatte nicht gehört, dass Sarah das Zimmer betreten hatte. »Alles in Ordnung. Ich konnte nicht schlafen und wollte dich nicht wecken«, antwortete Carolin leise mit dem Blick nach draußen gerichtet. Sie wollte sich nicht zu Sarah umdrehen, denn dann würde sie die Tränen in ihren Augen entdecken. Sie hatte gerade keine Lust, sich ihr erklären zu müssen. Also blieb sie weiterhin regungslos stehen. Sie wusste, dass es keine zehn Sekunden dauern würde, bis Sarah sie von hinten in ihre Arme nahm. Carolin hatte schon immer ein Gespür für ihre Mitmenschen und sie beherrschte die Kunst der Manipulation. Als sie vor nun fast zehn Jahren feststellte, dass in ihr Potential schlummerte, absolvierte sie eine lange Ausbildung im Neurolinguistischen Programmieren. Sie lernte, wie man mit seinem Gegenüber die richtige Verbindung aufbauen konnte oder einen Menschen so weit brachte, dass er davon überzeugt war, dass eine Idee nur von ihm stammen konnte. Ihr Lehrer war von Anfang an davon überzeugt, dass Carolin es noch weit schaffen würde. Doch nach jener Nacht wendete sie ihr Wissen nur mehr sehr selten an. Sie hatte damals nicht aufgepasst, hatte einen Fehler begangen und dies rächte sich bald. Mit Leichtigkeit wäre sie bis in die obersten Etagen der seriösesten Zeitungen gekommen, doch das wollte sie danach nicht mehr. Ihr einziger Wunsch war es, in Frieden zu leben, in die Zukunft zu blicken und die Vergangenheit vergessen zu können.

Sarah trat an sie heran und legte die Arme um Carolins Hüfte. Sie schmiegte sich wie eine kleine Katze an sie. Carolin genoss die Zuneigung und Zärtlichkeit und musste dabei zufrieden lächeln. Vor einem Jahr hätte sie es sich nicht träumen lassen, dass eine Frau sie glücklich machen konnte. Doch Sarah überzeugte sie vom Gegenteil. Sie gab Carolin das, was sie sich so sehr wünschte. Einen Menschen, dem sie endlich wieder vertrauen konnte. Einen Menschen, der sich in sie einfühlen konnte. Einer der Gründe warum sie mit Sarah eine Beziehung eingegangen ist war, dass Sarah ihr körperlich unterlegen und somit keine Gefahr für sie darstellte. Sie konnte sich bei ihr sicher sein, dass sie sie nie verletzen konnte. Körperlich nicht und emotional schon gar nicht. Denn sie ließ schon lange niemanden mehr emotional an sie ran. Sie verschloss ihr Herz und schützte sich so gegen weitere Verletzungen.

»Schatz, komm wieder ins Bett. Ich vermisse dich.« Sarah hauchte ihr die Worte sanft in den Nacken und Carolin schloss ihre Augen. Dabei bahnte sich eine einzelne Träne ihren Weg über ihre Wange voller Sommersprossen.


Auch er verlor genauso wie Carolin die eine oder andere Träne. Auch er verlor sie aufgrund seines Schmerzes. Doch bei ihm handelte es sich um eine ganz andere Pein, denn sein Schmerz saß nicht in seinem Herzen, sondern über seinem Herzen. In einem kunstvollen Schriftzug wurde das Wort Verräter in seine Haut gebrannt. Er roch noch immer das verbrannte Fleisch und es erinnerte ihn ironischerweise an den letzten Grillabend bei einem Autorenkollegen. Er kämpfte immer wieder gegen die aufkommenden Tränen an, denn er wollte sich nicht die Blöße geben, als Weichei dazustehen. Nicht gegenüber seiner verdammten Familie, auch wenn er gerade alleine war. Seinen Verdacht bestätigte ihm eine nackte Glühbirne, die von der Decke baumelte und die Mitte des Raumes mit ihrem schwachen Licht ausleuchtete. Nur in den Ecken des Raumes konnte er nichts erkennen und das machte in nervös. Jonas dachte an das Buch, welches er erst vor kurzem gelesen hatte und erschaudertet als ihm die Szene des entführten und in Ketten gelegten Autors in den Sinn kam. Nach kurzer Zeit wandelte sich die Angst in und eine unbeschreibliche Wut, die in ihm hoch kroch. Sie kratzte an seinen Eingeweiden und suchte einen Weg aus seinem Inneren. Sie wurde immer stärker und Jonas Atem beschleunigte sich. »Ihr verdammten Schweine!« Er spuckte die Worte förmllich mitten in den Raum. »Lasst mich sofort hier raus! Ich werde euch alle verklagen, ihr miesen Arschlöcher! Einsperren lass ich euch!« Der Mann wand sich und versuchte sich von seinen Fesseln zu befreien. »Ihr seid doch alle Feiglinge. Ihr habt niemals den Mumm, mich zu töten! Ihr werdet niemals so sein wie in dem Buch!« Doch seine Gedanken sprachen eine andere, eine kalte Sprache, denn sie gaben ihm nicht recht.



Wie geht es weiter?

A: Das schwache Deckenlicht geht aus.
B: Es löst sich eine Fessel.

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Das Formular ist bis 17.06.2018 um 20:00 Uhr geöffnet.